KURIER‑Analyse

Uber-Fahrer in Berlin: Der Kampf um den Mindestlohn

Was die großen Plattformen sagen und warum die Gewerkschaft deutlich dagegen hält.

Author - Sharone Treskow
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Wieviel verdient ein Fahrer bei Freenow und Co. wirklich? Antworten von der Plattform und der Gewerkschaft stehen sich gegenüber.
Wieviel verdient ein Fahrer bei Freenow und Co. wirklich? Antworten von der Plattform und der Gewerkschaft stehen sich gegenüber.Stefan Zeitz/imago

Uber, Bolt, Freenow – das Angebot der Personenbeförderungsdienste neben dem klassischen Taxi ist groß. Viele Berliner nutzen den praktischen Service gerne: Man kommt via App vergleichsweise günstig von A nach B. Genial, wenn man sich gerade nicht selbst hinters Steuer setzen will oder kann. Doch immer wieder wird gemunkelt, dass man die Fahrdienste nicht unterstützen sollte, weil sie ihre Fahrer angeblich furchtbar schlecht bezahlen. Was steckt wirklich hinter den Vorwürfen? Der KURIER hat bei den größten Berliner Dienstleistern angefragt. Auch die Gewerkschaft der Fahrer findet deutliche Worte zu dem Thema.

Bolt versichert, dass ihre Fahrer den Mindestlohn bekommen

Eine Bolt-Sprecherin antwortet dem KURIER auf die Frage hin, wie viel ihre Fahrer genau verdienen, ausführlich – doch gleichzeitig nicht mit konkreten Zahlen. „Die über Bolt vermittelten Fahrten werden in Deutschland durch eigenständig konzessionierte Mietwagen- und Taxiunternehmen durchgeführt, die ihre Fahrerinnen und Fahrer selbst anstellen und rechtlich vollständig eigenverantwortlich handeln“, erklärt sie.

Bolt versichert: „Diese Unternehmen sind gesetzlich verpflichtet, sämtliche arbeits-, sozial- und steuerrechtlichen Vorgaben einzuhalten – einschließlich Mindestlohn, Arbeitszeitregelungen und ordnungsgemäßer Entlohnung. Bei der Registrierung auf unserer Plattform sichern die Unternehmen verbindlich zu, diese Anforderungen zu erfüllen. Verstöße gegen geltendes Recht stellen zugleich Verstöße gegen unsere Allgemeinen Geschäftsbedingungen dar.“

Bolt versichert, dass bei den Unternehmen, die ihre Fahrer angestellt haben, alles mit rechten Dingen zugeht.
Bolt versichert, dass bei den Unternehmen, die ihre Fahrer angestellt haben, alles mit rechten Dingen zugeht.Bolt.eu

Die primäre Verantwortung für die Überprüfung von Genehmigungen und die Durchsetzung arbeitsrechtlicher Vorgaben liegt laut Bolt bei den zuständigen Behörden. „Bolt unterstützt diese Arbeit aktiv, etwa durch Kooperation mit Behörden, die Bereitstellung relevanter Daten im Rahmen rechtlicher Vorgaben sowie durch das Sperren von Fahrern oder Unternehmen, sofern begründete Hinweise auf Verstöße vorliegen.“

Doch wie viel verdienen die Bolt-Fahrer denn jetzt konkret? „Interne Auswertungen zeigen, dass Fahrerinnen und Fahrer durch höhere Auslastung und effizientere Auftragsvermittlung häufig höhere Umsätze erzielen als in traditionellen Modellen. Das dynamische Preissystem schafft dabei eine flexible Grundlage, um Einkünfte zu erzielen, die den gesetzlichen Mindestlohn erreichen und in vielen Fällen übersteigen“, stellt die Sprecherin klar. Heißt übersetzt wohl in etwa: Wer genügend Fahrten annimmt, verdient den Mindestlohn.

Das sagen Uber und Freenow

Die Antwort des Uber-Sprechers fällt ähnlich aus. Konkrete Zahlen werden auch hier nicht genannt. „Uber bietet seinen Fahrtenvermittlungsservice über die Uber-App in Deutschland in Kooperation mit lokalen Taxi- und Mietwagenunternehmen an.“

Doch der Sprecher stellt klar: „Die Fahrerinnen und Fahrer sind bei den Unternehmen sozialversicherungspflichtig angestellt und verdienen mindestens den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestlohn, in der Regel mehr.“ Die Flottenpartner seien vertraglich an das Einhalten aller relevanten Gesetze und Regeln gebunden.

