Erst ein Pfiff, dann Wasserflaschen, Trainer-Gestik und TV-Werbung: Die neuen Trinkpausen bei der Fußball-WM sorgen für Ärger. Offiziell sollen sie die Spieler schützen. Praktisch wirken sie aber längst wie Mini-Timeouts – und wie ein Geschenk an TV-Sender und Werbekunden.
Jedes WM-Spiel bekommt eine feste Trinkpause
Denn bei dieser WM wird in jeder Halbzeit nach rund 22 Minuten unterbrochen, jeweils drei Minuten lang. Und zwar immer. Egal ob bei 35 Grad Hitze oder bei 20 Grad, egal ob das Dach geschlossen oder offen ist.
Muss wirklich jedes Spiel unterbrochen werden?
Der Grundgedanke der Fifa ist nachvollziehbar: Bei extremer Hitze, hoher Luftfeuchtigkeit und praller Sonne drohen Dehydrierung, Kreislaufprobleme und Leistungsabfall. Gerade die Erfahrungen bei der Klub-WM in den USA haben gezeigt, wie brutal die Bedingungen für Profis werden können. Die FIFA verweist deshalb auf die Belastungen früherer Turniere und will mit festen Pausen planbare Erholung schaffen.

Doch genau hier liegt das Problem: Muss wirklich jedes Spiel unterbrochen werden, selbst wenn es kühl ist oder im klimatisierten Stadion stattfindet?
Trinkpausen dienen vor allem der Werbung
Schon nach der ersten WM-Woche sind die Unterbrechungen Teil des Spektakels. Und für viele Zuschauer eben auch eine Zwangspause vom eigentlichen Spiel. Genau an diesem Punkt wird es heikel – und vor allem kommerziell.
Kaum etwas könnte die Kommerzialisierung des modernen Fußballs deutlicher symbolisieren.
Denn wenn nicht gespielt wird, kann Werbung laufen. Und das passiert. In Deutschland zeigen ARD, ZDF und MagentaTV im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten Werbung in den Unterbrechungen. Auch international sind die Pausen für Sender hochattraktiv.
Erholungspause wird Verkaufsfläche
Das britische TV-Netzwerk ITV erwartet die kommerziell erfolgreichste Fußballübertragung seiner Geschichte. Die Werbeeinnahmen sollen 30 Prozent höher liegen als bei der EM 2024. In Australien tragen die Unterbrechungen sogar einen Sponsorennamen. Aus der Erholungspause wird damit eine Verkaufsfläche.
Die FIFA weist den Vorwurf der Geschäftemacherei zurück. Präsident Gianni Infantino sagte dazu: „Zuallererst möchte ich festhalten, dass wir in jedem der 104 Spiele die Trinkpause machen, um die Chancengleichheit für alle 48 Mannschaften zu garantieren. Es wäre nicht fair, es nur bei Spielen mit hohen Temperaturen zu tun.“
Fußball soll mehr Richtung US-Sport gerückt werden
Außerdem betonte er: „Wir haben das nur aus sportlichen Gesichtspunkten getan. Die FIFA verdient an den Trinkpausen keinen Cent, weil wir alle Verträge schon vor der Einführung abgeschlossen haben.“
Trotzdem bleibt ein fader Beigeschmack. Die FIFA verdient laut eigener Aussage keinen zusätzlichen Dollar – die Sender aber schon. Für Fans fühlt es sich deshalb so an, als werde der Fußball noch weiter in Richtung US-Sport gedrückt und verkauft. Mit all seinen Nebenwirkungen: mehr Unterbrechungen, mehr Vermarktung, mehr Eingriffe in den Spielfluss. Für den traditionellen Fußball-Fan ein Graus.
Der Fifa geht es nur ums Geld
Ähnlich sieht es die liberale dänische Tageszeitung „Politiken“, die die Trinkpausen trefflich kommentiert hat: „Kaum etwas könnte die Kommerzialisierung des modernen Fußballs deutlicher symbolisieren. Die FIFA verkauft die Pausen als Fürsorge für die Spieler, doch in Wirklichkeit sind sie ausschließlich Ausdruck dessen, was zur grundlegenden Logik der Organisation geworden ist: Geld steht an erster Stelle. Oder, um es so zu sagen, dass FIFA-Präsident Gianni Infantino es versteht: Money, Money, Money.“




