Dieser tierische Besuch bei einer jungen Mutter in Berlin Köpenick rührt alle. Bei Judith Finger (32) hat eine Ente auf dem Balkon eingecheckt. Ausgerechnet das Tomatenbeet hoch oben im siebenten Stock hat die werdenden Mutter sich als Brutplatz ausgesucht.
Entenmama brütet im Blumenkasten
Judith Finger ist gerade mit ihrem zweiten Kind in Elternzeit. Ihr Sohn ist fünf Monate alt und brabbelt fröhlich, als wir telefonieren. Judith erzählt: Als sie am ersten April auf den Balkon ihrer Wohnung im siebenten Stock schaute, traute sie ihren Augen kaum. Eine Stockente machte sich im Blumenkasten, in dem sonst die Tomaten wachsen, zu schaffen.
Ein Blick von Mama zu Mama genügte. Sofort ist klar, „die Ente darf bleiben“, erzählt Judith. Auch wenn es sicher bessere Kinderstuben als den Balkon im siebenten Stock gäbe.

Judith beobachtet seitdem wie die Ente akribisch an ihrem Nest baut, sich eine Kuhle zurechtrückt und immer neue Zweige bringt. Einen Tag später legt sie schon ihr erstes Ei. „Bis heute hat sie acht oder neun Eier gelegt. Ende der Woche werden die ersten Küken schlüpfen“, hat Judith berechnet.
In diesem Hochhaus brütet die Ente

Nach dem ersten Schreck darüber, wie sie mit der neuen Mutti-Mitbewohnerin umgehen soll, informiert sich Judith. Sie nimmt Kontakt zu Tierschützern auf und erhält Rat, wie sie die Entenjungen und ihre Mutter sicher in die Nähe eines Gewässers bekommt, wenn es soweit ist.
Sobald die Küken geschlüpft sind, muss es schnell gehen. Die Entenmutter, die in freier Natur auch in Baumhöhen brütet, würde ihre Jungen rufen, sodass sie zu ihr in Richtung Boden kommen. Doch dass sich die Küken aus dem siebenten Stock stürzen, dieses Risiko will Judith lieber nicht eingehen.

Sie plant also, die Mutter samt Kindern in einen Karton zu verfrachten und in der Nähe frei zu lassen. Den Weg durch Gebüsch zum Wasser des nahen Müggelsees findet die kleine Entenfamilie dann allein, versicherten ihr Experten. Etwa zehn Minuten über Waldwege muss die kleine Familie dann noch zurück legen.
Der Vater der kleinen ist während der ganzen Odyssee übrigens noch nicht aufgetaucht, bei Stockenten übernimmt das Weibchen den Job der der Kindererziehung. Und: in der Gegend am Krankenhaus Köpenick ist es schon einmal vorgekommen, dass eine Ente sich einen Balkonkasten zum Brüten ausgesucht hat. Generell kommt das in Berlin öfter vor, schreibt der Nabu auf einer Ratgeberseite.
Entenküken in Gefahr
Was zunächst possierlich erscheint, wird schnell zur Gefahr, heißt es dort weiter. „Auf Balkonen geschlüpfte Küken können oft nicht eigenständig das nächste Gewässer erreichen. Wenn sie ihren Brutplatz in luftiger Höhe verlassen, enden Abstürze oder der Weg durch den Straßenverkehr häufig tödlich.“
Viele Menschen freuten sich zunächst über die Ente auf dem Balkon – bis klar werde, dass die Küken dort in einer ökologischen Falle gefangen seien. „Ohne Hilfe haben diese Familien in der Stadt oft keine Überlebenschance“, so der Naturschutzverband.
Seit über 20 Jahren rettet die NABU-Wildvogelstation in Berlin jährlich Hunderten Entenküken das Leben und unterstützt Berliner mit Beratung und Einsätzen vor Ort. Allein 2025 setzten die NABU-Mitarbeiter 117 Bruten mit 682 Küken um. Zusätzlich konnten sie 143 verwaiste Küken in andere Entenfamilien integrieren.
Enten suchen den gleichen Ort zum Brüten auf
Einige Enten brüten immer wieder am gleichen Ort, und so gibt es inzwischen auch Profi-Betreuer in Berlin die die Rückführung ‚ihrer‘ Balkonente eigenständig durchführen, weiß der Nabu. Wenn Judith Finger etwas Glück hat, kommt ihre Ente auch im nächsten Jahr wieder zu ihr.
Denn für die Kinder der Fingers ist die Ente auf dem Balkon ein tolles Erlebnis: „Jeden Morgen schaue ich mit meinem dreinhalbjährigen Sohn auf dem Balkon, ob es unserer Ente gut geht“, sagt Judith. „Sie hat sogar schon aus dem bereit gestellten Wasserschälchen getrunken.“
Dieser Kükensommer mit Baby ist für Judith und ihre Familie schon jetzt unvergesslich.


