Verdächtig günstig

Rechnet sich der Senat die U-Bahn ins Märkische Viertel schön?

Der BUND bezweifelt, dass die Kosten für die neue U-Bahn-Trasse realistisch sind. Anderswo zahle man doppelt so viel.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Die U-Bahnlinie U8 soll bis ins Märkische Viertel verlängert werden.
Die U-Bahnlinie U8 soll bis ins Märkische Viertel verlängert werden.imago/Steinach

Die geplante Verlängerung der U8 ins Märkische Viertel sorgt für neuen Ärger. Die 2,8 Kilometer von Wittenau bis zum Senftenberger Ring mit vier neuen Stationen sollen nur 390 Millionen Euro kosten. Klingt viel – ist aber im Vergleich zu anderen deutschen U-Bahn-Projekten verdächtig billig, warnt der BUND. 

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland schlägt daher Alarm: 139 Millionen Euro pro Kilometer wären das – nicht mal die Hälfte dessen, was Hamburg, München oder Berlin sonst für neue Tunnel zahlen. Dort liegen die Werte zwischen 291 und 500 Millionen Euro pro Kilometer.

BUND-Verkehrsexpertin Katharina Wolf fordert von Verkehrssenatorin Ute Bonde (CDU) eine klare Erklärung: Wie kann das so günstig sein? Ohne realistische Zahlen, so Wolf, drohten Fehlentscheidungen – und am Ende ein Projekt, das weder wirtschaftlich noch sinnvoll sei.

Schaut man auf laufende oder kurz vor der Realisierung stehende U-Bahn-Verlängerungen in Berlin, Hamburg und München, so schlagen nach offiziellen Angaben U-Bahn-Kilometer mit 291 bis 500 Millionen Euro zu Buche.

Unter diesen Werten liege nur die weitgehend unter freiem Feld verlaufende Verlängerung der Münchner U6, die vom Endbahnhof Klinikum Großhadern um knapp einen Kilometer nach Martinsried verlängert wird, so der BUND.

Hierfür wurden 2023 Kosten von 212 Millionen Euro genannt, so der BUND. In Berlin ist ein deutlich anspruchsvolleres Terrain zu erwarten und damit auch höhere Kosten.

Das Märkische Viertel soll besser per ÖPNV erschlossen werden.
Das Märkische Viertel soll besser per ÖPNV erschlossen werden.Sabine Gudath

Pikant: Verkehrssenatorin Ute Bonde hatte erst am Montag betont, man müsse bei Verkehrsprojekten „unheimlich viel Geld sinnvoll investieren“. Genau das stellt der BUND jetzt infrage.

Statt einer teuren U-Bahn fordert der Umweltverband eine Straßenbahn-Lösung fürs Märkische Viertel. Eine Verlängerung der Tramlinie M1 ab Rosenthal – später soll eine Umstellung der Buslinie M21 auf die Tramschiene erfolgen.

Das brächte mehr Kapazität, sei schneller und günstiger. Laut BUND würde diese Lösung nur ein Zehntel der Kosten einer U-Bahn verursachen.

„Wir fordern CDU-Verkehrssenatorin Ute Bonde auf, darzulegen, wie eine derart niedrige Kostenschätzung plausibel begründet werden kann.“ Ohne realistische Kostenprognosen lässt sich der Nutzen von Verkehrsprojekten „nicht fehlerfrei ermitteln“, so Katharina Wolf.

Diese U-Bahn-Strecken wurden verglichen

Berlin: U8 Wittenau-Senftenberger Ring: 139 Millionen Euro pro Kilometer (4 Bahnhöfe, 2,8 Kilometer Streckenlänge, Kosten laut Medienbericht: 390 Millionen Euro)

Hamburg: U4 Horner Rennbahn-Horner Geest: 291 Millionen Euro pro Kilometer (2 Bahnhöfe, 1,6 Kilometer Streckenlänge, Kosten laut Hamburger Hochbahn: 465 Millionen Euro)

Hamburg: U5 Bramfeld-City Nord: 500 Millionen Euro pro Kilometer (5 Bahnhöfe, 5,8 Kilometer Streckenlänge, Kosten laut Hamburger Hochbahn: 2,9 Milliarden Euro)

München: U6 Klinikum-Großhadern-Martinsried: 221 Millionen Euro pro Kilometer (1 Bahnhof, 960 Meter Streckenlänge, Kosten laut Bayerischem Rechnungshof: 212 Millionen Euro)

München: U5 Laimer-Platz-Pasing: 342 Millionen Euro pro Kilometer (2 Bahnhöfe, 3,8 Kilometer Streckenlänge, Kosten laut Stadtratsunterlagen: 1,3 Milliarden Euro)

Senat will U8 Verlängerung weiter planen

Der Senat sich für die Fortführung der Planungen für die Verlängerung der U-Bahnlinie U8 in das Märkische Viertel beschlossen.

Bereits Anfang 2024 wurden die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) mit der Durchführung einer umfassenden Untersuchung beauftragt. Diese umfasste einen Verkehrsmittelvergleich, verschiedene Trassenvarianten sowie eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung. Die Ergebnisse liegen nun vor.

Aus fachlicher Sicht erweist sich die Verlängerung der U8 als das am besten geeignete Verkehrsmittel zur leistungsfähigen Anbindung des Märkischen Viertels, so eine Mitteilung der Verkehrsverwaltung. 

Die Trassenführung soll ab U-Bahnhof Wittenau unter dem Wilhelmsruher Damm bis in das Zentrum des Märkischen Viertels laufen.

Vorgesehen sind drei Zwischenstationen am Märkischen Zentrum, an der Treuenbrietzener Straße sowie an der Wesendorfer Straße. Der neue Endbahnhof soll am Senftenberger Ring entstehen.

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