Wenn in Deutschland große Auto-Geburtstage gefeiert werden, steht meist der Trabant im Rampenlicht. Der Wartburg 353 läuft dagegen selbst im Jubiläumsjahr oft nur hinterher – zu kantig, zu nüchtern, zu wenig Kult. Und doch wird genau dieser Eisenacher jetzt 60 Jahre alt.
Wartburg 353 wird im Juni 2026 60 Jahre alt
Der im Juni 1966 vorgestellte Wartburg 353 sollte den älteren Wartburg 311 ablösen und dem Automobilwerk Eisenach die Zukunft sichern. Seine sachlich gezeichnete Karosserie stammte von Hans Fleischer und den beiden Formgestaltern Clauss Dietel und Lutz Rudolph.
Technik gilt im Ostblock als durchaus fortschrittlich
Dazu kamen Frontantrieb, Einzelradaufhängung, Doppelquerlenker vorn, Schräglenker hinten, 12-Volt-Anlage und vollsynchronisiertes Getriebe – also Technik, die im Ostblock durchaus als fortschrittlich galt.

Genau darin lag aber auch der Widerspruch dieses Autos. Denn unter dem Blech arbeitete weiter ein wassergekühlter Dreizylinder-Zweitaktmotor mit 993 Kubikzentimetern Hubraum, dessen Wurzeln letztlich bis zu Vorkriegskonstruktionen von Dampfkraftwagen (DKW) reichten.
Auto beliebter als der Trabant
Das typische Knattern, die blaue Abgasfahne und der Geruch des Öl-Benzin-Gemischs machten den 353 unverwechselbar. Unter Wartburg-Fahrern entstand daraus ein legendärer Spruch: Man fahre zwar ein Auto, müsse aber nur ein Motorrad warten.
In der DDR wurde der Wartburg 353 schnell zum begehrten Familienauto über dem Trabant. Die Limousine bot mehr als 500 Liter Kofferraumvolumen, der Tourist wurde zum robusten Lastenträger für Familien, Handwerker und Campingfreunde. Auch die stabile Stahlkarosserie verschaffte ihm einen Vorteil gegenüber dem Trabant mit seiner Duroplast-Hülle.
Auto war auch im Staatsdienst allgegenwärtig
Wer einen Wartburg wollte, brauchte allerdings Geduld: Wartezeiten von zehn bis fünfzehn Jahren waren keine Ausnahme, sondern Alltag. Gleichzeitig war der 353 allgegenwärtig im Staatsdienst – bei Volkspolizei, Behörden und Rettungsdiensten.
Dass aus dem Wartburg viel mehr hätte werden können, zeigt der Blick in die Entwicklungsgeschichte. Im Museum „automobile welt eisenach“ und beim Verein Automobilbau Museum Eisenach ist bis heute zu sehen, wie viele Prototypen und Ideen in den Schubladen verschwanden. Der Prototyp 355 verwirklichte Ende der 1960er-Jahre bereits ein modernes Fließheck, das seiner Zeit voraus war. Doch die DDR-Staatsführung blockte ab und kanzelte das Modell als „Auto für Playboys“ ab.
Mehr als eine Million Exemplare des Wartburg 353
Auch bei den Motoren fehlte es nicht an Einfällen – es fehlte vor allem an politischem Ja. Erst 1988 kam mit dem Wartburg 1.3 der große Schnitt: ein VW-Lizenzmotor, teuer erkauft und in der DDR wegen des hohen Preises von vielen Bürgern kritisch gesehen.

Trotz aller Schwächen schrieb der 353 eine gewaltige Ost-Auto-Geschichte. Insgesamt entstanden 1.225.429 Exemplare des Wartburg 353 und 353 W, mehr als die Hälfte davon ging in den Export. In Großbritannien wurde der Wagen sogar als „Knight“ verkauft. Später brachen die westlichen Märkte wegen schärferer Abgasvorschriften aber zunehmend weg, und der Export verlagerte sich in die RGW-Staaten. Nach der politischen Wende war endgültig Schluss: Im April 1991 starb die Marke Wartburg, heute baut Opel in Eisenach Autos.
Wartburg 353 hat heute einen großen Wert
Ganz verschwunden ist der Wartburg trotzdem nicht. Laut aktuellen Daten des Kraftfahrt-Bundesamtes sind in Deutschland noch rund 9.100 Fahrzeuge der Marke zugelassen, die meisten davon in Sachsen, Thüringen, Brandenburg und Sachsen-Anhalt.
Parallel dazu ziehen die Preise an: Für gut erhaltene Wartburg-353-Limousinen werden inzwischen teils rund 10.000 Euro verlangt. Der 353 ist damit längst mehr als ein Relikt der DDR. Er steht für technische Kreativität, die immer wieder an der Planwirtschaft zerschellte – und genau deshalb ist dieser kantige Eisenacher auch 60 Jahre nach seinem Debüt noch immer ein Auto, das man nicht vergessen sollte.