Laut Uber verdienen ihre Fahrer den Mindestlohn.
Laut Uber verdienen ihre Fahrer den Mindestlohn.Schoening/imago

„Da wir als Plattform die Fahrten an die Taxis vermitteln, kann ich Ihnen leider keine Angaben zu Umsätzen, Verdiensten und den angefragten Details nennen“, sagt auch der Sprecher von Freenow nach Rücksprache mit einigen Flottenpartnern. Aus „Wettbewerbsgründen“ wollte hier jedoch keiner Zahlen nennen. Der Freenow-Sprecher kann lediglich Folgendes preisgeben: „Unsere Vermittlungsprovision für angeschlossene Taxiunternehmer liegt in Berlin bei 13 Prozent.“

Gewerkschaft widerspricht: Fahrer kriegen keinen Mindestlohn

Zusammenfassend lässt sich sagen: Niemand will genaue Zahlen nennen, aber alle behaupten, ihre Fahrer würden den Mindestlohn verdienen. Warum hüllen sich bei diesem Thema alle in Schweigen? Klaus Meier von AG Taxi – die Gewerkschaft der Personenbeförderer bei Verdi – behauptet: „Die Lage der Mietwagenfahrer wird bestimmt von der Organisierten Kriminalität (OK). Die macht wie überall Profite durch extreme Ausbeutung.“

Nach jahrzehntelanger Erfahrung in dem Gewerbe und Berichten von Fahrern kann Meier bestätigen: „Mietwagenfahrer erhalten Stundenlöhne weit unter Mindestlohnniveau und werden zum Erschleichen von Sozialleistungen angeleitet, durch die sie zusammen mit schwarz gezahlten Dumpinglöhnen einen auskömmlichen Monatsverdienst erzielen.“

Laut AG Taxi verdienen <a href="https://www.berliner-kurier.de/panorama/die-gehaelter-aller-paketboten-von-dhlhermes-und-co-im-check-li.10031471">die meisten Fahrer eben nicht den Mindestlohn</a>.
Laut AG Taxi verdienen die meisten Fahrer eben nicht den Mindestlohn.Carsten Koall/dpa

Gemeint ist nach dem Gewerkschaftler ein Zusammenspiel aus sehr niedrigen offiziellen Löhnen und ergänzenden Zahlungen vom Jobcenter. So könnten Fahrer trotz schlechter Bezahlung einen angeblichen Mindestlohn erreichen, während die Unternehmen ihre Kosten künstlich niedrig hielten.

Die Gewerkschaft argumentiert, dass diese staatlichen Zahlungen indirekt Dumpingpreise ermöglichen würden, weil Fahrten günstiger angeboten werden können, als es unter regulären Löhnen betriebswirtschaftlich möglich wäre.

Auf die Art hätten Uber und Co. „die ehrlichen Taxiunternehmen Berlins so gut wie vollständig in den Ruin getrieben“. Ernüchtert ergänzt Meier: „Eine betriebswirtschaftliche Analyse des Gewerbes ergibt, dass mittlerweile auch die meisten Berliner Taxibetriebe in den Händen von OK-Betrügern sind.“

Konkrete Zahlen: Das verdienen die Fahrer wirklich

Immerhin: Laut den Schätzungen der Plattform Glassdoor, die auf Berichten von echten Arbeitnehmern beruht, liegt der Verdienst eines Uber-Fahrers in Berlin bei Vollzeit im Durchschnitt zwischen etwa 2800 und 3300 Euro brutto im Monat. Umgerechnet entspricht das einem theoretischen Stundenlohn von rund 19 bis 26 Euro.

Diese Zahlen beschreiben allerdings zunächst nur das, was vor Abzügen hereinkommt – also den Brutto-Umsatz bzw. das Bruttogehalt, je nach Anstellungsform. Wie viel tatsächlich im Portemonnaie landet, hängt stark davon ab, wann gefahren wird, wie hoch die Nachfrage ist, und ob jemand bereits Erfahrung hat.

Laut Glassdoor verdienen die Fahrer über dem Mindestlohn –  jedoch vor allen Abzügen.
Laut Glassdoor verdienen die Fahrer über dem Mindestlohn – jedoch vor allen Abzügen.Sebastian Gollnow

Nach allen Abzügen ist definitiv von einem Netto von unter 2000 Euro auszugehen. Auf dem Papier mögen die Fahrer, die uns Berliner herumkutschieren, zwar vergleichsweise gut verdienen – doch die Realität sieht wohl anders aus.

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