Ein unscheinbarer Bildband, ein Experiment, entwickelte sich zu der Überraschung in Sachsen und darüber hinaus. Unter dem Titel „Ostdolce Vita“ haben ein sächsischer Pfarrer, Justus Geilhufe, und ein westdeutscher Fotograf, Tobias Westen, einen Sommer lang den Alltag im Osten dokumentiert – und damit einen Nerv getroffen. Ihr Buch war schneller ausverkauft, als sie selbst es für möglich hielten.
Echte Menschen in ihrer natürlichen Umgebung
Die beiden sind damals durch Werkstätten, Dörfer, Kleinstädte und Wohnviertel in Sachsen gereist, haben Menschen in ihrem Umfeld begleitet und Orte besucht, die eher selten bis nie im Rampenlicht stehen. Entstanden ist ein 156‑seitiger Band, der eine Region zeigt,wie sie ist: bodenständig, herzlich, manchmal rau, aber voller Charakter.
Westen und Geilhufe blicken voller Liebe auf Sachsen. Statt gängiger Klischees rücken sie das in den Vordergrund, was den Alltag dort prägt: Handwerk, Tradition, Gemeinschaft und ein Lebensgefühl, das sich nicht inszenieren muss.
Wie in der Toskana brökelnde Mauern und Nonnas, die alte Rezepte verraten vergöttert werden, so finden sie auch in Saschen anbetungswürdige Einfachheit und Stolz darauf. All das zusammenist dann Ost Dolcevita.

Viele der Porträts zeigen Menschen, die anpacken, gestalten und ihre Heimat prägen – von jungen Unternehmerinnen bis zu Kunsthandwerkern, die jahrzehntealte Techniken weiterführen. Pfeifenmacher, Glasbläser, Hersteller von Weihnachtsschmuck. Er habe die „ehrliche, praktische Schönheit entdeckt – und auch einen gewissen ostdeutschen Stolz. Das hat mich fasziniert“, so Tobias Westen.

Während in sozialen Netzwerken oft perfekt inszenierte Bilder aus aller Welt dominieren, hat er in Sachsen etwas gefunden, das für ihn authentischer wirkt: Orte, die nicht für Likes hergerichtet sind, und Menschen, die stolz auf das sind, was sie tun. Türöffner war dabei oft der Pfarrer Justus Geilhufe, der auch die Texte zu den Bilder beigesteuert hat.

Im Buch tauchen dann Persönlichkeiten auf, die für den Geist von Ost Dolcevita stehen: eine Fleischermeisterin, die ein Familienunternehmen weiterführt und inzwischen im Bundestag sitzt; ein Kunsthandwerker aus dem Erzgebirge, der traditionelle Formen neu interpretiert; ein Geflüchteter, der in Sachsen eine neue Heimat gefunden hat. Dazu kommen Szenen aus Imbissen, Werkstätten und Wohnzimmern – kleine Ausschnitte, die zusammen ein überraschend warmes Bild ergeben.
Ost Dolcevita muss nichts beweisen
Die Bilder sprechen für sich, sie wollen nichts beweisen oder erklären. Er sei nicht mit dem Anspruch losgegangen, ein bestimmtes Bild über den Osten zu widerlegen, sagt der Fotograf. „Ich wollte beobachten – und das zeigen, was ich sehe.“ Vorgefunden habe er praktische, uninszenierte Schönheit. „Es wird viel gemeckert, ja – aber gleichzeitig ist man stolz auf das Eigene. Das fand ich großartig.“
Die Nachfrage zeigt, wie groß das Interesse an einem unverstellten Blick auf den Osten ist. Dass ihr Buch innerhalb kürzester Zeit vergriffen war, war für die Verfasser die größte Überraschung. Sie hätten eine viel größere Auflage wagen können. „Alle Exemplare waren am zweiten Tag restlos ausverkauft. Ich musste aufpassen, dass ich noch ein paar für meine Familie übrig behalte“, erzählt Tobias Westen im Gespräch mit der Berliner Zeitung.
Keine zweite Auflage für Tradition und Handwerk
Der Erfolg lässt sich auch als Gegenbewegung zu einer immer globaleren Welt lesen. Während viele Menschen ständig unterwegs sind oder sich überall zu Hause fühlen wollen, wächst gleichzeitig die Wertschätzung für das Vertraute und Bodenständige. Genau dieses Gefühl fängt „Ostdolce Vita“ ein – und trifft damit offenbar den Zeitgeist.
Eine zweite Auflage ist derzeit nicht geplant. Für die beiden Macher war das Projekt vor allem ein künstlerisches Experiment. Schade eigentlich, denn auch in Brandenburg, Meck-Pom, Sachsen-Anhalt und Thüringen lebt Ost Dolcevita, jede Wette.


