Drei Tage nach Saisonende in der Bundesliga sitzt Dirk Zingler gut gelaunt auf dem Podium und wirkt zufrieden. Wobei: Ganz korrekt ist das eigentlich nicht. Denn beim 1. FC Union Berlin endete die Profi-Spielzeit eben nicht nur mit dem letzten Bundesligaspiel der Männer. Auch die Frauen beendeten am Sonntag ihre erste Saison im Oberhaus. Für Zingler dürfte das ein Unterschied sein und nicht nur eine Randnotiz.
„Union ist nicht nur Männer, sondern auch Frauen“
Denn genau darum geht es dem Präsidenten gerade: Union soll endlich anders gedacht werden. „Union ist nicht nur Männer, sondern auch Frauen“, sagt Zingler deutlich. Und man merkt schnell: Das ist kein PR-Satz für schöne Schlagzeilen. Der Präsident ärgert sich ernsthaft darüber, dass nach einer Pleite der Männer sofort vom „schlechten Union“ gesprochen und geschrieben wird – selbst dann, wenn die Frauen zeitgleich gewonnen haben. „Die Sprache verändert sich nicht“, kritisiert er.
1. FC Union Berlin europaweit an zweiter Stelle
Dabei liefern die Frauen inzwischen Zahlen, die selbst viele Traditionsvereine neidisch machen. 106.627 Zuschauer kamen in dieser Saison zu den 13 Heimspielen an die Alte Försterei. Bundesliga-Bestwert. In ganz Europa lockte nur Arsenal W.F.C. mehr Fans ins Stadion.
Bei diesen Zahlen wird klar: Bei Union geht es längst nicht mehr nur um Fußballromantik. Denn während die Männer sportlich inzwischen wieder da angekommen sind, wo sich der Verein selbst realistischerweise sieht – nämlich irgendwo im Bundesliga-Mittelfeld –, wächst in Köpenick eine zweite große Hoffnung heran. Auch wirtschaftlich.

Nach Jahren des Höhenflugs mit Champions League, Europa League und Conference League befindet sich der Verein für Zingler inzwischen in einem Normalzustand. Zehn Siege holten die Eisernen diesmal – exakt wie im Vorjahr, davor waren es neun. Diesmal gab es 15 statt 14 Niederlagen. Eiserne Konstanz und keine Katastrophe. Und irgendwie geplante Normalität in Köpenick. „Wir wissen vorher schon, dass wir viele Spiele nicht gewinnen werden“, sagt Zingler. Ärgern würden sie ihn trotzdem jedes Mal.
Vor allem, weil hinter jedem schlechten Spiel inzwischen ein riesiger Wirtschaftsfaktor steckt. Der Umsatz lag in der Saison 2024/25 bei rund 191 Millionen Euro – der Großteil davon durch den Männerfußball erwirtschaftet. Und genau dort sieht Zingler inzwischen massive Probleme.
Er spricht von einem „Risikogeschäft“, einem „Durchlaufgeschäft“, teilweise sogar von einem „aussaugenden System“. Besonders auf dem Transfermarkt. „Für die gleiche Qualität an Spielern muss ich heute 30, 40 oder 50 Prozent mehr zahlen als noch vor vier, fünf Jahren“, klagt der Präsident. „Wir erhöhen nicht die Qualität, aber wir zahlen mehr Geld.“
Die Konsequenz: Union setzt künftig stärker auf den Frauenfußball als zweite tragende Säule. Emotional – aber eben auch knallhart wirtschaftlich gedacht. Zinglers Traum klingt gigantisch: zweimal 40.000 Zuschauer. Einmal bei den Männern. Einmal bei den Frauen.
Und dazu eine Rechnung: „Wenn ich 40.000 Zuschauer mit einem Spielerinnen-Etat von zehn Millionen Euro bekomme oder 40.000 Zuschauer mit einem Etat von 80 Millionen Euro – dann können Sie mich als Unternehmer fragen, worauf ich setze.“
Bis die Alte Försterei tatsächlich 40.000 Fans fasst, dauert es allerdings noch. Der Stadionumbau läuft längst im Hintergrund. In der Saison 2027/28 sollen beide Profiteams deshalb vorübergehend umziehen. Bei den Männern steht das Ziel schon fest: Olympiastadion. Gespräche mit Hertha BSC und dem Betreiber laufen bereits. Die Frauen suchen dagegen noch eine passende Übergangslösung.
Dass der Umzug ausgerechnet mehr Einnahmen bringen könnte, nimmt Zingler dabei fast schon mit trockenem Humor. Emotional wolle man natürlich pünktlich zurück, wirtschaftlich sei eine mögliche Verzögerung aber kein Drama.
Und dann bleibt da noch die große offene Frage des Sommers: Wer wird neuer Trainer der Männer?


