Die steigenden Benzinpreise bringen ambulante Pflegedienste zunehmend an ihre Grenzen. Während Politik und Verbände vor Versorgungslücken warnen, zeigt ein Berliner Beispiel, wie dramatisch die Lage bereits ist.
Wenn Pflege am Sprit scheitert
Anders als andere Branchen sind Pflegedienste in ihrer Preisgestaltung nicht frei. Wie viel sie für einzelne Leistungen berechnen dürfen, ist in Gebührenordnungen mit den Pflegekassen festgelegt. Steigen die Kosten – etwa für Kraftstoff –, bleiben die Anbieter zunächst darauf sitzen. Das erlebt auch der agea-Pflegedienst.

„Unsere Pflegekräfte legen bis zu 120 Kilometer am Tag zurück“
„Viele unterschätzen, wie viel wir fahren“, berichtet agea-Geschäftsführerin Antje Killermann dem Berliner Kurier. „Eine unserer Spätdienst‑Touren kommt auf bis zu 120 Kilometer am Tag. Und bei einer normalen Acht‑Stunden‑Schicht sind 50 Kilometer absolut realistisch.“
Gerade die ambulante Pflege sei deshalb besonders von den steigenden Spritpreisen betroffen – eine Einschätzung, die auch Pflegeverbände teilen.
Feste Preise, kein Spielraum
„Wir haben Jahresverträge mit den Pflegekassen, vom 1. Januar bis 31. Dezember“, erklärt Killermann. „Wenn Benzin‑ oder Energiekosten steigen, tragen wir als Unternehmen das Risiko. Wir können die Preise weder anpassen noch weitergeben.“
Eine Hausbesuchspauschale bekomme der Pflegedienst unabhängig von der Entfernung: „Egal ob fünf Meter oder fünf Kilometer – wir bekommen aktuell 5,70 Euro. Sitzt der Mitarbeiter eine halbe Stunde im Auto, kostet er uns rund 25 Euro Arbeitszeit.“
30 Prozent mehr Tankkosten – in wenigen Wochen
Wie stark sich die Preisexplosion bereits auswirkt, zeigen konkrete Zahlen: „Ich habe unsere Abrechnungen verglichen – allein von Januar zu März hatten wir 30,5 Prozent höhere Tankkosten“, sagt Killermann. „Das sind Mehrbelastungen von mehreren tausend Euro im Monat.“
Genau davor warnen Pflegeverbände bundesweit: Die gestiegenen Betriebskosten seien dauerhaft kaum zu stemmen.
Patienten müssen abgegeben werden
Die wirtschaftlichen Folgen spüren längst nicht nur die Unternehmen – sondern auch die Pflegebedürftigen. Neue Anfragen gebe es genug. Doch inzwischen werde zuerst geprüft, wo jemand wohnt. „Wenn Google Maps zehn Kilometer anzeigt, können wir das nicht mehr leisten – für zwei kleine Leistungen fährt keiner mehr so weit.“

Besonders belastend ist für die Pflegedienste die Entscheidung, gewachsene Versorgungsstrukturen aufzugeben. „Manche unserer Kunden sind fast 100 Jahre alt und seit Jahren bei uns“, sagt Geschäftsführerin Frau Killermann. „Das ist eine enorme menschliche Verantwortung. Aber wir müssen auch als Unternehmen überleben.“
Infolge der steigenden Kosten habe der Pflegedienst bereits Kunden im Wedding abgeben müssen. Die Wege seien zu lang geworden: 40 Minuten Fahrzeit pro Strecke rechneten sich wirtschaftlich nicht mehr.
Personalproblem verschärft sich
Auch die Personalsituation leidet unter den hohen Spritkosten. „Wir haben Mitarbeitende, die täglich 30 Kilometer zur Arbeit fahren“, erzählt Killermann. „Irgendwann sagen manche: Ich wechsele den Betrieb – oder sogar die Branche, weil sich das privat nicht mehr rechnet.“

Hinzu komme: Viele junge Bewerber hätten keinen Führerschein – gerade in Berlin. „Der Führerschein ist extrem teuer geworden. Aber ohne können wir in einem ambulanten Pflegedienst leider niemanden einstellen.“


