Anwohner und Pendler wissen: Auf der Straße Unter den Eichen im Berliner Südwesten staut sich der Verkehr täglich. Autofahrer, die von der Autobahn 103 am Steglitzer Kreisel auf die Bundesstraße 1 Richtung Zehlendorf fahren, stehen besonders zu den Hauptverkehrszeiten schon nach wenigen Metern im Stau. Mit ein Grund ist der umstrittene Radstreifen mit Busfreigabe vor dem Botanischen Garten – möglicherweise geht es dem bald an den Kragen.
Senatsverkehrsverwaltung will ersten Radstreifen abschaffen
Die Maßnahme zur Sicherheit von Radfahrern steht aktuell im Zentrum eines politischen Streits. Die CDU‑geführte Senatsverkehrsverwaltung plant hier nämlich erstmals, einen bestehenden Radstreifen wieder abzuschaffen, um dem Autoverkehr mehr Platz zu verschaffen.

Hintergrund: Angeordnet wurde der Radstreifen im Jahr 2022 ausgerechnet von derselben Verwaltung, die ihn nun zurückbauen will. Das Bezirksamt Steglitz‑Zehlendorf setzte die Maßnahme damals um. Seitdem steht dem Autoverkehr stadtauswärts nur noch eine Fahrspur statt zwei zur Verfügung.
Alter Radweg eine Zumutung
Für Radfahrerinnen und Radfahrer bedeutete der neue Streifen einen Durchbruch: Nach Jahrzehnten war erstmals ein sicheres Vorankommen auf der Fahrbahn möglich. Zuvor mussten sie einen schmalen Hochbordradweg entlang des Zauns des Botanischen Gartens nutzen.

Dieser Radweg verschlechterte sich jedoch zunehmend. Die Wurzeln der alten Eichen drückten den Belag nach oben, Asphalt und Gehwegplatten brachen auf. Der Weg war durchgängig kaum noch befahrbar, auch der Gehweg wurde zur Buckelpiste. Genau dieser Bereich soll nun wieder von Radfahrern genutzt werden.
Senat will Rückbau und verweist auf „überschaubare“ Nutzung
Ende April informierte die Senatsverwaltung für Mobilität, Verkehr, Klimaschutz und Umwelt das Bezirksamt dann darüber, dass der Radstreifen möglichst bald abgeschafft werden solle. Radfahrer sollten wieder auf den Bürgersteig ausweichen, damit Autos die Strecke erneut zweispurig befahren können. Offiziell handelte es sich um eine Anhörung mit Frist bis zum 30. April.

Senatssprecher Frank Preiss erklärt dem Tagesspiegel dazu: „Um die Stauentwicklungen zu reduzieren, soll der vorhandene Gehweg einschließlich der baulich noch intakten Teilstücke des ehemaligen Radweges als gemeinsamer Geh- und Radweg ausgewiesen werden.“
Da an dieser Seite keine Wohnhäuser lägen, sei der Abschnitt mit einer außerorts gelegenen Straße vergleichbar. Zudem bewertete die Verwaltung die Frequenz von Fuß- und Radverkehr als „überschaubar“. Ziel sei es, die Zweistreifigkeit kurzfristig wiederherzustellen.
Bezirksamt meldet Zweifel und sieht Sicherheitsrisiken
Doch im Bezirksamt Steglitz‑Zehlendorf stößt der Plan auf Widerstand. Verkehrsstadtrat Urban Aykal (Grüne) sagt dem Tagesspiegel: „Hierbei handelt es sich nicht mehr um einen Radwege-Stopp, sondern erstmals um einen Radwege-Rückbau.“
Weil der Streifen auch als Busspur diente, sei zudem der BVG‑Verkehr betroffen. Aykal kritisiert, dass der Anhörung keine belastbaren Unterlagen beigefügt gewesen seien, etwa zu Verkehrsstärken, Verkehrszeichenplänen oder zur Qualität des öffentlichen Nahverkehrs.

Dem geplanten gemeinsamen Geh- und Radweg, der Alternative, spricht der Bezirk die Verkehrssicherheit ab. „Wir können als Straßenbaulastträger keine Haftung übernehmen“, erklärt Aykal. Der Weg sei zu schmal, die zulässige Zahl von Fußgängern und Radfahrern pro Stunde werde sicher überschritten.
Messungen zeigten: Maximal sind Geh- und Radweg 2,8 Meter breit, an Engstellen durch Wurzeln bleiben insgesamt nur etwa ein Meter. Begegnungen seien dort kaum möglich.
Kritik an rechtlicher Haltbarkeit und politischem Kurs
Auch außerhalb der Verwaltung wächst der Widerstand. Emil Pauls vom Netzwerk fahrradfreundliches Steglitz‑Zehlendorf bezweifelt die rechtliche Umsetzbarkeit und verweist auf Mindestbreiten von 2,50 Metern für gemeinsame Geh- und Radwege innerorts. Laut Geoportal Berlin nutzten bereits 2023 zwischen 7 und 19 Uhr 1440 Radfahrer täglich den Abschnitt in beiden Richtungen.
Scharfe Kritik kommt auch vom Verein Changing Cities. Sprecherin Andrea Hauth sagt: „Die CDU betreibt in Wahlzeiten Symbolpolitik gegen den Radverkehr, statt wirkliche Problemlösungen anzubieten.“
Sie ist überzeugt: „Einmal geklagt und der Radweg muss wieder vom Fußweg runter.“ Am 28. April übermittelte das Bezirksamt seine Stellungnahme an die Senatsverwaltung. Bleibt der Senat bei seinem Kurs, müsste der Bezirk nach einer verkehrsrechtlichen Anordnung den Radstreifen auf eigene Kosten zurückbauen. Es bleibt also spannend.



