Ost-Wörter, die keine sind! Diese Begriffe haben sich Wessis ausgedacht

Über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung hält sich ein sprachlich-amüsantes Phänomen erstaunlich hartnäckig. Westdeutsche erfanden Wörter, von denen sie überzeugt waren, sie seien „typisch Ost“.

Author - Stefan Tappert
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 Die "Pappe" war eine echte ostdeutsche Autobezeichnung für den Trabi
Die "Pappe" war eine echte ostdeutsche Autobezeichnung für den TrabiIMAGO/SC

Das große Missverständnis der Einheit

Ostdeutsche wiederum lasen diese Begriffe und fragten sich, ob im Westen Literaten mit besonders lebhafter Fantasie am Werk waren. Entstanden ist ein kurioses Lexikon aus Fantasiebegriffen, die nie jemand östlich der Elbe benutzt hat, außer vielleicht, um sich über genau diese Missverständnisse lustig zu machen.

Die Klassiker der westdeutschen Ossi-Fantasie

Wessis neigen zu liebevoller Systematik und manchmal auch zur Erfindung von Worten, die vermeintlich logisch klingen. So glaubten viele, dass der Osten Begriffe wie „Ossi-Cola“ benutzt hätte, wenn er eine eigene Brause entwickelte. Dabei hieß sie schlicht Club-Cola, ohne Etikett für politische Geografie. Ähnlich kreativ war die Idee der „Trabi-Suppe“, angeblich Ostdeutsch für Abgase. Kein Mensch im Osten sagte das je, außer vielleicht in einem Kabarettprogramm.

Der Broiler ist tatsächlich ein ostdeutsches Wort, aber die „Broilerstation“ ist eindeutig ein westdeutsches Werk, das vermutlich aus der Vorstellung entstand, jede Tätigkeit im Sozialismus brauche einen offiziellen Funktionsort. Auch das sagenumwobene „Aufbau-Brötchen“ schaffte es in die Liste der westlichen Erfindungen, obwohl im Osten seit jeher Schrippen, Semmeln oder einfach Brötchen gegessen wurden.

Die „Ost-Kennzeichen-Karawane“ wiederum machte jedes harmlose Urlaubsmanöver ostdeutscher Familien zur Straßenlegende. Und der „NVA-Parka“ war im Westen Kult, während er im Osten einfach eine Jacke war, ohne ideologische Selbstinszenierung. Der Höhepunkt dieser frühen Fantasiephase: „Plattenkids“, ein Begriff, der stets aus Mündern kam, die noch nie einen Neubauflur betreten hatten.

In diesen Büchern stehen die echten Ostbegriffe wie Brigadier und Disponentin.
In diesen Büchern stehen die echten Ostbegriffe wie Brigadier und Disponentin.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Die zweite Welle der Fantasiebegriffe

Später entdeckten Wessis ihre besondere Liebe für bürokratisch klingende Konstrukte. So wurde die „Jahresendzeitfigur“ berühmt – ein Westbegriff, der klingt, als hätte Kafka den Weihnachtsmann organisiert. Im Osten sprach man schlicht vom Weihnachtsmann, und zwar ohne staatlich vorgeschriebene Terminologie.

Zur gleichen Kategorie gehört auch die dramatisch aufgeladene „Begrüßungsgeld-Schlange“, während Ostdeutsche einfach sagten: „Wir haben angestanden.“ Das herrlich poetische „Mauerblümchen der Planwirtschaft“ schaffte es ebenfalls in westdeutsche Feuilletons, obwohl im Alltag niemand so sprach. Ebenso erfunden wirkt das kulinarische Meisterstück „Sozialismus-Standardbrot“, ein Wort, das wahrscheinlich bei einer satirischen Küchendiskussion entstand.

Plattenflair und Bückware

Das erfundene Gericht „Genossenschaftsgulasch“ wurde ebenfalls gerne benutzt, wenn Wessis erklären wollten, wie im Osten gekocht wurde – obwohl dort ganz normales Gulasch serviert wurde. Auch „Plattenflair“ ist ein typischer Westbegriff: ein Versuch, graue Wohnblöcke poetisch aufzuhübschen, während Ostbewohner schlicht sagten: „Das ist unser Neubaublock.“

Dasselbe gilt für die „Kinderkombinat-Krabbelgruppe“, die laut einiger Westredaktionen eine Art institutionelles Raumschiff gewesen sein muss, in Wirklichkeit jedoch ein ganz normaler Kindergarten war. Die „Intershop-Touristen“ wiederum existierten hauptsächlich in westlichen Reportagen, die suggerierten, Ostbürger hätten Schaufenster wie eine Safari betrachtet. Und die erfundene „Bückware-Boutique“ krönt schließlich diese linguistische Blütezeit – ein Begriff, der so absurd ist, dass man ihn fast wieder liebhaben könnte.

Ostprodukte bekamen oft ganz eigene Namen von den Käufern
Ostprodukte bekamen oft ganz eigene Namen von den KäufernBenjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Warum diese Fantasie so hartnäckig bleibt

Die schönsten deutsch-deutschen Missverständnisse entstehen dort, wo Vorstellungskraft auf Realität trifft. Der Westen liebte die Idee einer geheimnisvoll-bürokratischen DDR voller schräger Begriffe, der Osten lachte über diese Projektionen – manchmal erst später, manchmal sofort. Herausgekommen ist ein Wörterbuch der Irrtümer, das heute beide Seiten amüsiert und zeigt, wie kreativ Missverständnisse sein können, wenn sie mit genügend Selbstbewusstsein verbreitet werden.

Sprache vereint und fördert den Humor

Am Ende sind es genau diese absurden Worterfindungen, die beweisen, wie eng Ost und West inzwischen miteinander verwoben sind. Beide Seiten lachen darüber, wie ernst man die eigene Fantasie einst nahm. Die Wessis, weil sie glaubten, diese Begriffe seien authentisch. Die Ossis, weil sie sie nie benutzt haben. Und gemeinsam stellen beide fest: Wo Missverständnisse entstehen, wächst irgendwann Humor – und vielleicht ist das die charmanteste Form von Einheit, die wir haben.

Die Ausbeute: Im Adventskalender zur DDR stecken viele spannende Ostprodukte, aber auch das eine oder andere Produkt zum Füllen.
Die Ausbeute: Im Adventskalender zur DDR stecken viele spannende Ostprodukte, aber auch das eine oder andere Produkt zum Füllen.Stefan Tappert/Berliner KURIER

Die wahren Ostbegriffe waren diese

Ostwörter mit „Übersetzung“:
  • Broiler: Brathähnchen
  • Jägerschnitzel: Gebratene, panierte Jagdwurst
  • Delikat: Spezialitätenladen für Essen
  • Exquisit: Spezialladen für Mode
  • Fress-Ex: Die Mischung aus beiden Spezialläden
  • Plaste: Plastik
  • Dederon: Kunstfaser
  • Niethose: Jeans
  • Anorak: Jacke
  • Bückware: Mangelware, die unter dem Ladentisch verkauft wurde
  • Datsche: Gartenlaube, Wochenendhaus
  • Erdmöbel: Sarg
  • Das fetzt!: Das ist cool, macht Spaß.
  • Planerfüllung: Erreichen der Produktionsziele.

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