Im Mai 2018, zum 50. Jahrestag des Siegs gegen Carl Zeiss Jena, würdigten die Fans von Union ihre Pokal-Helden mit einer Choreografie. Imago

Nichts ist für die Ewigkeit. Schon gar nicht sportliche Erfolge. Der Sieger von heute ist oft der Verlierer von morgen. Na gut, manchmal ist gerade das auch umgekehrt, wenn auch ziemlich selten. So jedenfalls zeigt sich die Regel. Es hat in der Bundesliga deshalb auch nur sechs Spielzeiten gedauert, bis ein aktueller Meister, der zu Saisonbeginn die erfolgreiche Titelverteidigung angepeilt hat, 34 Spieltage später abgestiegen ist. Der 1. FC Nürnberg hielt nach der Spielzeit 1967/68 die Meisterschale hoch und stieg am Ende der Saison 1968/69 als amtierender Titelträger ab. Andersherum, dass ein Aufsteiger auf den Meisterthron geklettert ist, hat es geschlagene 35 Jahre gedauert und ist erst 1998 dem 1. FC Kaiserslautern geglückt.

„Rest von Leipzig“ wird DDR-Meister

Allerdings gibt es auch hier die Ausnahme von der Regel. Die ist wahrlich so selten, dass diejenigen, die etwas Einmaliges schaffen, die einen Teufelskreis durchbrechen oder denen etwas schier Unmögliches gelingt, in den Augen der Anhänger zu Helden werden. Deshalb haben viele in Deutschland mehr von der 1954er-Weltmeisterelf um Fritz Walter, Helmut Rahn und Toni Turek geschwärmt als von den späteren Titelträgern. In England haben die WM-Cracks von 1966 um Bobby Moore, Bobby Charlton und Geoffrey Hurst einen deutlich höheren Stellenwert als die nachfolgenden Generationen. Nicht anders die Dänen um Brian Laudrup, Peter Schmeichel und Flemming Povlsen sowie die Griechen um Traianos Dellas, Theodoros Zagorakis und Angelos Charisteas. Die einen schlurften 1992 in Badelatschen auf den EM-Thron, die anderen tanzten 2004 im Stil von Alexis Sorbas auf den europäischen Fußball-Olymp.

Auf Vereinsebene gibt es dieses Phänomen ebenso, wahrscheinlich sogar öfter. In Leipzig-Leutzsch tummeln sich sicherlich heute noch etliche Chemie-Anhänger, die jene Elf mit Namen, Vornamen, Rückennummer und sogar Schuhgröße herunterbeten können, die 1964 als „Rest von Leipzig“ DDR-Meister geworden ist: Manne Walter, Rainer Lisiewicz, Bernd Bauchspieß, Dieter Scherbarth, Trainer Alfred Kunze nicht zu vergessen … Ähnlich halten es die Fans jenes Braunschweiger Eintracht-Teams, das 1967 vor 1860 München und Borussia Dortmund die Meisterschale gewonnen und dabei mit 49 Toren exakt nur so wenige erzielt hat wie der Tabellensechzehnte und Fast-Absteiger Werder Bremen: Horst Wolter, Joachim Bäse, Erich Maas, Lothar Ulsaß, und auch hier den Trainer, Helmuth Johannsen, nicht außer Acht lassen.

Vor der Haupttribüne im Stadion An der Alten Försterei steht das Denkmal für Unions Pokalsieger von 1968. Imago

Solche Teams, die oft aus dem Nichts kommen, erobern die Sympathien im Sturm. Oft wird ihnen, wenn auch manchmal erst viele, viele Jahre später, ein Denkmal gesetzt. Wie jenen Union-Cracks, denen 1968 mit dem Triumph im FDGB-Pokal ein Husarenritt gelang, auf der „Eisernen Promenade“ vor der Stadion-Haupttribüne. Viele Jahre haben sie in Köpenick auf etwas ähnlich Spektakuläres gehofft, gelauert, immer wieder neuen Anlauf genommen – und sind, manchmal knapp, manchmal krachend, gescheitert. Mit der Zeit hat es gedämmert, dass dieser Jahrgang in der Historie der Rot-Weißen tatsächlich etwas Einmaliges ist und die Namen nicht auf Papier geschrieben, sondern in Stein gemeißelt werden sollten: Ulrich Prüfke, Rainer Ignaczak, Harald Betke, Hartmut Felsch, Werner Schwenzfeier, der Trainer.

Union gedenkt verstorbenen Fans

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Spieler des Union-Kaders von 1968, die den FDGB-Pokal gewannen: Ulrich Prüfke, Wolfgang Weißenborn, Ralph Quest, Klaus Korn, Rainer Ignaczak, Harald Betke, Hartmut Felsch, Jürgen Stoppok (v. l.)

Auf niemanden bei ihnen trifft das Motto „Und niemals vergessen: Eisern Union!“ besser zu als auf diese Helden von Halle. Niemals vergessen auch deshalb, weil dieses Gaunerstück von damals zwar die Jahre überdauert hat, trotzdem nichts für die Ewigkeit ist. Einige von jenem 9. Juni, Reinhard „Mecky“ Lauck, Wolfgang „Ata“ Wruck, Günter „Jimmy“ Hoge und Ende November erst Meinhard Uentz, der Elfmeter-Torschütze vom Finale gegen Jena, haben nämlich den Weg in den Fußball-Himmel angetreten. Sie werden, so ist nun mal der Lauf der Zeit und es sind seitdem fast 54 Jahre vergangen, immer weniger, überall. Vier Tage nach Uentz ist mit Horst Eckel schließlich der letzte Held, der beim „Wunder von Bern“ auf dem Rasen des Wankdorf-Stadions stand, auch für immer gegangen.

Nahezu alle, die es mit dem 1. FC Union halten, werden sich daran erinnern, wie die Eisernen bei ihrem Bundesliga-Debüt am 18. August 2019 der verstorbenen Anhänger gedacht haben, Bilder von ihnen An die Alte Försterei brachten und sie zumindest in Gedanken an diesem denkwürdigen Tag teilhaben ließen. Vielleicht ist es vom Gefühl her im Olympiastadion heute ähnlich, zumal die Pokal-Helden von 1968 auf dem Weg zur sportlichen Unsterblichkeit auch ein Stadtderby zu bestreiten hatten. Im Halbfinale ging es gegen den FC Vorwärts, die damals im Osten Deutschlands spielstärkste und mit Nationalspielern gespickte Elf aus dem Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark. 2:1 ging es aus für die Eisernen.

Leute, gebt alles, um so etwas zu wiederholen. Für Mecky, Jimmy, Ata, Meinhard und für alle anderen erst recht.

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