Vergleich DDR - BRD

So viel Netto blieb DDR-Bürgern wirklich vom Brutto

Wie viel Geld kam in der DDR wirklich bei den Werktätigen an? Lohnsteuer, Abzüge, Zuschläge – der große Vergleich zu heute.

Author - Stefan Henseke
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Eine Arbeiterin poliert ein Maschinenteil im VEB Schwermaschinenbau Karl Liebknecht in Magdeburg.  Schichtarbeuter profitierten damals von meist steuerfreien Schicht- und Nachtzuschlägen.
Eine Arbeiterin poliert ein Maschinenteil im VEB Schwermaschinenbau Karl Liebknecht in Magdeburg. Schichtarbeuter profitierten damals von meist steuerfreien Schicht- und Nachtzuschlägen.Pemax/imago

Die DDR war das Land der Arbeiter und Bauern, so hieß es offiziell. Arbeit war nicht nur ein Recht, sondern Pflicht. Ende 1989 gab es in der DDR rund 8,55 Millionen Berufstätige – enorm für ein Land mit nur gut 16 Millionen Einwohnern. Der durchschnittliche Bruttolohn lag damals bei 1300 Mark der DDR. Doch wie viel kam davon bei den Werktätigen wirklich an, wie viel netto vom brutto gab es in der DDR?

So viel schluckt der Staat heute vom Brutto

Heutzutage sind Gehaltszettel eine Aneinanderreihung von Zahlenkolonnen. Besonders schmerzhaft: die der Abzüge. Schnell löst sich da fast die Hälfte des Bruttos in Luft auf. Allein für die Lohnsteuer werden je nach Einkommen und Steuerklasse automatisch zwischen 14 und 45 Prozent abgezogen.

Minimiert wird das Brutto aber auch von Krankenkassenbeitrag (im Schnitt 8,75 Prozent), Pflegeversicherung (1,8 bis 2,1 Prozent), Rentenversicherung (9,3 Prozent) und Arbeitslosenversicherung (1,3 Prozent). Dazu kommt bei manchem noch die Kirchensteuer.

In der DDR dagegen brauchte es kein DIN-A4-Blatt und mehr für die Gehaltsabrechnung. Da war der Lohnzettel eher ein ganz schmaler Papierstreifen. Das zeigt die Lohnabrechnung eines DDR-Lehrers, der auf der Internetseite von „Kosmonaut: Made in GDR“ zu sehen ist.

So niedrig waren Steuern und Abzüge im Osten

Drei Zeilen reichen für die Gehaltsabrechnung aus dem November 1989 aus. Zeile 1 – die Zahlungen: das Bruttogehalt von 1330 Mark, 126,66 Mark Zuschläge, 150 Mark Kindergeld. Zeile 2 – die Abzüge: 162 Mark Lohnsteuer, 60 Mark Sozialversicherungsbeitrag, 18 Mark FDGB-Beitrag (Gewerkschaft, wurde bar bezahlt). Zeile 3 – das Netto: 1384,66 Mark. Mit Kindern und Zuschlägen konnte das Netto in der DDR sogar über dem Brutto liegen.

Die Höhe und die Menge der Lohnabzüge waren in der DDR wesentlich geringer als heute. Arbeiter und Angestellte mussten zum Beispiel maximal 20 Prozent Lohnsteuer zahlen, viele aber deutlich weniger.

Ein Physiklehrer aus der DDR erläutert an einer der Schultafel ein Schaltbild. Lehrer verdienten Ende der 80er Jahre 1300 Mark und mehr.
Ein Physiklehrer aus der DDR erläutert an einer der Schultafel ein Schaltbild. Lehrer verdienten Ende der 80er Jahre 1300 Mark und mehr.Frank Sorge/imago

Mit dem SV-Beitrag wurde die Alles-in-einem-Versicherung abgegolten. Zur Sozialversicherung gehörten Kranken-, Unfall- und Rentenversicherung.

Die Beiträge dafür waren gedeckelt und lagen für Arbeiter und Angestellte bei 20 Prozent des Bruttoeinkommens. Er wurde zu gleichen Teilen (je 10 Prozent) von Arbeitnehmern und Betrieben getragen. Viele, wie der Lehrer in unserem Beispiel, zahlten aber freiwillig mehr, um höhere Rentenansprüche zu erwerben.

Das zu zahlende Kindergeld war gestaffelt. Jeweils 20 Mark pro Monat gab es für das erste und zweite Kind, 50 Mark für das dritte und 60 Mark für das vierte. Ab dem fünften Kind gab es jeden Monat 70 Mark.

Warum Zuschläge in der DDR fast steuerfrei waren

Wichtig: Die Zuschläge für Sonntags-, Feiertags- und Nachtarbeit waren in der DDR weitgehend lohnsteuerfrei. Davon profitierten natürlich vor allen Dingen Schichtarbeiter, von denen es in der DDR Hunderttausende gab. Die Zuschläge waren ebenfalls von Beiträgen zur Sozialversicherung befreit.

Lohnprämien und Lohnzuschläge waren in der DDR ein wichtiger Lohnbestandteil. Im Schnitt erhielten Produktionsarbeiter als Extra zum Bruttolohn 251 Mark Lohnprämie und 132 Mark Schicht- und Erschwerniszuschläge.

Zweite Lohntüte: So erhöhte die DDR das Einkommen

Und dann gab es natürlich noch das, was damals als „zweite Lohntüte“ bezeichnet wurde – staatliche Subventionen und Sozialleistungen, die das Realeinkommen der Bürger erhöhten. Nicht nur Lebensmittel und Mieten wurden subventioniert. Auch Urlaube (eine Woche im FDGB-Ferienheim für 60 Mark) gab es billiger, auch Strom (0,08 Mark pro Kilowattstunde) und Gas (0,16 Mark pro Kubikmeter) waren bezahlbar.

Dafür musste in der DDR aber auch mehr gearbeitet werden. Es gab eine gesetzlich geregelte Wochenarbeitszeit von 43,75 Stunden (8,75 Stunden pro Tag), nur Schichtarbeiter und Frauen mit zwei und mehr Kindern hatten einen 40-Stunden-Tag.

Und es gab weniger Urlaub: Standard waren nur 18 Tage, vor 1979 waren es sogar noch drei Tage weniger. Vorteile hatten nur Frauen und alleinstehende Männer – die bekamen einen freien Haushaltstag pro Monat.

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