Maritime Geschichte

Fast verschrottet, heute gefeiert: Das zweite Leben eines DDR-Schiffs

Vom DDR-Fischfangschiff zur schwimmenden Kult-Location: Die „Stubnitz“ erzählt eine ungewöhnliche Ost-Geschichte aus Stahl, Musik und Überleben nach der Wende.

Author - Sebastian Krause
Teilen
Die MS „Stubnitz“ war in der DDR ein bekannter Fischkutter. Heute dient das Schiff in Hamburg als Ort für Veranstaltungen.
Die MS „Stubnitz“ war in der DDR ein bekannter Fischkutter. Heute dient das Schiff in Hamburg als Ort für Veranstaltungen.imago/Betritt

Wer heute über die Gangway der MS „Stubnitz“ geht, betritt nicht einfach ein Veranstaltungsschiff. Man steigt in ein Stück DDR-Industriegeschichte hinab – in Stahlgänge, Maschinenräume und ehemalige Arbeitsbereiche der ostdeutschen Hochseefischerei.

Viele Teile des Schiffes noch im Originalzustand

Das fast 80 Meter lange Schiff wurde 1964 auf der Volkswerft Stralsund gebaut und war zunächst als Kühl- und Transportschiff für die DDR-Fischfangflotte im Einsatz. Bis heute sind zentrale Teile des Schiffes weitgehend original erhalten, darunter die elektromechanische Maschinenanlage, die Kommandobrücke mit Funk- und Kartenraum sowie Wohn- und Sozialbereiche der früheren Besatzung.

Industrieller Fischfang spielt eine wichtige Rolle

Die „Stubnitz“ gehört zu jenen Schiffen, an denen sich die Geschichte der DDR-Wirtschaft besonders gut ablesen lässt. Gebaut wurde das Schiff in Stralsund, einem wichtigen Standort des ostdeutschen Schiffbaus. Die Volkswerft entwickelte sich in der DDR zu einem zentralen Betrieb für den Bau von Fischereischiffen.

Die "Stubnitz" ist heute Teil des Hamburger Hafens und prägt dort das Bild schon seit vielen Jahren.
Die "Stubnitz" ist heute Teil des Hamburger Hafens und prägt dort das Bild schon seit vielen Jahren.Imago/imageBROKER/Wibke Woyke

Die „Stubnitz“ und ihr Schwesterschiff „Granitz“ entstanden als Kühl- und Transportschiffe für den industriellen Fischfang, der in den 1960er-Jahren vor allem beim Heringsfang eine wichtige Rolle spielte.

Mehr als 1000 Tonnen Fisch konnte transportiert werden

Am 1. Juni 1964 lief die „Stubnitz“ vom Stapel. Angetrieben wurde das Schiff von zwei Dieselmotoren aus dem VEB Schwermaschinenbau „Karl Liebknecht“. Mit 59 Besatzungsmitgliedern konnte das Schiff täglich bis zu 60 Tonnen Fisch frosten und mehr als 1.000 Tonnen transportieren. Damit war die „Stubnitz“ nicht nur ein Transportmittel, sondern Teil einer hoch organisierten schwimmenden Fabrik, wie sie für die DDR-Hochseefischerei typisch war.

Zunächst fuhr das Schiff als KTS „Stubnitz“ für die Sassnitzer Hochseefischerei. Ab 1984 war es unter der Kennung ROS 701 für den VEB Fischfang Rostock im Einsatz. Auch das Schwesterschiff „Granitz“ wechselte in dieser Zeit nach Rostock und fuhr als ROS 702. In dieser Phase war die „Stubnitz“ Bestandteil jener staatlich organisierten Flotte, mit der die DDR ihre Fischversorgung sichern wollte. Der Betrieb, die Routen und die Nutzung des Schiffes waren eng mit der Planwirtschaft und den volkseigenen Strukturen der DDR verbunden.

