Ost-Berlin

„Ich wurde im DDR-Knast geboren“

Detlef Jablonski wuchs ohne Liebe auf, wurde geschlagen, überwacht und eingesperrt. Sein einziges Ziel: seine Mutter im Westen.

Author - Paula Hitzemann
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Heute ist der 70-Jährige Autor, Musiker und Zeitzeuge an Berliner Schulen.
Heute ist der 70-Jährige Autor, Musiker und Zeitzeuge an Berliner Schulen.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Geburt im Gefängnis, Kinderheim, Pflegefamilie, Arbeitslager, Stasi im Nacken. Detlef Jablonski wächst in einem System auf, das ihn zum „Staatsfeind“ macht – obwohl er nur ein Kind ist, das zu seiner Mutter will. Heute erzählt er von seiner Geschichte, die einen sprachlos macht.

Kindheit voller Gewalt

Jablonski wächst in Ost‑Berlin bei Pflegeeltern auf. Das Problem: Es sind nicht seine Eltern, aber das weiß er lange nicht. „Ich habe mit sieben oder acht erfahren, dass die Frau, die mich verprügelt, gar nicht meine Mutter ist“, erzählt er.

Jablonski wuchs bei Pflegeeltern auf, die ihn mit Verboten und Prügel erzogen.
Jablonski wuchs bei Pflegeeltern auf, die ihn mit Verboten und Prügel erzogen.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Seine Pflegemutter, eigentlich seine Tante, behandelt ihn wie einen Dienstboten. „Ich musste Holz hacken, Kohlen holen, putzen, einkaufen. Wenn ich nicht funktioniert habe, habe ich Schläge gekriegt.“ Der Alltag besteht aus Arbeit, Strafen und Angst. Zuwendung oder Geborgenheit erlebt er nicht. Stattdessen wächst er in einem Umfeld auf, das ihn kontrolliert und klein hält.

Die Wahrheit kommt zufällig ans Licht

Dass sein Leben auf einer Lüge basiert, erfährt er nicht von seiner Familie, sondern von einer Zeitungsverkäuferin.

Die sagte einfach: Das ist gar nicht deine Mutter. Da bin ich nach Hause und habe gesagt: Du bist nicht meine Mutter. Und sofort kam die Ohrfeige.“

In diesem Moment bildet sich für Jablonski ein Bild im Kopf: fliehen, ab in den Westen – zu Mama. Für den Jungen wird sie zur Projektionsfläche aller Sehnsüchte. „Mama ist die Größte, Mama ist die Beste“, sagt er rückblickend. Heute sieht er klarer: „Das war ein Idealbild, das vermutlich durch das Bindungshormon Oxytozin entstanden sein muss. Alles, was mir gefehlt hat, habe ich in sie hineinprojiziert“

Jablonski schrieb Briefe an seine Mutter im Westen, um die Beziehung aufrecht zu erhalten. Die Stasi las alles mit.
Jablonski schrieb Briefe an seine Mutter im Westen, um die Beziehung aufrecht zu erhalten. Die Stasi las alles mit.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

Was kurz vor und nach seiner Geburt passiert ist, erfährt Jablonski erst viel später: 1955 wurde er im Haftkrankenhaus eines Frauengefängnisses geboren, landet danach im Kinderheim und schließlich bei seiner Tante. Die Mutter geht in den Westen, der Vater interessiert sich nicht für ihn.

Erster Fluchtversuch mit 14

Mit 14 Jahren wagt er den ersten Ausbruch. Zusammen mit zwei Freunden plant er die Flucht über Tschechien. „Abenteuerlust“, nennt er heute als Grund. Doch sie werden entdeckt, verhaftet und zurückgebracht. Sie landen in einem Durchgangsheim. Nur durch Kontakte und Glück entgehen sie einer harten Strafe. „Sonst wären wir im Jugendwerkhof gelandet“, sagt Jablonski. Die Erfahrung hinterlässt Spuren, aber sein Wunsch zu fliehen bleibt.

