Berliner Mutter über Antragschaos

„Meine Tochter ist acht Monate alt und ich habe noch kein Elterngeld bekommen“

Jennifer S. aus Berlin wartet seit Monaten auf Elterngeld. Trotz aller eingereichten Unterlagen passiert nichts. Familien geraten in Not – der Frust wächst.

Author - Mariella Mandurino
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Jennifer S. mit ihrer Tochter Lila. Nach Monaten hat sie noch immer kein Elterngeld erhalten.
Jennifer S. mit ihrer Tochter Lila. Nach Monaten hat sie noch immer kein Elterngeld erhalten.Markus Wächter/Berliner KURIER

Es wird da gespart, wo es am dringendsten benötigt wird. Die Bundesregierung plant eine Reform des Elterngeldes und will es künftig kürzen, um Einsparungen zu erzielen. Doch als wäre das noch nicht genug, gibt es noch zahlreiche Probleme an anderen Stellen: Die Tochter der Berlinerin Jennifer S. (41) ist fast neun Monate alt und ihre Mama hat noch immer kein Elterngeld bekommen.

Wartezeit für die Geburtsurkunde dauerte drei Monate

Im September 2025 kam Jennifers kleines Mädchen Lila auf die Welt und seit Monaten wartet Jennifer S. auf das Elterngeld. Die Berlinerin ist sauer. Sie hat zahlreiche Unterlagen eingereicht und immer wieder wurde sie von der Elterngeldstelle Berlin-Mitte vertröstet.

„Für das Beantragen des Elterngelds brauchst du die Geburtsurkunde und da fängt bei mir das Problem an. Es hat über drei Monate gedauert, bis sie gekommen ist und es gelten Fristen für die Beantragung. Meine Tochter ist acht Monate alt und ich habe noch kein Elterngeld bekommen“, schildert Jennifer. Wer den Antrag zu spät einreicht, verliert rückwirkend Geld.

Die Berlinerin schickte den Antrag per Einschreiben ab, die Eingangsbestätigung kam am 2. Dezember: „Ich habe am 18. Dezember eine E-Mail erhalten, in der stand, dass die Bearbeitungszeit für vollständige Anträge ca. 16 Wochen dauert. Das ist erschreckend.“

Jennifer S. und ihre Tochter spielen zusammen im Wohnzimmer. Sie ist ihr großes Glück.
Jennifer S. und ihre Tochter spielen zusammen im Wohnzimmer. Sie ist ihr großes Glück.Markus Wächter/Berliner KURIER

Drei Monate später, Mitte März, ging ein weiterer Brief ein – alle Unterlagen liegen dem KURIER vor – in dem erneut darauf hingewiesen wurde, dass noch Unterlagen fehlen. Auch darin heißt es: „Die Bearbeitung wird einige Zeit in Anspruch nehmen.“ Auf der Internetseite der Elterngeldstelle Berlin-Mitte heißt es, dass die Bearbeitungszeit 15 Wochen in Anspruch nehmen kann.

Jennifer sagt entrüstet: „Im Moment kriege ich gar nichts. Nicht einen Cent von der Elterngeldstelle. Und der Höchstsatz des Elterngeldes ist echt niedrig. Das ist eigentlich eine Frechheit. Ich bekomme vielleicht 1800 Euro, wenn ich ein Jahr bei meinem Kind bleibe. Und bei zwei Jahren sind es dann nur 900 Euro im Monat. Das heißt, wenn ich jetzt zum Beispiel alleinerziehend wäre, könnte ich nicht mehr die Miete bezahlen. Ich kriege aktuell nur 259 Euro Kindergeld. Aber davon kann niemand leben.“

Jugendamt-Mitarbeiterin leitet Familie ans Sozialamt weiter

Jennifers Partner arbeitet in Vollzeit, ihr eigentliches Nettogehalt liegt weit über dem Höchstsatz des Elterngeldes. „Das ist eigentlich schon traurig. Ich habe angespartes Geld, damit finanziere ich gerade alle meine Ausgaben.“ Eine Mitarbeiterin des Jugendamts riet der Mutter, sich beim Sozialamt zu melden, um zur Überbrückung Geld zu bekommen, aber auch das muss später zurückgezahlt werden.

Ein Schreiben der Elterngeldstelle an Jennifer S., sie wurde aufgefordert weitere Unterlagen einzureichen.
Ein Schreiben der Elterngeldstelle an Jennifer S., sie wurde aufgefordert weitere Unterlagen einzureichen.Markus Wächter/Berliner KURIER

„Sie meinte, ich soll mich nicht schämen, zum Sozialamt zu gehen. Ich habe gesagt, ich brauche das nicht. Aber mir tun die Frauen leid, die das machen müssen. Nach der Geburt eines Kindes hast du als Frau andere Sorgen, als noch irgendwelche Ämter zu besuchen und zu gucken, wie du irgendwie deine Miete zahlen kannst oder dein Kind durchbekommst. Ich finde das ganz schlimm“, sagt sie besorgt.

Jennifers Fixkosten sind so hoch wie der Elterngeld-Höchstsatz

Die monatlichen Ausgaben für die Wohnungsmiete, Essen, Windeln und alles, was die Familie für ihr Baby benötigt, belaufen sich auf rund 1800 Euro – also etwa dem Höchstsatz. „Damit würde ich schon hinkommen, aber gute Bio-Beikost fürs Baby wäre nicht drin. Dann bräuchten wir schon 2000 Euro, damit wir durchkommen, aber müssten trotzdem verzichten. Je mehr Geld du verdienst, desto mehr ändert sich auch dein Lebensstandard“, stellt Jennifer S. fest.

Jennifer lebt mit ihrem Partner und ihrer Tochter in Berlin-Wedding.
Jennifer lebt mit ihrem Partner und ihrer Tochter in Berlin-Wedding.Markus Wächter/Berliner KURIER

Weiter sagt sie: „Statt die Beiträge zu kürzen, sollte die Politik das Elterngeld anheben bzw. an heute anpassen. Seit 2007 wurde nichts geändert, aber durch Inflation etc. ist alles gestiegen, nur das Elterngeld nicht. Und nicht einmal der jetzige Höchstsatz kann alle Kosten auffangen.“

Dabei fährt die Familie nicht einmal in den Urlaub und lebt mit Kind in einer 3-Zimmer-Wohnung. Aktuell bleibt der Familie nichts als abwarten, wann der Antrag durchgeht. Auf eine KURIER-Anfrage reagierten die Elterngeldstelle und das Bürgeramt Berlin-Mitte bislang nicht. Jennifer möchte vor allem darauf aufmerksam machen, um bisher arbeitende andere Mütter und Familien, die durch lange Bearbeitungszeiten des Elterngeldes in finanzieller Not sind, zu unterstützen.

Die bürokratischen und finanziellen Schwierigkeiten „vermiesen einem die Lust am Kinderkriegen“, findet Jennifer. „Man muss trotz gutem Job und Gehalt auf viel Geld verzichten“. Kitaplätze sind rar oder zu teuer, für viele Paare ist die Gesamtsituation schwer stemmbar. Für Jennifer ist aber klar: „Dieses Land braucht Kinder.“ Es sollte nur nicht alles so kompliziert sein.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com