Russland verhandelt mit der Ukraine – und setzt seinen erbarmungslosen Zerstörungs-Feldzug gegen die Zivilbevölkerung der Ukraine fort. Erschütternde Szenen aus der südukrainischen Hafenstadt Mariupol verbreiten sich in den sozialen Netzwerken. Viele Gebäude sind zerstört, Heizung, Trinkwasserversorgung, Telefon und Internet funktionieren nicht mehr. Die Menschen harren in Kellern aus oder versuchen verzweifelt, die Stadt zu verlassen.

Nun zeigen aktuelle Videos das Ausmaß der Zerstörungen: Ein riesiges Kinderkrankenhaus, das mitten in der Stadt liegt, liegt nach Bombardierungen am Mittwochnachmittag in Schutt und Asche. Verzweifelt wendet sich der Bürgermeister von Mariupol, Wadym Bojtschenko, an die Öffentlichkeit: „Sieht das hier etwa aus wie eine Militärbasis?“

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Im Laufe des Abends wurde die Ungeheuerlichkeit der Attacke deutlich: In der Gebärstation des zentral gelegenen Kinderkrankenhauses waren Mütter von Neugeborenen und werdende Mütter vor der Geburt, die bei dem Angriff verletzt wurden. Davon zeugen offenbar authentische Bilder, in denen die blutüberströmte Frauen zu sehen sind. Über Opferzahlen des Angriffs liegen keine belastbaren Informationen vor.

„Humanitärer Korridor“ fehlgeschlagen: Russische Truppen feuern auf ukrainische Polizisten

Vereinbarungen zur einem „humanitäre Korridor“ zur Evakuierung von Mariupol wurden auch nach Angaben der Separatisten im Gebiet Donezk nicht eingehalten. „Die Menschen verlassen Mariupol so schnell wie möglich aus eigener Kraft“, sagte der Sprecher der prorussischen Kräfte, Eduard Bassurin, im russischen Staatsfernsehen. Nach seinen Angaben konnten am Dienstag gerade einmal 42 Menschen die Stadt am Asowschen Meer verlassen. Die Ukraine gab ihrerseits den Angreifern die Schuld. Außenminister Dmytro Kuleba schrieb bei Twitter: „Russland hält weiterhin mehr als 400.000 Menschen in Mariupol als Geiseln, blockiert humanitäre Hilfe und Evakuierung.“ Der wahllose Beschuss gehe weiter.

Auch aus weiteren Orten wurden bei der Evakuierung von Zivilisten aus belagerten Städten in der Ukraine Zwischenfälle gemeldet. In dem Dorf Demydiw, rund 25 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kiew, feuerten russische Truppen nach Darstellung der Sicherheitskräfte auf ukrainische Polizisten. Ein Polizist sei dabei getötet und ein weiterer schwer verletzt worden. Zudem sei ein Zivilist mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus gebracht worden, teilten die Beamten mit. Insgesamt seien aus der Ortschaft 100 Zivilisten in Sicherheit gebracht worden, darunter 30 Kinder. Die Angaben ließen sich nicht überprüfen.

Alte, kranke Menschen und Kinder fliehen aus Irpin bei Kiew

dpa/elipe Dana
Ukrainer überqueren einen improvisierten Weg unter einer zerstörten Brücke auf der Flucht vor russsischen Angriffen aus Irpin, am Stadtrand von Kiew, Ukraine.

In anderen Regionen liefen Evakuierungen an. Ukrainische Medien veröffentlichten Bilder aus Irpin bei Kiew, die zeigten, wie alte und kranke Menschen auf Tragen in Sicherheit gebracht wurden. Auf einem Foto war eine alte Frau auf einer Sackkarre sitzend zu sehen. In Worsel nahe der Hauptstadt wurde ein Kinderheim evakuiert.

In der Stadt Sumy im Nordosten des Landes trafen am Mittag Busse ein. Nach Angaben des Vizechefs des Präsidentenbüros, Kyrylo Tymoschenko, fuhren im südukrainischen Enerhodar sowie in Isjum nahe Charkiw im Nordosten die ersten Fahrzeuge mit Zivilisten ab. Die Ukraine hatte am Morgen in Abstimmung mit der russischen Seite von Fluchtrouten aus insgesamt sechs Städten gesprochen.