Zweiter Versuch – und Gefängnis

Mit 18 versucht er es erneut, diesmal allein. Sein Plan: über Prag in den Westen. Doch schon im Zug gerät er ins Visier der Behörden. „Ich lag im Abteil, da kam eine Zöllnerin, hat meinen Koffer durchsucht. Kurz danach stand ein Mann mit einer Kalaschnikow vor mir: Hände hoch.“ Die Konsequenz ist hart: Er wird zu einer 10-monatigen Haftstrafe verurteilt.

Für den jungen Mann bricht in diesem Moment alles zusammen. Die Flucht ist vorbei, bevor sie begonnen hat. Erst Jahrzehnte später erfährt er den Grund: Sein einfaches One‑Way‑Ticket hat ihn verdächtig gemacht.

Arbeitslager „Schwarze Pumpe“

Jablonski landet im DDR‑Arbeitslager Schwarze Pumpe, einem Ort, den er nie vergessen wird.

Ich dachte, ich bin im KZ.

Sternförmig angeordnete Baracken, Wachpersonal in Uniformen und hohen Schaftstiefeln, strenge Regeln und eine Atmosphäre permanenter Angst. Er wird entlaust, kahlgeschoren und zur schweren körperlichen Arbeit gezwungen. Gewalt, Druck und Willkür prägen seinen Alltag.

Seine OPK‑Akte zeigt, wie Jablonski auf jedem Schritt von der Stasi überwacht wurde.
Seine OPK‑Akte zeigt, wie Jablonski auf jedem Schritt von der Stasi überwacht wurde.Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung

„Du bist denen komplett ausgeliefert”, erinnert er sich. Das meiste aus dieser Zeit behält er lange für sich. Erst Jahrzehnte später spricht er öffentlich darüber und beschreibt die Zustände unverschönt.

Leben danach: Arbeit, Alkohol, Absturz

Nach seiner Entlassung geht das Leben einfach weiter, es gibt keine Zeit zur Verarbeitung. „Arbeiten, saufen, arbeiten, saufen“, beschreibt er diese Phase. Er findet keinen Halt, keine Stabilität, und frei fühlt er sich erst recht nicht. Freunde hat er keine, Beziehungen sind schwierig, die Stasi folgt ihm auf Schritt und Tritt.

Der lang ersehnte Traum

Sein größter Wunsch erfüllt sich schließlich 1987 durch einen Ausreiseantrag – und zerbricht sofort: die Beziehung zur Mutter im Westen. Nach seiner Ausreise sucht er ihre Nähe, hofft auf Anerkennung und Liebe. Doch stattdessen hört er Sätze, die ihn tief treffen: „Du hast mir die meisten Probleme gemacht. Deine Geburt war die schlimmste.“  Das Idealbild der Mutter zerfällt und hinterlässt eine Leere, die ihn noch lange begleitet.

In seinem Buch erzählt Jablonski seine Geschichte trotz aller Tragik mit einer erfrischenden Komik.
In seinem Buch erzählt Jablonski seine Geschichte trotz aller Tragik mit einer erfrischenden Komik.Paula Hitzemann/Berliner Kurier

Erst viele Jahre später beginnt er, seine Geschichte aufzuarbeiten. Schritt für Schritt setzt er sich mit seiner Vergangenheit auseinander, hört auf zu trinken, beginnt zu sprechen. Heute sagt er: „Hass bremst, Wut bremst. Das bringt nichts.“ Stattdessen entwickelt er eine neue Haltung zum Leben. Sein Leitsatz lautet: „Amor Fati – liebe dein Schicksal. Liebe es bedingungslos, demütig und respektvoll, denn Du hast kein anderes.“

Die Arbeit als Zeitzeuge

Heute ist Detlef Jablonski Autor, Liedermacher und Zeitzeuge, ein humorvoller und offener Mensch. Er besucht Schulen, spricht vor jungen Menschen und erzählt seine Geschichte. Sein Buch „Einer von Tausend. Eine Berliner Geschichte“ ist eine schockierende wie authentische Geschichte aus der Mitte des geteilten Berlins.

„Alles, was du aussprichst, befreit die Seele“, sagt er. Sein Schicksal steht exemplarisch für viele, über die lange nicht gesprochen wurde und seine Erinnerungen geben Einblick in eine Seite der DDR, die oft im Verborgenen blieb.

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