Beim 1. FC Union Berlin geht es längst nicht mehr nur um die Frage, wer neuer Trainer wird. Viel spannender ist inzwischen: Wie soll Union künftig eigentlich spielen? Einen Vorgeschmack gab es bereits unter Interimstrainerin Marie-Louise Eta zu sehen: Vierer- statt Fünferkette, offensiven Fußball mit reichlich Torraumszenen.
Doch nicht nur die veränderte Spielidee soll zur neuen Union-DNA werden. Der neue Cheftrainer, den die Köpenicker idealerweise im Mai präsentieren wollen, bekommt deshalb gleich zwei klare Aufträge: mehr Mut nach vorne – und deutlich mehr Nachwuchs im Profiteam.
Talente brauchen bei Union eine neue Spielidee
Denn bei Union hat man erkannt, dass es für die Talente auch die passende Spielidee braucht. Bestes Beispiel: Linus Güther. Der Youngster wurde bei seinem Bundesliga-Debüt in Heidenheim zwar zum zweitjüngsten Spieler der Bundesliga-Geschichte – sein Talent aber konnte er nicht zeigen. Die lang gespielten Bälle flogen meist hoch über ihn hinweg, das Spiel lief komplett an ihm vorbei.
Für Präsident Dirk Zingler ein Fingerzeig. „Dafür muss ich einen anderen Fußball spielen“, sagte er in einer Medienrunde vor der Mitgliederversammlung ungewöhnlich deutlich. Und verteilte damit eine kleine Spitze gegen den Fußball, der unter Steffen Baumgart bis zur 1:3-Niederlage in Heidenheim zu sehen war und den Klassenerhalt in Gefahr brachte.

Denn unter ihm galt oft nur eins: Einsatz, Kampf, lange Bälle und Torgefahr nach Standards. Damit erfüllte er allerdings noch die Anforderungen, die Zingler so formulierte: „Geht raus, gewinnt Spiele und probiert nicht, schönen Fußball zu spielen.“ Wer bei Union „entwickeln“ wolle, fliege raus. Nach der Niederlage gegen Heidenheim flog Baumgart raus, weil er sich zwar an die Marschroute des Präsidenten hielt, aber die Spiele nicht mehr gewann.
Jetzt aber hat Zingler die nächste Entwicklungsstufe in Köpenick ausgerufen. Weil sich die Rahmenbedingungen seit dem Aufstieg im Sommer 2019 deutlich verbessert haben. 25 Millionen Euro hat Union in sein Nachwuchsleistungszentrum investiert. Nun sollen endlich mehr Eigengewächse dauerhaft den Sprung schaffen. Neben Aljoscha Kemlein, der bereits zum festen Kern der Männermannschaft gehört, gelten vor allem Dmytro Bogdanov und Linus Güther als Kandidaten für die Zukunft.
Union will die Talente nicht mehr nur einsetzen, sondern entwickeln und perspektivisch ihren Marktwert steigern. Dafür braucht es den passenden Trainer. Einen, der Talente besser macht. Einen, der modernen Fußball spielen lässt. Einen, der trotzdem zur eisernen Mentalität passt.
Auf drei Kandidaten wurde die Kandidatenliste gekürzt, wie Zingler am Dienstag skizzierte. Christian Eichner, Horst Steffen und Mauro Lustrinelli sollen sich laut zahlreichen Medienberichten die Namen dahinter sein. Ein Blick auf ihre Profile zeigt, warum sie ins Anforderungsprofil passen könnten:
Horst Steffen gilt als Paradebeispiel eines Konzepttrainers. Seine Teams stehen für mutigen, dominanten Offensivfußball und ein aggressives Gegenpressing. Statt sich an den Gegner anzupassen, drückt er dem Spiel lieber seinen eigenen Stempel auf.
Der 57-Jährige setzt konsequent auf eine Viererkette und hat sich nach Jahren im Nachwuchsbereich als Experte für die Entwicklung junger Spieler etabliert. Bei der SV Elversberg trieb er die Entwicklung von Talenten wie Nick Woltemade, Paul Wanner oder vom Union-Eigengewächs Fisnik Aslani entscheidend voran und steigerte deren Marktwert – Woltemade wechselte vor der Saison für 85 Millionen von Stuttgart nach Newcastle – erheblich.

Christian Eichner hingegen steht für Pragmatismus und Flexibilität. Beim Karlsruher SC entwickelte er sich in über sechs Jahren zum „Spielerflüsterer“, dessen Mannschaften vor allem durch mannschaftliche Geschlossenheit und physische Präsenz überzeugen.
Seine pädagogischen Fähigkeiten – Eichner ist ausgebildeter Realschullehrer – kommen ihm dabei zugute. Immer wieder gelang es ihm, junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs oder als Leihspieler (wie etwa den Mainzer Paul Nebel – heutiger Marktwert 15 Millionen Euro – oder Tim Breithaupt vom FC Augsburg) nachhaltig im Profiteam zu etablieren und weiterzuentwickeln.
Mauro Lustrinelli schließlich verkörpert den modernen, entwicklungsorientierten Trainertyp. Der Schweizer setzt auf Intensität, Mut und taktische Flexibilität, geprägt von Einflüssen der „Red-Bull-Schule“ und seines früheren Mentors Urs Fischer. Seine große Stärke liegt in der Förderung junger Talente – nicht zuletzt durch seine Zeit als U21-Nationaltrainer der Schweiz.
Beim FC Thun setzte er konsequent auf Jugend, führte junge Spieler an das Profiniveau heran und bewies, dass Erfolg auch mit einer sehr jungen Mannschaft möglich ist. Lustrinelli ist dafür bekannt, den Marktwert junger Spieler rasant zu steigern, was für das Geschäftsmodell von Klubs wie dem 1. FC Union Berlin essenziell ist.
Für Lustrinelli muss Union eine Ablöse zahlen
Eichner galt lange als Favorit, ist genau wie Steffen ablösefrei zu haben. Aber: Die Eisernen sollen stattdessen Verhandlungen mit dem FC Thun über eine Ablöse für Lustrinelli aufgenommen. Und der würde nicht nur seinen Co-Trainer Yves Zahnd, sondern könnte auch noch sein Torwarttrainer Patrick Bettoni, mit nach Berlin bringen. Nach dem Abgang von Michael Gspurning hat Union da bekanntlich Bedarf.


