Urbanliner

BVG macht neue XXL-Straßenbahn zur Schwarzfahrer-Falle

Ärger um den BVG-Urbanliner: Weil Fahrkartenautomaten in der Superstraßenbahn fehlen, droht Fahrgästen auf der M4 eine teure Überraschung.

Author - Norbert Koch-Klaucke
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Das ist Berlins neue Super-Straßenbahn, die jetzt durch den Ostteil fährt. Der Urbanliner ist 50 Meter lang und hat Platz für 300 Passagiere. Nur eins hat er nicht: einen Fahrkartenautomaten
Das ist Berlins neue Super-Straßenbahn, die jetzt durch den Ostteil fährt. Der Urbanliner ist 50 Meter lang und hat Platz für 300 Passagiere. Nur eins hat er nicht: einen FahrkartenautomatenBenjamin Pritzkuleit/Berliner KURIER

Erst war sie zu schwer für die Schienen am Alexanderplatz, doch jetzt darf sie endlich durch den Osten von Berlin fahren: die neue Superstraßenbahn der BVG, der Urbanliner. Doch kaum ist die XXL-Tram auf der Strecke der Linie M4 unterwegs, gibt es schon wieder Ärger. Der Berliner Fahrgastverband IGEB wirft der BVG vor: Mit der neuen XXL-Straßenbahn werden so manche Fahrgäste in die Schwarzfahrerfalle tappen!

Neue Urbanliner: BVG spart die Ticketautomaten ein

Der Grund: Die neuen, 50 Meter langen Straßenbahnen bieten zwar Platz für bis zu 300 Passagiere, haben aber keine Fahrkartenautomaten. Das ist keine Panne. Das „Vergessen“ der Fahrkartenautomaten in den neuen Urbanliner-Bahnen ist pure Absicht.

Denn die BVG erklärte dem KURIER bereits im Vorfeld, dass das alles mit dem heutigen Nutzungsverhalten der Fahrgäste zu tun habe. Im gesamten Straßenbahnnetz würden an den 500 bestehenden Automaten im Durchschnitt pro Tag und Straßenbahn nur noch sieben Tickets verkauft, heißt es.

Die BVG verweist darauf: Der Ticketkauf im ÖPNV laufe inzwischen überwiegend digital über Online- und App-Angebote.

Fahrgastverband kritisiert neue Tram der BVG

Aber nicht jeder Fahrgast hat ein Smartphone oder will es zum Kauf von Fahrkarten benutzen. Und wer als Gelegenheitsfahrer oder als Tourist diese digitalen Angebote nicht nutzt, aber mit dem Urbanliner auf der M4 (zwischen Stationen Hackescher Markt und Falkenberg/Zingster Straße) mitfahren will und muss, steht also dumm da.

Die BVG macht es sich einfach: Statt Ticketautomaten gibt es nun  Hinweise an den Einstiegstüren. „Mitfahren nur mit gültigem Fahrausweis!“, steht darauf. Dazu der Zusatz: „Kein Verkauf von Tickets in dieser Tram!“ Super, das hilft, wenn man es eilig hat ...

Die BVG hat auf den neuen Straßenbahnen nun Hinweisschilder an den Einstiegstüren angebracht. „Mitfahren nur mit gültigem Fahrausweis!“, steht darauf.
Die BVG hat auf den neuen Straßenbahnen nun Hinweisschilder an den Einstiegstüren angebracht. „Mitfahren nur mit gültigem Fahrausweis!“, steht darauf.Igeb Berlin

Die Warnhinweise bringen nun den Fahrgastverband IGEB auf die Palme. „Dieser Anhang widerspricht komplett dem Tarifwerk des Verkehrsverbundes Berlin-Brandenburg (VBB)“, sagt Verbandssprecher Christian Linow dem KURIER. Er verweist auf den Paragrafen 6 im VBB-Tarif.

