Auch wenn die Wege Richtung Westen blockiert waren: Der DDR-Bürger galt als „Reise-Weltmeister“. Der Osten reiste sogar mehr als der Westen. 80 Prozent der DDR-Bürger über 14 Jahren verreisten mindestens einmal im Jahr für mindestens fünf Tage. Im Westen waren es nur 67 Prozent. Das sind zumindest die Zahlen für das Jahr 1989. Doch an einen Urlaubsplatz zu kommen, war nicht einfach: Für die Reiselust gab es einfach zu wenige (offizielle) Plätze. Und nicht wenige Reisen verscherbelte die DDR auch gegen D-Mark – per Genex-Katalog.
DDR: So kam man damals an einen Urlaubsplatz
In der DDR gab es 35 Interhotels mit 16.000 Betten und 694 gewerkschaftseigene FDGB-Ferienheime. Reisen boten sowohl das Reisebüro der DDR als auch Jugendtourist an. Der größte Reiseveranstalter der DDR war aber der FDGB-Feriendienst (2 Mio. Reisen pro Jahr).
34 Prozent der Übernachtungen entfielen auf betriebliche Unterkünfte, 26 Prozent auf staatliche Campingplätze und 19 Prozent auf FDGB-Ferienheime. Campen war beliebt, ob offiziell oder illegal. Einen Platz für sein Zelt fand man fast immer.
Wie vieles in der DDR war es auch schwer, einen Reiseplatz zu ergattern – wenn man nicht im richtigen VEB (Volkseigener Betrieb) mit eigenen Ferienheimen arbeitete oder jemanden kannte, der irgendwie Beziehungen zu einem Reisebüro hatte.
Es gab aber auch noch den sogenannten Graumarkt bei Reisen – Private, die Zimmer per Kleinanzeigen in Zeitungen anboten. Und das Reisen per Kleinanzeigen funktionierte nicht nur in der DDR, sondern auch bei Reisen nach Polen, in die Tschechoslowakei oder nach Ungarn. So kam ich Mitte der 80er-Jahre nach Prag.

Im Kleinanzeigenteil der Berliner Zeitung fand ich ein kurzes, dreizeiliges Inserat über ein Zimmer in Prag. Mit Preis und Telefonnummer. Ich rief an, versuchte einen freien Termin zu finden und überwies das geforderte Geld – ohne genau zu wissen, was ich da wirklich gebucht hatte. Aber es funktionierte.
Hotel Neptun: Urlaub an der Ostsee kostete 1000 D-Mark
Aber wie bei vielen Dingen in der DDR gab es auch eine Abkürzung, um an einen Ferienplatz zu kommen. Und die Abkürzung hieß wie immer: D-Mark. Neben den „normalen“ Genex-Katalogen gab es auch eine Extra-Ausgabe für Urlaubsreisen – genannt „Geschenkreisen für Bürger der DDR“. Für all die, die spendable Westverwandte hatten, und für die DDR-Bürger, die über Valutakonten verfügten.
Genex – das stand für „Geschenkdienst- und Kleinexporte GmbH“. Hinter dem harmlosen Namen steckte eine Stasi-Firma unter der Regie von Schalck-Golodkowski. Ihr Auftrag: Für die SED begehrte D-Mark kassieren. Wer Westgeld hatte, bekam über Genex all das, was in der DDR Mangelware oder für normale Bürger praktisch unerreichbar war – von begehrten Konsumgütern bis hin zu Autos. Und auch Reisen.

Angeboten wurden in diesen Katalogen sowohl Reisen innerhalb der DDR als auch ins (sozialistische) Ausland – von Bulgarien über den Kaukasus bis hin in die Mongolei.
„Genex ermöglicht Zimmerreservierungen in nahezu allen Interhotels der DDR“, hieß es in dem Katalog. „In gepflegter Atmosphäre wird dem Gast ein angenehmer Aufenthalt und eine ausgezeichnete gastronomische Versorgung in hauseigenen Einrichtungen des Hotels geboten.“ Besonders teuer: das Hotel Stadt Berlin am Alexanderplatz. Hier kostete eine Woche mit Vollpension 726 DM. Preiswerter war Interhotel-Urlaub in Suhl (605 DM) und Gera (635 DM).

Getoppt wurde das alles vom Urlaub an der Ostsee – im luxuriösen Hotel Neptun in Warnemünde, ganz in der Nähe vom Leuchtturm. Angepriesen werden im Katalog ein Meereswasserbrandungsbad, ein Swimmingpool und zwölf gastronomische Einrichtungen. Für ein Zweibettzimmer in der Hochsaison (2. Juni bis 1. September) mit Vollpension verlangte Genex glatte 1000 DM. Für ein Extra-Kinderbettchen wurden noch einmal 65,50 DM verlangt.
Ansonsten wurde im Genex-Katalog alles angeboten, wovon der DDR-Urlauber träumte – abgesehen von Reisen in den Westen. Eine Woche im Luxushotel im bulgarischen Varna kostete mit Flug 1407 DM, am Balaton in Ungarn bis zu 1596 DM und am Schwarzen Meer in Rumänien bis zu 1272 DM.
Die teuerste und weiteste Reise: Urlaub in der Mongolei
Die Sowjetunion war ebenfalls im Angebot. Damals ein Traumreiseziel für viele: eine Wolga-Schiffsreise (948 bis 1324 DM) oder eine Kreuzfahrt auf dem Schwarzen Meer (925 bis 1171 DM) – alles ohne Flüge. Auch Reisen durch Sibirien (1365 DM) wurden gegen Westgeld verkauft, ebenso Rundreisen durch Mittelasien (1303 DM). Hier ging es von Moskau über Alma-Ata, Frunse, Taschkent, Duschanbe und Aschchabad zurück nach Moskau.



