Dauerdruck

Wie das Internet unser Sexleben zerstört

Wenn es um Sex geht, sind wir so offen wie nie. Doch das hat auch seine Schattenseiten. Eine Psychologin erklärt, wie Social Media uns ins Bett verfolgt.

Author - Jana Hollstein
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Was im Internet passiert, beeinflusst auch die Welt vor dem Bildschirm.
Was im Internet passiert, beeinflusst auch die Welt vor dem Bildschirm.Zoonar/imago

Noch nie wurde so offen über Sex gesprochen. Pornografie und Sextipps gab es früher hinter verschlossenen Türen, heute sind sie im Internet leicht zu finden. Das Ergebnis? Offenheit, aber auch Druck und neue Unsicherheiten. Im Gespräch mit Erotik.com erklärt die Psychologin Borbála Rozsnyik, was sich dadurch gerade verändert und was das für junge Menschen und auch andere aktive Internetnutzer bedeutet.

Social Media sorgt für Vergleichsdruck

Eine gute Sache sieht Borbála Rozsnyik auf jeden Fall: Für junge Menschen ist sexuelle Gesundheit immer mehr Teil des allgemeinen Wohlbefindens, weil sie damit aufgewachsen sind. Das Internet ist ein großer Teil davon.

„Das Internet hat Informationen und offene Diskussionen zugänglicher gemacht als je zuvor, das ist ein riesiger Gewinn“, sagt die Expertin, „aber es erzeugt auch unrealistische Erwartungen und einen ständigen Vergleichsdruck. Viele junge Menschen fühlen sich verpflichtet, dem zu entsprechen, was sie online sehen“. Dadurch fühlen sie sich unsicher.

In gewisser Weise stehe die Generation Z (die ungefähr zwischen 1995 und 2012 geboren wurden) dadurch mehr unter Druck als frühere Generationen. Denn mit Offenheit kommen auch Erwartungen: „Wer das Gefühl hat, dem nicht gerecht zu werden, gerät schnell unter Druck.“ Wichtig sei daher für alle, die durch das Internet geprägt sind, Selbstakzeptanz und Kommunikation zu lernen – und Inhalte kritisch einordnen zu können.

Borbála Rozsnyik ist Psychologin mit einem Schwerpunkt auf das Zusammenspiel von mentaler und sexueller Gesundheit.
Borbála Rozsnyik ist Psychologin mit einem Schwerpunkt auf das Zusammenspiel von mentaler und sexueller Gesundheit.Erotik.com

Wie kann man also heutzutage eine gesunde Sexualität leben? Rozsnyik: „Gesunde Sexualität hat nichts mit Leistung oder Häufigkeit zu tun. Es geht darum, sich wohl, respektiert und im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen und Werten zu fühlen. Dazu gehören Kommunikation, Einvernehmen und emotionales Bewusstsein.“

Schönheitsstandards aus dem Internet kommen mit ins Bett

Dabei gebe es auch keinen einheitlichen Standard. Je mehr man im Internet über Sex und Sexualität mitbekommt, desto mehr vergleicht man sich mit dem, was man sieht, als Standard. Idealisierte und unerreichbare Körper und Leistungen zeigen sich tagtäglich jedem Internetnutzer. Und das greife das sexuelle Wohlbefinden und das Selbstbewusstsein an. „Sexualität ist oft das erste, was leidet, wenn die mentale Gesundheit ins Wanken gerät“, sagt Borbála Rozsnyik.

So entkommen Sie den Klauen des Internets

Für junge Menschen bestehe trotzdem Hoffnung – denn mit dem Trend zur Offenheit verbessert sich auch die Kommunikation. Ältere Semester haben da erstmal das Nachsehen, denn die kulturelle Verschiebung kommt bei ihnen nicht automatisch mit einem neu gewonnenen Talent zur Kommunikation einher.

Wie kommt man also aus dem sexuellen Hamsterrad des Internets heraus? Rozsnyik rät, sich nicht mit dem Algorithmus zu vergleichen und tief durchzuatmen: „Konzentriere dich darauf, dich selbst zu verstehen, statt dich mit anderen zu vergleichen. Sexuelles Wohlbefinden ist zutiefst persönlich. Das Wichtigste ist nicht, dass deine Erfahrungen einem äußeren Maßstab entsprechen, sondern dass sie sich für dich richtig anfühlen.“

Was ist Ihre Erfahrung mit den Auswirkungen von Social Media? Schicken Sie uns Ihre Meinung an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns auf Ihre Zuschriften!