In einem Mietshaus an der Hermannstraße (Neukölln) fällt dem Bezirksamt seit längerem etwas auf: An zahlreichen Briefkästen stehen nicht nur ein oder zwei Namen, sondern teils acht oder mehr. Ein Hinweis darauf, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht.
Parzellierung als Abzock-Masche
Nach Angaben des Bezirksamtes Neukölln werden in mehr als einem Dutzend Wohnungen die Zimmer nur kurzzeitig und möbliert vermietet. In einigen Fällen wurden die Räume sogar zusätzlich geteilt – sogenannte Parzellierung. Am Ende bleiben winzige Zimmer von sechs bis elf Quadratmetern. Kostenpunkt: 600 bis 660 Euro warm. Da die Mietverträge maximal ein Jahr laufen, greift die Mietpreisbremse nicht.

Die Bewohner sind meist jung, international und gerade erst in Berlin angekommen. „Ich hatte keine andere Wahl“, sagt Sam, der zum Studienbeginn dringend ein Zimmer brauchte, RBB24.
Bezirk greift durch – Co-Living in dieser Form verboten
Das Haus liegt in einem Milieuschutzgebiet – dort gelten besonders strenge Regeln. Die ungenehmigte Teilung der Zimmer stuft der Bezirk als bauliche Veränderung ein und hat sie nun untersagt. Genauso wie die befristete, möblierte Vermietung. Bezirksstadtrat Jochen Biedermann (Grünen) gegenüber RBB24: „Da sagen wir: Das ist eine Nutzungsänderung, die im Milieuschutz nicht zulässig ist, weil sich das Angebot nicht mehr an die angestammte Wohnbevölkerung richtet.“
Für den Vermieter bedeutet das: Die Zimmer dürfen nicht mehr einzeln vermietet werden, die Umbauten müssen zurückgebaut werden. Die Altmieter im Haus begrüßen das Eingreifen.
Toni, einer der wenigen, die noch regulär wohnen, schildert die Folgen der Kurzzeitvermietungen: „Es ist schwierig, wenn man die Personen überhaupt nicht mehr kennt, sich niemand mehr verantwortlich fühlt, weil die meisten Personen auch nur drei oder sechs Monate in diesem Haus wohnen.“ Die Haustür stehe ständig offen, Müll und Wasserverbrauch seien massiv gestiegen – Kosten, die letztlich alle tragen.
Teure Quadratmeter und eine rechtliche Grauzone
Möblierte Kurzzeitvermietungen entziehen dem Berliner Markt dringend benötigten Wohnraum und umgehen gleichzeitig die Mietpreisbremse. Vermieter verlangen Kaltmieten von 30 bis 40 Euro pro Quadratmeter – ein äußerst lukratives Geschäft. Genau dagegen will der Bezirk vorgehen. Ziel ist, dass die Wohnungen wieder regulär vermietet werden, „damit Berlinerinnen und Berliner die Chance haben, hier bezahlbaren Wohnraum zu finden“, so Biedermann.

Der Vermieter hat Widerspruch eingelegt. Der Bezirk rechnet damit, dass das Verfahren vor Gericht landet und ein wichtiges Grundsatzurteil bringen könnte. Auch Bezirke wie Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow und Charlottenburg-Wilmersdorf beobachten ähnliche Fälle. Sie hoffen auf ein berlinweites Verbot solcher Geschäftsmodelle in Milieuschutzgebieten. Unterstützung kommt auch vom Senat.
Auch Kurzzeitmieter fühlen sich ausgenutzt
Nicht nur langjährige Hausbewohner leiden unter dem Modell, auch die Kurzzeitmieter selbst. Der US-Künstler Andrew zahlt fast 800 Euro für ein 15-Quadratmeter-Zimmer, in einer Wohnung, in der fünf Menschen leben – inklusive einer sechs Quadratmeter großen Kammer, die ebenfalls als Zimmer vermietet ist.
„Es ist unfassbar, dass so was erlaubt ist“, sagt er RBB24. Er glaubt, dass besonders Ausländer ausgenutzt würden, da sie die Regeln nicht kennen und dringend Wohnraum brauchen.
Trotz all dieser Beschwerden wirbt die Hausverwaltung weiterhin selbstbewusst mit „Co-Living at its best“ – und verspricht sogar Prämien für Mieter, die neue Bewohner vermitteln.



