Schiff Ahoi!

Dieser Berliner gab seinen Kindheitswunsch nie auf – heute fährt auf dem Schiff seiner Träume

Cem Richter wollte schon immer auf Berlins Ikone „MS Moby Dick“ fahren, heute macht er eine Ausbildung bei der Traditionsreederei.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Cem auf der Moby Dick. Sein Kindheitstraum ging in Erfüllung.
Cem auf der Moby Dick. Sein Kindheitstraum ging in Erfüllung.STERN + KREIS

Fast neun Jahre lang kassierte Cem Richter Absagen. Oft bekam er nicht einmal die Chance, sich persönlich vorzustellen. Doch aufgeben kam für den Berliner nie infrage. Heute steht der 32-Jährige dort, wo er sich schon als Kind gesehen hat: auf der Brücke der berühmten „Moby Dick“.

Ein kleiner Junge träumt

Es ist eine Geschichte, die an der Havel beginnt.  Jahr für Jahr stand Cem Richter in Spandau am Wasser und beobachtete das markante Ausflugsschiff „MS Moby Dick.“ Seine Großmutter arbeitete damals bei den Wasserfreunden Spandau 04, wo sie für die Gastronomie zuständig war. Von dort aus verfolgte er fasziniert, wie die „MS Moby Dick“ auf der Havel ihre Runden drehte.

Während andere Kinder den Schiffen hinterherwinkten, hatte Cem längst einen festen Plan. „Irgendwann fahre ich dieses Schiff selbst“, wusste er. Was für viele Erwachsene nach einer typischen Kinderfantasie klingt, wurde für ihn zum Lebensziel.

Neun Jahre lang nur Absagen

„Ich wusste schon als Kind ganz genau, was ich machen möchte. Für mich gab es eigentlich nie etwas anderes. Ich habe immer gesagt: Ich mache nichts zu 95 Prozent. Wenn, dann genau das“, sagt Cem.

Doch der Weg aufs Wasser war länger als gedacht. Immer wieder bewarb er sich auf Ausbildungsplätze in der Schifffahrt – in Berlin und in anderen Teilen Deutschlands. Oft erhielt er nicht einmal eine Einladung zum Vorstellungsgespräch. Trotzdem blieb er hartnäckig.

In den Jahren dazwischen arbeitete er unter anderem als Türsteher im Berliner Kult-Club Schwuz, in der Gebäudereinigung und später als Betriebsratsvorsitzender. Doch der Wunsch, Schiffe zu fahren, blieb.

Das Fahrgastschiff Moby Dick ist mit seinem auffälligen Design in Berlin ein Hingucker.
Das Fahrgastschiff Moby Dick ist mit seinem auffälligen Design in Berlin ein Hingucker.Olaf Wagner

Dann kam endlich der Anruf

Nach der Corona-Pandemie begann die Berliner Traditionsreederei STERN + KREIS wieder mit der Ausbildung neuer Schiffsführer. Für Cem war das die Chance, auf die er so lange gewartet hatte.

Und diesmal klappte es. „Als die Zusage kam, wusste ich: Jetzt beginnt endlich das Leben, auf das ich so lange hingearbeitet habe.“ Heute absolviert er bei STERN + KREIS seine Ausbildung zum Schiffsführer und gilt im Unternehmen als einer der engagiertesten Nachwuchskräfte.

Der Moment, den er niemals vergessen wird

Der Höhepunkt seiner bisherigen Ausbildung kam schneller als erwartet. Nur wenige Monate nach dem Start fragte ihn ein Schiffsführer, ob er für kurze Zeit das Steuer übernehmen wolle. Ausgerechnet auf der „Moby Dick“. Dem Schiff, das ihn seit Kindertagen begleitet. Cem ögert keine Sekunde. „Das war ein völlig surreales Gefühl. Wirklich unbeschreiblich. Ich habe dieses Schiff als Kind immer beobachtet, und plötzlich stand ich selbst am Steuer.“

Bis heute bewegt ihn dabei ein Gedanke besonders. Seine Mutter und seine Großmutter konnten diesen Moment nicht mehr erleben. „Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass sie das noch sehen können. Aber ich glaube, sie hätten sich riesig gefreut“, sagt Cem Richter.

Für ihn sind Fahrgäste keine Nummern

Wer mit Cem Richter unterwegs ist, merkt schnell: Es geht ihm nicht nur ums Navigieren. Er möchte, dass sich alle Gäste an Bord willkommen fühlen. Deshalb verabschiedet und begrüßt er seine Fahrgäste nie mit denselben Floskeln.

„Ich möchte nicht, dass jemand hört, wie ich zehnmal hintereinander denselben Satz sage. Jeder Gast soll das Gefühl haben, persönlich willkommen zu sein.“

Die „Moby Dick“ ist für viele Berliner Kult

Die „MS Moby Dick“ gehört seit Jahrzehnten zu den bekanntesten Fahrgastschiffen der Hauptstadt. Mit ihrer silbernen Walflosse am Heck, den schwarzen Schuppen und dem Walmaul am Bug ist sie auf den Berliner Gewässern kaum zu übersehen.

Cem Richter auf der Moby Dick. Heute begrüsst er hier die Gäste.
Cem Richter auf der Moby Dick. Heute begrüsst er hier die Gäste.Stern und Kreis

Das rund 48 Meter lange Schiff hat seinen Heimathafen an der Greenwichpromenade in Tegel. Von dort aus geht es regelmäßig über Havel und Tegeler See. Besonders gefragt ist die Tour von Tegel Richtung Innenstadt mit Blick auf Hauptbahnhof, Reichstag und Bundeskanzleramt.

Viele Berliner kennen die „Moby Dick“ seit ihrer Kindheit. Für Cem Richter wurde sie zum Symbol eines Traums, den er nie aufgegeben hat.

Warum seine Kollegen ihn einen Glücksfall nennen

Auch bei STERN + KREIS hat sich der 32-Jährige längst einen Namen gemacht. „Cem ist auch für uns ein echter Glücksfall. Seine Erfahrung aus Clubszene und Veranstaltungsmanagement hilft uns sehr bei unseren zahlreichen Veranstaltungen an Bord unserer Schiffe“, sagt Sandra Schumacher, eine der Geschäftsführerinnen von STERN + KREIS. „Wenn es heißt ‚Cem ist dabei‘, sind unsere Crews auch bei großen Veranstaltungen ganz entspannt!“

Trotz des Lobes bleibt Cem bescheiden

Langfristig möchte Cem sein Wissen an jüngere Kollegen weitergeben und später selbst Auszubildende begleiten. „Ich weiß, dass ich diesen Beruf den Rest meines Lebens machen möchte“, sagt er. „Die manchmal nötige Gelassenheit dafür habe ich, weil ich endlich angekommen bin.“ 

Mehr als 20 Jahre, nachdem er als kleiner Junge am Spandauer Havelufer stand und der „Moby Dick“ hinterherschaute, ist sein Kindertraum Wirklichkeit geworden.

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