Job mit Herz und Haltung

„Krass, Pflege? Das könnte ich ja nicht!“

Den Satz kennt jede Pflegekraft. Meistens kommt er von Menschen, die genau wissen, was ihnen zu anstrengend wäre – aber nur wenig über Pflege selbst.

Author - Paula Hitzemann
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Pflegekräfte entwickeln überdurchschnittlich ausgeprägte Fähigkeiten im Umgang mit Verantwortung, Zeitdruck und Krisensituationen.
Pflegekräfte entwickeln überdurchschnittlich ausgeprägte Fähigkeiten im Umgang mit Verantwortung, Zeitdruck und Krisensituationen.IMAGO

Am Dienstag (12. Mai) ist Internationaler Tag der Pflege. Ein Tag, an dem üblicherweise über Mängel gesprochen wird. Personalmangel, Zeitmangel, Ressourcenmangel, Geldmangel. Berechtigt, keine Frage. Aber ich als Ex-Pflegekraft möchte diesen Tag für einen Perspektivwechsel nutzen. Also weg vom Defizitkatalog und hin zu der Frage: Was ist eigentlich schön an dem Beruf?

Mehr als nur Pflege

5.30 Uhr, Umkleide, Kittel an, Kaffee im Stehen. Übergabe, zu wenig Personal. Menschen wecken, waschen, lagern. Dokumentation, Medikamente geben, Frühstück vorbereiten und anreichen. Haare kämmen, Zähne putzen, anziehen. Zeit fehlt, Menschlichkeit zählt.

Pflege zählt zu den krisensichersten Jobs.
Pflege zählt zu den krisensichersten Jobs.Jose Carlos Ichiro/IMAGO

Die Bluse wird zweimal gewechselt, bei der kratzenden Strumpfhose gibt’s keine Alternative. Ruhe bewahren, zuhören, trösten. Motivieren und funktionieren. Ein Schrei unterbricht die Routine. Kurz Hektik, dann Konzentration. Weiter geht’s ins nächste Zimmer. Ein Dankeschön, ein Lächeln, ein warmes Herz.

Resilienz, Humor und Selbstbewusstsein

Pflege hat einen unschlagbaren Vorteil: Man wird sehr schnell sehr entspannt. Wenn man um sieben Uhr morgens schon einen Sturz, zwei beschmierte Wände, vier falsche Kaffees und fünf Morgenmuffel überlebt hat, bringt einen das größte Chaos auch nicht mehr aus der Ruhe. Andere nennen das Lebenserfahrung – wir nannten es einfach „Frühschicht“.

Wer gelernt hat, in den absurdesten Situationen zu lachen, ist fürs Leben gerüstet. Galgenhumor ist kein Zeichen von Kälte, sondern ein Überlebenswerkzeug. Und manchmal auch Seelsorge mit Augenzwinkern.

Und was viele unterschätzen: Pflege macht selbstbewusst.
Man trifft Entscheidungen, übernimmt Verantwortung, funktioniert unter Druck. Nach einiger Zeit in der Pflege denkt man bei erstaunlich vielen Hürden nur noch: Ach, das kriege ich auch noch hin.

Nähe, Menschlichkeit und Verantwortung

Man sieht Menschen loslassen und Abschied nehmen, hält verschrumpelte Hände und streichelt Wangen, die viel mehr vom Leben gesehen haben als man selbst. Man hört Geschichten, über die man Romane schreiben könnte, und Ratschläge, die einen ein Leben lang begleiten werden. Und man sieht Menschen sterben – und hört dabei in sich selbst etwas brechen.

Im Vergleich zu vielen anderen Berufen erleben Pflegekräfte unmittelbares Feedback wie Dankbarkeit  von Patienten und Bewohnern.
Im Vergleich zu vielen anderen Berufen erleben Pflegekräfte unmittelbares Feedback wie Dankbarkeit von Patienten und Bewohnern.Uwe Umstätter/IMAGO

Man sagt: „Es wird bestimmt noch jemand kommen“,
wenn nach Angehörigen gefragt wurde. Und: „Da ist sicher etwas dazwischengekommen“, wenn man weiß: Es wird niemand mehr kommen. Aber man weiß auch: Ich war da.

Demut, Haltung und Dankbarkeit

Pfleger haben abends die letzte Stimme, die jemand hört, und morgens das erste Lächeln, das jemand sieht. Vielleicht sogar das letzte, das jemand sieht, wenn er diese Welt verlässt.

Man wischt Kot, Urin und Erbrochenes weg, wird gekniffen, beschimpft und belästigt. Und dann die Kritik: „Nimm dir doch mal mehr Zeit!“ Und manche machen das auch. Auf die Gefahr hin, Ärger zu bekommen. Oder gefeuert zu werden. Und trotzdem: Wenn dann jemand danke sagt, bleibt dieses warme Gefühl.

Viel mehr als ein Mangel-Job

Der KURIER sagt am Internationalen Tag der Pflege: Danke.
Pflege ist definitiv kein Defizit‑Beruf. Pflege ist tagtägliche Arbeit mit und für Menschen. Und sie verdient nicht nur Schlagzeilen, wenn etwas fehlt, sondern Respekt für das, was sie leistet.

Arbeiten Sie auch in der Pflege? Schicken Sie uns einen Leserbrief per Mail an leser-bk@berlinerverlag.com.