„Stubnitz“ wird als mobile Kulturplattform umgebaut

Mit der deutschen Einheit endete das erste Leben des Schiffes abrupt. Die ostdeutsche Schifffahrt und Fischereiwirtschaft gerieten nach 1990 unter massiven Druck. Viele Schiffe lagen ungenutzt in den Häfen, Betriebe wurden abgewickelt oder privatisiert. Für die „Granitz“ bedeutete diese Zeit das Aus. Das Schwesterschiff wurde verkauft und später verschrottet. Die „Stubnitz“ dagegen entging diesem Schicksal. 1992 wurde sie außer Dienst gestellt und zu einer mobilen Kulturplattform umgebaut.

Der Umbau veränderte die Nutzung, aber nicht den Charakter des Schiffes. Die Anlagen zur Fischverarbeitung wurden demontiert, weil Platz für Veranstaltungen gebraucht wurde. Aus ehemaligen Laderäumen und Arbeitsbereichen entstanden Räume für Konzerte, Ausstellungen, Partys, Konferenzen und Lesungen. Gerade die raue Atmosphäre aus Stahl, Technik und Industriegeschichte macht bis heute den besonderen Reiz der „Stubnitz“ aus. Das Schiff ist Veranstaltungsort, Denkmal und begehbares Zeugnis der DDR-Hochseefischerei zugleich.

„Stubnitz“ ist jahrelang in europäischen Häfen unterwegs

An Bord gibt es mehrere Veranstaltungsbereiche. Genutzt werden unter anderem „Laderaum 1“, „Laderaum 4“, die „Verarbeitung“ und das Achterdeck. Je nach Bereich finden dort kleinere Gruppen ebenso Platz wie größere Veranstaltungen.

2023 zog das Schiff innerhalb der HafenCity in Hamburg an einen neuen Liegeplatz nahe den Elbbrücken um.
2023 zog das Schiff innerhalb der HafenCity in Hamburg an einen neuen Liegeplatz nahe den Elbbrücken um.imago/Christian Ohde

Dass dieses Schiff mehr ist als ein Club, zeigt sein Logbuch. Nach dem Umbau war die „Stubnitz“ jahrelang in europäischen Hafenstädten unterwegs. Bis 2013 bespielte das Projekt 22 Städte in elf Ländern Nord- und Osteuropas. Zu den Stationen gehörten unter anderem Rotterdam, Amsterdam, Brügge, Stettin, Riga, Kopenhagen, Newcastle, Dünkirchen, Aarhus, Bremen, Wilhelmshaven und London.

DDR-Schiff liegt heute in der Nähe der Elbbrücken

Seit 2013 liegt die MS „Stubnitz“ in Hamburg. Was zunächst wie eine Zwischenstation wirkte, wurde zu einem festen Teil der HafenCity. Der Standort brachte allerdings auch Konflikte mit sich. Als in der Umgebung neue Wohnungen entstanden, gab es Beschwerden über Lärm und Betriebsabläufe. 2023 zog das Schiff innerhalb der HafenCity an einen neuen Liegeplatz nahe den Elbbrücken um.

Doch auch dieser Liegeplatz ist nicht dauerhaft gesichert. Der Vertrag am Standort Elbbrücken läuft Ende 2026 aus. Ab Anfang Oktober 2026 soll die „Stubnitz“ deshalb an das Baakenhöft verlegt werden, nur wenige Hundert Meter weiter. Dort kann das denkmalgeschützte Kultur- und Musikschiff mindestens bis zum ersten Quartal 2028 bleiben. Danach könnte der Bau der neuen Oper beginnen.

Schiff auf Unterstützung und Hilfe angewiesen

Damit die „Stubnitz“ weiter als Veranstaltungsort genutzt werden kann, muss sie regelmäßig in die Werft. Im Sommer 2024 kehrte der frühere DDR-Trawler nach Stralsund zurück. Dort wurde es überholt. Nach Abschluss der Arbeiten erhielt die „Stubnitz“ die Erlaubnis für weitere Jahre Betrieb.

Damit das so bleibt, ist das Schiff auf Menschen angewiesen, die das Projekt unterstützen. Der Verein hinter dem Schiff beschreibt es so: „Wir sind eine gemeinnützige Organisation, ein Team von Freiwilligen und engagierten Menschen, die sich dafür einsetzen, dass dieser Freiraum für Kultur und Kreativität existiert und für alle offen bleibt“, so das „Stubnitz“-Team auf der offiziellen Website.

Welche Verbindung haben Sie zu der „Stubnitz“? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com