Die Olympischen Spiele sind voll von Geschichten. Mal herzzerreißend, mal tragisch, mal sogar mysteriös. Eine dieser Geschichten spielt sich bei den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck ab – und die DDR-Langlaufstaffel ist mittendrin.
Bei den Spielen in Österreich begräbt ein Vorfall im Staffelrennen alle Medaillenhoffnungen der DDR. Am 11. Februar gehört das Team in der Besetzung Gerd Heßler, Axel Lesser, Gerhard Grimmer und Gert-Dietmar Klause neben den Teams aus Finnland, Norwegen, Schweden und der Sowjetunion zu den Favoriten. Doch das Rennen nimmt einen dramatischen Verlauf.
Mysteriöse Frau bringt DDR-Staffel aus dem Rennen
Beim Wechsel von Heßler auf Lesser liegt die DDR hinter Schweden an zweiter Stelle. Wenig später übernimmt Lesser die Führung. Kurz vor der Übergabe an Grimmer stürzt er in der Abfahrt – nach einer Kollision mit einer unbekannten Frau. Lesser verletzt sich, muss das Rennen aufgeben. Die DDR scheidet aus.
Der Vorfall wird heiß diskutiert. Spekulationen reißen jahrzehntelang nicht ab. Erst 30 Jahre später erzählt Lesser, Opa von Ex-Biathlet Erik Lesser, dass er hinter der Frau eine sowjetische Betreuerin vermutet. Sie wollte ihrer eigenen Staffel bei Schuhproblemen zu Hilfe eilen und stieß versehentlich mit ihm zusammen.
Gerhard Grimmer bleibt ohne Olympiamedaille
Zwar stützen Aussagen aus Schweden und Finnland die Vermutung von Lesser, wirklich aufgeklärt wird der Fall aber nie. Verschwörungstheorien halten sich. Wegen der politischen Verflechtungen zwischen der DDR und der UdSSR hätte er vor der Wende nicht darüber sprechen dürfen, obwohl er stets von einem Versehen ausging.
Aufgrund des Vorfalls geht auch Gerhard Grimmer bei seinen dritten Olympischen Spielen leer aus, obwohl er zu jener Zeit zu den besten Skilangläufern Mitteleuropas gehört und schärfster Konkurrent der dominierenden Skandinavier ist. Sein bestes Ergebnis ist ein fünfter Platz über 50 Kilometer bei den Spielen in Innsbruck.

Grimmer gewinnt drei Medaillen bei der WM 1974 in Falun
Dennoch gehört der Thüringer zu den Legenden des deutschen Sports, die womöglich im Ausland berühmter sind als in der Heimat – vor allem in Skandinavien. Bei der WM 1974 im schwedischen Falun feiert Grimmer seinen größten Erfolg, als er in der Königsdisziplin über 50 Kilometer mit fast zwei Minuten Vorsprung triumphiert.
Er ist damit der erst zweite Weltmeister im sogenannten Marathon seit der Premiere 1924, der nicht aus Schweden, Norwegen, Finnland oder der Sowjetunion kommt, und der einzige deutsche Skilanglauf-Einzelweltmeister des 20. Jahrhunderts. In Falun siegt Grimmer auch mit der DDR-Staffel und holt Silber über 15 Kilometer. Zuvor bei der WM 1970 in Strbske Pleso gewinnt er zweimal Silber und einmal Bronze.
In Norwegen wird Grimmer bewundert
Große Bewunderung für Grimmer gibt es auch in Norwegen – dem Mutterland des Skisports. Am altehrwürdigen Holmenkollen in Oslo gewinnt er 1970 und 1971 den 50-Kilometer-Lauf und steht damit in einer Reihe mit den norwegischen Idolen Petter Northug oder Johannes Hösflot Kläbo.
1971 kommt er sieben Minuten vor dem Zweitplatzierten ins Ziel. Norwegens Athleten tragen ihn daraufhin auf den Schultern durchs Stadion. Der Vorsprung ist bis heute Rekord. 1975 erhält er die Holmenkollen-Medaille, ein Jahr später beendet er seine aktive Karriere.

Wie nahe steht Grimmer der DDR?
Sein Vermächtnis ist durch das DDR-Erbe aber auch belastet. Nach seiner Karriere arbeitet er als Funktionär. Wegen seiner mutmaßlichen Rolle im Dopingsystem der DDR ist er umstritten. Stasi-Unterlagen sollen belegt haben, dass ihm 1971 Anabolika verabreicht worden waren. Zudem ist vermerkt, dass das damalige SED-Mitglied nach der Karriere vom Staatsdoping-System nicht nur Kenntnis hatte, sondern auch an seiner Durchsetzung aktiv beteiligt war. Er selbst streitet das zu Lebzeiten stets ab.
1995 legt er seine Verbandsämter nieder. Ihm wird vorgeworfen, dem DDR-Staat zu nahe gewesen zu sein.


