Tiergarten

Dieses Denkmal erzählt eine Geschichte, die viele nicht kennen

Neues Denkmal im Berliner Tiergarten würdigt die verfolgten Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus.

Author - Sharone Treskow
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Ein imposanter Anblick: Das zwölf Tonnen schwere Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas im Berliner Tiergarten.
Ein imposanter Anblick: Das zwölf Tonnen schwere Mahnmal für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas im Berliner Tiergarten.Christian Ditsch/Imago

Zwölf Tonnen Bronze mitten im Berliner Tiergarten: Ein neues Mahnmal erinnert seit Juni an eine Opfergruppe des Nationalsozialismus, die viele kaum kennen. Ein zerklüfteter Baumstamm, fast fünf Meter hoch, steht dort als Zeichen für die verfolgten und ermordeten Zeugen Jehovas. Doch warum bekommt gerade diese Religionsgemeinschaft ein eigenes Denkmal? Und wer sind Jehovas Zeugen eigentlich?

Jehovas Zeugen wurden im NS-Staat verfolgt

Die Verfolgung begann früh. Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 gerieten Jehovas Zeugen ins Visier des Regimes. Der Grund: Sie passten nicht in das Weltbild der Diktatur. Mitglieder der Glaubensgemeinschaft verweigerten den Hitlergruß, traten nicht in NS-Organisationen ein und lehnten den Wehrdienst strikt ab.

Erinnerungsort im Berliner Tiergarten: Neues Mahnmal für die NS-Opfergruppe der Jehovas Zeugen.
Erinnerungsort im Berliner Tiergarten: Neues Mahnmal für die NS-Opfergruppe der Jehovas Zeugen.Christian Ditsch/Imago

Für die Nationalsozialisten war das ein Affront. Treffen wurden verboten, Mitglieder überwacht, verhaftet und verurteilt. Insgesamt wurden rund 14.000 Zeugen Jehovas in Deutschland und den besetzten Gebieten inhaftiert. Tausende kamen in Konzentrationslager, wo sie den sogenannten „lila Winkel“ tragen mussten. Mindestens 1700 von ihnen starben, viele wurden hingerichtet – etwa wegen Kriegsdienstverweigerung.

Der neue Gedenkort im Tiergarten erinnert genau an dieses Schicksal. Er steht nur wenige Meter entfernt von einem Ort, an dem die Gestapo 1936 gezielt führende Mitglieder verhaftete.

Ein Mahnmal für eine lange vergessene Opfergruppe

Dass Jehovas Zeugen ein eigenes Denkmal bekommen, ist das Ergebnis jahrelanger Initiativen. Lange galten sie als „vergessene Opfergruppe“. Erst 2023 beschloss der Bundestag die Errichtung des Mahnmals einstimmig. Es ist mittlerweile das fünfte große Denkmal dieser Art in Berlin – neben den Erinnerungsorten für Juden, Sinti und Roma, homosexuelle Verfolgte und die Opfer der sogenannten „Euthanasie“.

Die fast fünf Meter hohe abstrakte Bronzestele wurde nach einem Entwurf des Künstlers Matthias Leeck gestaltet.
Die fast fünf Meter hohe abstrakte Bronzestele wurde nach einem Entwurf des Künstlers Matthias Leeck gestaltet.Christian Ditsch/Imago

Die Botschaft ist klar: Erinnerung soll nicht nur bekannte Opfergruppen einschließen, sondern auch solche, deren Geschichte weniger im öffentlichen Bewusstsein verankert ist. Das Denkmal soll an Mut, Standhaftigkeit und den Wunsch nach Freiheit erinnern – Werte, die Jehovas Zeugen damals unter Lebensgefahr verteidigten.

Wie Jehovas Zeugen heute in Deutschland leben

Heute ist die Situation eine völlig andere. Jehovas Zeugen sind in Deutschland eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft und dürfen ihren Glauben frei ausüben. Sie gelten rechtlich nicht als Sekte, sondern als Körperschaft des öffentlichen Rechts – ähnlich wie große Kirchen.

Das bedeutet: Sie haben weitgehende Rechte, können eigene Einrichtungen betreiben und ihre religiösen Überzeugungen offen leben. Ein Verbot, wie es in der NS-Zeit und später auch zeitweise in der DDR existierte, gibt es längst nicht mehr.

Gleichzeitig begegnet man ihnen im Alltag immer wieder, etwa bei Haustürbesuchen oder mit Infoständen in Fußgängerzonen und U-Bahnhöfen. Ihr Auftreten gehört für viele zum Stadtbild, auch in Berlin.

Warum sie heute kritisch gesehen werden

Trotz ihrer Anerkennung bleibt die Religionsgemeinschaft gesellschaftlich nicht unumstritten. Kritiker bemängeln vor allem die strengen Regeln innerhalb der Gemeinschaft, etwa im Umgang mit Mitgliedern, die austreten. Kritiker werfen der Gemeinschaft vor, dass sie bei Aussteigern soziale Kontakte stark einschränkt oder ganz abbricht – ein Punkt, der seit Jahren diskutiert wird. Auch die Ablehnung von Bluttransfusionen sorgt immer wieder für Diskussionen.

Jehovas Zeugen werben in Berlin mit Infoständen und Broschüren – ihr Auftreten gehört für viele zum Alltag.
Jehovas Zeugen werben in Berlin mit Infoständen und Broschüren – ihr Auftreten gehört für viele zum Alltag.Jochen Tack/Imago

Hinzu kommen die klare Abgrenzung nach außen und der missionarische Ansatz, der bei manchen Menschen auf Skepsis stößt. Diese Punkte führen dazu, dass Jehovas Zeugen in der Öffentlichkeit häufig kritisch gesehen werden.

Wichtig ist jedoch die Unterscheidung: Diese heutige Bewertung ändert nichts an ihrer Geschichte. Die Verfolgung im Nationalsozialismus ist historisch belegt – unabhängig davon, wie die Gemeinschaft heute von manchen wahrgenommen wird. Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema? Schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.