Bilder von mobilen Krematorien der russischen Armee sorgen für Entsetzen.
Bilder von mobilen Krematorien der russischen Armee sorgen für Entsetzen. Twitter/Klitschko

Die Vorwürfe klingen ungeheuerlich. Doch nach den Gräueltaten von Butscha, wo russische Truppen offenbar gezielt Hunderte Zivilisten kaltblütig ermordeten und deren Leichen wochenlang in den Straßen des Vorortes von Kiew haben liegen lassen, geht der Bundesnachrichtendienst (BND) davon aus: Das systematische Morden an der ukrainischen Zivilbevölkerung ist kein sogenannter Kollateralschaden, sondern Teil der russischen Strategie. Darauf deuten nun abgefangene Funksprüche russischer Truppen, in denen detailliert über die Taten von Butscha geplaudert wurde. Die Funksprüche beziehen sich auf durch zahlreiche Aufnahmen nachgewiesene Taten, wie die Ermordung einer Person, die auf einem Fahrrad unterwegs war.

Separatisten in der Ostukraine vermelden Einnahme von Mariupol, Ukraine bestreitet das

Der BND geht davon aus, dass die Morde zum Ziel haben, die ukrainische Bevölkerung einzuschüchtern und das Land zur Kapitulation zu zwingen. Doch das Kalkül geht nicht auf: Die Bilder von Butscha haben vielmehr den Verteidigungswillen und die Entschlossenheit des Westens gestärkt, noch härter gegen Russland vorzugehen. Nun ändert Russland offenbar die Strategie, konzentriert sich auf Angriffe im Osten der Ukraine. Prorussische Separatisten behaupteten am Donnerstag, sie hätten mithilfe russischer Truppen weitgehend die Kontrolle über das Stadtzentrum von Mariupol erlangt. „Man kann sagen, dass im zentralen Teil der Stadt die Hauptkämpfe beendet sind“, sagte der Sprecher der prorussischen Kräfte im Gebiet Donezk, Eduard Bassurin, am Donnerstagmorgen im russischen Staatsfernsehen. Die ukrainische Seite bestätigte diese Darstellung nicht. „Mariupol hält sich“, sagte Präsidentenberater Olexeij Arestowytsch.

Von den Separatisten hieß es weiter, nun werde vor allem im Hafen der Metropole am Asowschen Meer sowie am Stahlwerk Asow-Stahl gekämpft. Bassurins Angaben zufolge sollen sich in der von russischen Truppen belagerten Stadt noch rund 3000 ukrainische Soldaten aufhalten. Das ließ sich zunächst nicht überprüfen. Bassurin behauptete zudem, die ukrainischen Kämpfer hätten Unterstützer in der Zivilbevölkerung.

Mobile Krematorien: Sollen sie russische Kriegsverbrechen verschleiern?

In Mariupol, das vor dem Krieg rund 440.000 Einwohner zählte, ist die humanitäre Lage seit Wochen katastrophal. Die geflüchtete Stadtverwaltung geht davon aus, dass bereits Zehntausende Zivilisten getötet worden sind. Immer wieder scheitern Versuche, die verbliebenen Einwohner zu evakuieren. Nun erhebt der Bürgermeister von Mariupol neue schwere Vorwürfe gegen Russland: Zur Vertuschung von Kriegsverbrechen setze Russland mobile Krematorien ein, um Leichen von zivilen Opfern zu verbrennen. So würden Spuren verwischt, die Kriegsverbrechen russischer Truppen beweisen, wie sie auch in Butscha begangen wurden.

Bilder von russischen Krematorien waren auch in anderen Teilen der Ukraine aufgetaucht. Beobachter gingen davon aus, dass sie dazu eingesetzt wurden, um die Körper von getöteten russischen Soldaten zu verbrennen. Bis zu 15.000 Mann soll die russische Armee bislang verloren haben. An einigen Orten musste die russische Armee Stellungen planlos aufgeben, viele Leichen russischer Soldaten zeugten davon, dass sich die russische Invasion zunehmend in ein Debakel verwandelt.