Wer zur Mittagszeit an der Ecke Schönhauser Allee, Dänenstraße vorbei kommt, sieht sie schon von Weitem. Die Schlange der Ketwurst-Fans. Nur hier in dem bunt gefliesten Imbiss von Alain kommt das Ost-Pendant zum Hotdog nach Originalrezept über den Tresen. Wegen des Abriss der Schönhauser Allee Brücke muss mit Beginn der Arbeiten auch die Bude weichen.
Heizstäbe noch aus DDR-Produktion
Seit 1991 steht der Franzose Alain André hinter dem kleinen Fenster und spießt längliche Milchbrötchen auf spitze Heizstäbe. „Die sind noch aus DDR-Produktion“, erzählt Alain zwischen zwei Kunden.
Dann wenden Alain oder einer seiner Mitarbeiter eine kross gebratene Wurst in einem Bottich voller Ketchup-Soße um sie in das ausgehöhlte Brötchen zu geben. Serviette drum und fertig ist die Ketwurst, von der die Kunden sagen, nur hier schmecke sie wie früher.

Und da könnte tatsächlich etwas dran sein, schließlich hat Alain kurz nach der Wende einfach alles so übernommen, wie er es im einstigen HO-Imbiss an der Schönhauser vorfand.
Längst ist sein Imbiss mit den bunten Fliesen Kult. Doch auch das hilft nicht, wenn die Bauarbeiten an der Schönhauser Allee Brücke dafür sorgen, dass das Häuschen in absehbarer Zeit weg muss.
Wer von hinten über die Gleise in Richtung des Häuschens aus roten Klinker schaut, sieht dass der Imbiss genau auf der Brücke über die Gleise hängt. Wenn die marode Brücke abgerissen wird, muss auch der Imbiss weichen.

„Es ist wie eine Naturgewalt“, sagt Alain, man könne das nicht ändern. Während Anwohner sich über zu erwartenden Baulärm, Staub und andere Einschränkungen echauffieren, nimmt es Alain, wie es kommt.
Wann genau er seinen Imbiss vorläufig dichtmachen muss, weiß er noch nicht. Die ersten Bauvorbereitungen an der Schönhauser sollen aber schon im Herbst 2026 beginnen. Die BVG beginnt ab Oktober 2026 mit Stütz- und Abfangkonstruktionen für das U-Bahn-Viadukt. Danach folgen Leitungsarbeiten verschiedener Betriebe. Der eigentliche Abriss erfolgt 2028. In der ersten Bauphase wird das westlichen Brückenwerk mit Alains Bude abgerissen und neu gebaut.
Nach zweieinhalb Jahren Bauzeit aber will der gebürtige Franzose wieder in eine neue Bude nach dem Original-Vorbild einziehen und weiter Ketwurst verkaufen.

Dass die Ketwurst hier der Renner ist, merkt man gleich. Kaum ein Kunde, der etwas anderes bestellt. Während er die Wünsche seiner Gäste erfüllt, hat Alain nebenbei Zeit, aus der Geschichte des Imbiss zu erzählen.
Vom Buchladen zum Imbiss-Büdchen
An der Fassade hängen schwarz-weiß Bilder. In den 1960er Jahren befand sich hier in winziger Buchladen. Als der Buchladen auszog, übernahm 1981 die HO das Lädchen und richtet einen Straßenimbiss namens „Buffet“ ein. Die Bürger in der DDR wollten „kommerzielle Schnellverpflegung“, es ist die Zeit, in der Grilletta, Krusta und Ketwurst als Pendants zum Fast Food im Westen erfunden wurden.
Die Ketwurst wurde 1979 zum ersten Mal verkostet und gewann sogleich unter der Bezeichnung „Versorgungslösung Ketwurst“ eine Urkunde auf der Messe der Meister von Morgen.
Ketwurst an jeder Ecke in Ostberlin

Ein Franzose in Ost-Berlin
Wie aber kam der Franzose nun zur Ost-Wurst? Alain war zum Mauerfall Westberliner und suchte im Osten sein Glück. Im Anzug tauchte er ein paar Meter weiter bei Konnopkes Currywurstbude am Bahnhof Eberswalder Straße, der damals Dimitroffstraße hieß, auf und fragte nach einem Job. „Schnell hat man mir klargemacht, dass der Betrieb ein Familienunternehmen sei und das auch bleiben wolle“, lächelt er. Alain zog wieder ab. Heute ist man unter den Imbiss-Leuten freundschaftlich verbunden.
Und Alain kam kurz darauf doch noch zu seinem eigenen Laden auf der Schönhauser Allee. Zusammen mit dem Milch-Mixer pachtete er den HO-Stand, eröffnete die erste Pizzeria auf der Schönhauser Allee und hat seitdem so manche Veränderung vor seinem Fenster beobachten können. Baustellen gab es hier schon immer, der Lärm und die Hitze im Imbiss gehören dazu.
Ketwurst oder Kettwurst?
Und ebenso lange wie es die Ketwurst gibt, gibt es auch den Streit um ihre Schreibweise. Ein t oder zwei? Ket – für Ketchup? Oder Kett für Kette? Für den Geschmack ist es egal. Alain versichert, der HO-Leiter habe ihm damals gesagt, die Würste seien damals als lange Ketten an die Imbisse geliefert worden, daher heißt sie bei ihm Kettwurst. Als Ossi habe der es doch wissen müssen.

Wir nannten das leckere Essen, bei dem man sich unweigerlich voll kleckerte, als Kinder sowieso nur „Ketti“. Und wir werden wieder Schlange stehen, wenn Berlins Kult-Imbiss an der Schönhauser Alle nach dem Ende der Bauarbeiten wieder eröffnet.


