Die Frühlingssonne scheint warm auf den Großen Stern in Berlin-Tiergarten, doch die Themen am Samstagnachmittag sind schwer: Rund um die Siegessäule versammeln sich laut Polizei gegen 14 Uhr etwa 600 Menschen, viele schwenken Deutschlandflaggen. Zwei Stunden lang sollen Reden gehalten werden und Musik laufen, danach zieht der Zug Richtung Regierungsviertel.
Menschen fühlen sich gesellschaftlich abgehängt
Offiziell geht es um „Aufklärung im internationalen Epstein‑Komplex“ – tatsächlich trifft hier ein Milieu-Mix aufeinander: Menschen, die sich gesellschaftlich abgehängt fühlen, und bekannte Akteure der extremen Rechten. Die Polizei hatte im Vorfeld mit bis zu 1000 Teilnehmenden gerechnet.
Betroffene erzählt, wie schwierig es ist, ernstgenommen zu werden
Mitten in der Menge steht Carolin, 60, aus der Region Frankfurt. Sie beschreibt sich als Betroffene von Missbrauch vor 45 Jahren. „Ich weiß, wie schwierig es ist, damit zu leben, nicht ernstgenommen zu werden“, sagt sie der „Berliner Zeitung“.
Ihre gesellschaftliche Unzufriedenheit reicht weiter: „Ich bin in der Coronazeit angegriffen worden, weil ich maskenbefreit bin“, erzählt sie. Daraufhin schloss sie sich mit anderen zur Initiative „Frauen laufen“ zusammen. Dass heute auch Männer Präsenz zeigen, begrüßt sie ausdrücklich.

Mehr Klartext von der Politik
Im Gespräch mit Carolin vermischen sich persönliche Erlebnisse und globale Verschwörungserzählungen. Auf Mythen über angebliche satanische Rituale angesprochen, entgegnet sie: „Was das Menschenfleisch‑Essen angeht – das weiß ich nicht, kann sein. Für mich ist die Erde immer noch rund.“
Dennoch hält sie die Theorie der systematischen Adrenochrom‑Gewinnung für plausibel: „Adrenochrom ist keine neue Sache, das gibt es im Sport schon lange. Epstein ist für uns wichtig, es hat Aufmerksamkeit auf unsere Sache gelenkt.“ Sie fordert mehr Klartext von der Politik: „Ich wünsche mir von Politikern, dass sie sich nicht hinter Macht verstecken und das Thema Missbrauch an Kindern ansprechen, dem Thema Bedeutung zumessen.“
Es ärgert mich, dass das mit Rechts in einen Topf geworfen wird.
Ex-AfD-Politiker Bernd Pachal bei Demo mit dabei
Carolin, in der Schweiz aufgewachsen, schwärmt vom Grundgesetz: „Ich habe mir das Grundgesetz angesehen, es ist das beste auf der Welt. Deswegen kann man stolz auf Deutschland sein, befreit von jedem Nationalismus. Die vielen Flaggen stören mich deswegen nicht!“ Dass sie und ihre Mitstreiter kritisch beäugt werden, ärgert sie: „Es ärgert mich, dass das mit Rechts in einen Topf geworfen wird.“
Doch ein Blick auf andere Teilnehmer erklärt die Einordnung: Unter den Anwesenden ist auch Ex‑AfD‑Politiker Bernd Pachal. Er fordert lautstark, „dass die Bundesregierung und die Landesregierungen entschlossene Schritte unternehmen, die Verbrechen dieses Epstein aufzuklären, und zwar soweit sie in den Grenzbereich des Grundgesetzes hineinreichen.“
Xavier Naidoo berichtet von Missbrauchserfahrungen
Wer Pachal ist, kann nachgelesen werden: Der frühere stellvertretende AfD‑Fraktionsvize in Marzahn‑Hellersdorf wurde aus dem Dienst der Bundespolizei entlassen – gerichtlich bestätigt wegen „Verletzung der Pflicht zur Verfassungstreue, Leugnung des Holocausts“ und der „Verherrlichung führender Personen des NS‑Regimes“. Das sieht Pachal anders. Sein letztes Statement: „Alles, was im Internet über mich steht, ist nicht wahr.“
Der Hauptredner ist der Mann, der zu der Demonstration aufgerufen hat: Xavier Naidoo. Zuvor berichtet er dem Publikum von eigenen Missbrauchserfahrungen im Alter von acht Jahren in Südafrika – eine halbe Stunde, die sein Leben verändert habe. Was genau geschah, bleibt unklar.

Xavier Naidoo verweist auf Doku über ihn
Dann eröffnet er die Kundgebung mit einer emotionalen Rede und verweist auf eine alte Dokumentation des Hessischen Rundfunks: „Eine öffentlich‑rechtliche Doku hat mich auf diesen Abgrund überhaupt erst aufmerksam gemacht. Es ist sehr schade und traurig, dass die Medien jetzt eine Dokumentation aus 2001 einfach totschweigen wollen.“ Naidoo sagt, Betroffene hätten sich ihm anvertraut, weil Täter „ja auch noch da sind und eine gewisse Macht über die Opfer haben“.
Eindrücklich schildert er eine Begegnung: „Es gab einen Fall von einem Mann, der hat mich eine Viertelstunde hier in den Bizeps gedrückt mit einem Schmerz und hat mir tief in die Augen geschaut und hat mir mehr oder weniger detailliert beschrieben, was in gewissen Ritualen stattfindet.“ Für Naidoo steht fest: „Ich glaube, ich bin ein hochempathischer Mensch und ich weiß und spüre, wenn jemand die Wahrheit sagt.“
Persönliche Betroffenheit und Systemkritik
Vor dem Publikum bittet er um Nachsicht für jüngste Auftritte im Netz: „Vergebt mir, wenn ich vor ein paar Wochen vielleicht ein bisschen harsch war. Meine Mutter ist einen Tag vorher verstorben, ich war nicht unbedingt in der besten Verfassung. Und dieses Thema reibt mich natürlich auch auf.“
Er verknüpft persönliche Betroffenheit mit harter Medien‑ und Systemkritik und richtet den Fokus auf eine Spur nach Deutschland: „Es gibt einen Mäzen aus Heidelberg, Henry Jarecki, der sehr gut befreundet mit Jeffrey Epstein war.“ Außerdem: „Ich glaube, die Deutsche Bank könnte man da mal vielleicht in Betracht ziehen, denn die hat Jeffrey Epstein 40 Konten zur Verfügung gestellt.“
Reale Verbrechen und esoterische Glaubenssätze
Am Ende dieses Nachmittags bleibt der Eindruck einer unübersichtlichen Mischung: Reale Verbrechen und tatsächliche Verbindungen von Eliten zu Straftätern wie Epstein stehen unkommentiert neben esoterischen Glaubenssätzen, abstrusen Mythen und der offenen Präsenz von Rechtsextremen.
Nach Worten des Danks an Polizei und Technikhelfer setzt sich der Zug am späten Nachmittag in Richtung Regierungsviertel in Bewegung – begleitet von Kameras, Gegenrede und vielen Fragezeichen.