Dort steht unter Absatz 2: „Der Fahrgast hat vor Fahrtantritt einen Fahrausweis zu erwerben. Sind auf Bahnhöfen oder an Haltestellen keine Verkaufsstellen oder Fahrausweisautomaten vorhanden, so sind die Fahrausweise unverzüglich und unaufgefordert beim Fahr- oder Servicepersonal bzw. am mobilen Fahrausweisautomaten im Verkehrsmittel zu erwerben.“

Der IGEB-Sprecher: „Das heißt, die BVG darf gar nicht mir nichts, dir nichts auf Fahrkartenautomaten im Innern der Straßenbahnen verzichten.“

Über 300 Fahrgäste haben im Urbanliner Platz. Doch es gibt keinen Fahrkartenautomaten.
Über 300 Fahrgäste haben im Urbanliner Platz. Doch es gibt keinen Fahrkartenautomaten.Peter Neumann/Berliner Zeitung

Der IGEB-Vorwurf ist berechtigt. Denn nicht an allen Haltestellen der Linie M4 gibt es Fahrkartenautomaten. Diese gibt es ja sonst auch in den Straßenbahnen, nur nicht in den neuen XXL-Zügen.

BVG versprach mehr Fahrkartenautomaten an Haltestellen

Die BVG erklärte zwar vor Wochen dem KURIER, man habe entlang der Strecke der M4, wo der Urbanliner zunächst eingesetzt werden soll, das stationäre Vertriebsangebot bereits deutlich ausgebaut, weil die neuen XXL-Straßenbahnen keine Fahrscheinautomaten haben. Doch offenbar nicht überall.

Denn die BVG hat jetzt Haltestellen entlang der M4 mit Info-Zetteln versehen, auf denen Fahrgäste als Alternative aufgefordert werden, ihre Tickets in Kiosken oder U- und S-Bahnhöfen zu erwerben. Auf den Informationszetteln findet der Fahrgast sogar die Adressen der Kioske in der Nähe – inklusive Öffnungszeiten.

Die BVG hat jetzt Haltestellen entlang der M4 mit Info-Zetteln versehen, auf denen Fahrgäste als Alternative aufgefordert werden, ihre Tickets in Kiosken oder U- und S-Bahnhöfen zu erwerben – hier an der Greifswalder Straße.
Die BVG hat jetzt Haltestellen entlang der M4 mit Info-Zetteln versehen, auf denen Fahrgäste als Alternative aufgefordert werden, ihre Tickets in Kiosken oder U- und S-Bahnhöfen zu erwerben – hier an der Greifswalder Straße.Igeb

Für den Fahrgastverband ist das ein Ding aus dem Tollhaus. „Ein Kiosk mit festen Öffnungszeiten als Ersatz für einen Fahrkartenautomaten? Das ist, als würde eine große Tankstelle ihre Zapfsäulen abmontieren und von den Autofahrern verlangen, dass sie sich den Sprit gefälligst vorher im Kanister beim Späti besorgen“, sagt Sprecher Linow.

Fahrgastverband: Neue Tram ist „Schwarzfahrer-Falle“

Das alles habe mit einem verlässlichen Nahverkehr nichts mehr zu tun. „Die eigenen Regeln des VBB sagen ganz klar: Gibt es keinen Automaten an der Haltestelle, muss es einen in der Bahn geben. Die BVG macht sich hier ihre eigene Welt – auf dem Rücken der Fahrgäste.“

IGEB-Sprecher Christian Linow (45) fordert Ticketautomaten an jeder Haltestelle.
IGEB-Sprecher Christian Linow (45) fordert Ticketautomaten an jeder Haltestelle.privat

Daher erklärt der Fahrgastverband: „Wir fordern ganz klar: Keine automatenfreien Straßenbahnen ohne vollwertige Ticketautomaten an jeder Haltestelle! Alles andere ist ein Alibi-Vertrieb, der die ehrlichen Fahrgäste in die Schwarzfahrerfalle tappen lässt.“

Denn wer keinen Fahrschein hat und dummerweise noch einen dieser neuen Straßenbahnzüge auf der M4 erwischt, muss mit einer Geldbuße von 60 Euro rechnen, wenn er in eine Kontrolle gerät.

„Aber wie soll ich ein Ticket kaufen, wenn die BVG mir die Automaten vor der Nase wegbaut?“, sagt IGEB-Sprecher Linow. „Hier wird die Beförderungspflicht mit Füßen getreten.“

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