Wenn sich donnerstags vor dem Gemeindehaus in Berlin-Spandau die ersten Menschen sammeln, sind andere längst da. Ehrenamtliche, viele selbst im Rentenalter, schleppen Kisten, sortieren Lebensmittel, bauen Tische auf. Nicht, weil es jemand von ihnen erwartet – sondern weil sie wissen, dass sie gebraucht werden. Eine von ihnen ist Irmgard Schadach. Seit Jahren hilft sie donnerstags bei der Tafel und empfängt die Menschen mit einem warmen Lächeln.
Ehrenamt aus Verantwortung
Irmgard Schadach kennt diese Donnerstage seit vielen Jahren. Sie ist wie viele ihrer Kunden auch Rentnerin – aber eben auf der anderen Seite der Tafel. Die 76‑Jährige arbeitet seit inzwischen 13 Jahren ehrenamtlich bei „Laib und Seele“, einer Ausgabestelle der Berliner Tafel. Angefangen hat sie nach ihrer Pensionierung. Zuvor war sie Schulleiterin einer Grundschule in Berlin-Kladow.

„Ich dachte, ich kann irgendwo ein bisschen was für die Gesellschaft tun, etwas zurückgeben“, erzählt Irmgard. Als Beamtin stehe sie finanziell auf sicheren Füßen. Dass andere im Alter das Glück nicht haben, habe sie lange beobachtet. Die Zahlen sprechen für sich: 48 Tafel-Ausgabestellen gibt es mittlerweile in Berlin, allein zu dieser kommen rund 200 Haushalte pro Ausgabetag.
Die Organisation hinter den offenen Türen
Was für die Kunden um 12 Uhr öffnet, beginnt für die Ehrenamtlichen bereits Tage vorher. Schon ab dienstags holen Helfer Lebensmittel bei umliegenden Supermärkten und aus der Zentrale in der Beusselstraße ab. Dafür wird ein Transporter angemietet, rund zehn Fahrer sind im Einsatz, viele mit ihrem privaten Auto. „Aber wir kaufen auch zu“, sagt Irmgard offen. „Sonst würden wir nicht über die Runden kommen.“ Kartoffeln, Nudeln, Reis.

Am Donnerstag stehen die Ersten bereits um sechs Uhr morgens im Gemeindehaus. Der Saal wird aufgebaut, Kisten werden geschleppt, Autos fahren vor, Lebensmittel werden sortiert. Es sind vor allem Frauen, die ehrenamtlich helfen.
Erwachsene zahlen zwei Euro, für Kinder ist es kostenlos. Voraussetzung ist ein Nachweis der Bedürftigkeit: Bürgergeld, Grundsicherung, Asylbewerberleistungen – und immer häufiger Rentennachweise.
Bei der Rente ist es ein Betrag von 1100 Euro, der nicht überschritten werden darf. „Wir haben sehr viele Rentner“, erzählt Irmgard. „Ein Drittel unserer Kundschaft sind Rentnerinnen und Rentner.“ Überraschend sei das längst nicht mehr. Auffällig sei derzeit eher die große Zahl ukrainischer Familien, die seit Kriegsbeginn hergekommen sind.
Wenn Hilfe Überwindung kostet
Doch trotz der Not ist der erste Schritt für viele schwer. „Die Hemmschwelle ist hoch“, sagt Irmgard. Besonders ältere Menschen hätten große Schwierigkeiten damit, Hilfe anzunehmen.
Besonders nah gehen ihr die Momente mit den Ältesten. „Wir hatten schon Menschen, die beim Warten Unterstützung brauchten“, erzählt sie. „Einmal mussten wir sogar die Feuerwehr rufen, weil jemand gestürzt ist.“

Doch zwischen all der Not spürt Irmgard Schadach immer wieder Dankbarkeit. „Die gerührten alten Menschen – aber auch die Dankbarkeit vieler Menschen aus der Ukraine, die sich mühsam durch die deutsche Sprache kämpfen. Das sind schöne Augenblicke.“
Eine Geschichte erzählt sie besonders gern: Ein Mann, der selbst Kunde bei der Tafel war, half irgendwann einfach mit – obwohl das eigentlich nicht gern gesehen werde. Heute arbeitet er als Busfahrer bei der BVG. „Er hat seine Sprachbarrieren überwunden, Kurse gemacht – und kam dann nicht mehr zurück. Klar: Er hatte wieder Arbeit.“
Unterstützung aus der Politik – zumindest vor Ort
Rückhalt erfährt die Ausgabestelle vor allem auf Bezirksebene. „Da kann ich mich nicht beschweren“, sagt Schadach. Der Sozialstadtrat komme persönlich vorbei, kremple die Ärmel hoch und sortiere sogar faule Tomaten aus. Auch der Bezirksbürgermeister sei mehrfach da gewesen.
Auf Landesebene bleibt bei ihr dennoch ein Zwiespalt. „Natürlich kann man sagen: Deutschland ist ein reiches Land – müsste das alles überhaupt nötig sein? Aber es ist nun mal so.“
Ein Ort der Gemeinschaft und Herzlichkeit
Für Irmgard Schadach ist die Tafel mehr als eine Ausgabestelle. „Hier wird niemand verurteilt“, sagt sie. Dankbarkeit erlebe sie täglich – gerade bei älteren Menschen. Natürlich wünsche man sich, dass eine Tafel in einem reichen Land eigentlich nicht nötig wäre. „Aber das ist Utopie“, Armut werde es immer geben. Wichtig sei, dass Menschen nicht allein gelassen werden.

Viele seien unverschuldet in Not geraten, andere vielleicht nicht ganz ohne eigene Fehler. Für Irmgard spielt das keine Rolle. „Es ist egal, warum sie an diesem Punkt sind. Die Menschen, die hierher kommen, sind willkommen.“
„Es gibt immer genug zu tun“
Andere Ausgabestellen hätten wegen der großen Nachfrage inzwischen einen Aufnahmestopp, in Spandau sei man bisher immer in der Lage gewesen, weiter zu versorgen. Auch deshalb, weil es immer wieder Unterstützung aus der Nachbarschaft gebe. Zum Beispiel andere Rentnerinnen und Rentner, die selbst mit dem Auto vorfahren und Lebensmittel spenden.



