Tägliche Atemtherapie am Strand der Insel Föhr – so fing die Long-Covid-Reha jeden Morgen an.  Foto: Berliner KURIER/Dajana Rubert

Es ist dieser eine Montagmorgen Ende November, der alles verändert. Dieser Montagmorgen, an dem ich meinen Mann bitte, Abstand zu unserer Tochter zu halten und sich auf der Arbeit krankzumelden. Er hatte in der Nacht gehustet. Sich deshalb krankzumelden, findet er albern. Ich stecke ihm ein Fieberthermometer ins Ohr – 38.3 Grad. Erhöhte Temperatur. Er ruft seine Chefin an, die schickt ihn zum Corona-Test. Am Dienstagabend rufen wir online das Ergebnis ab: positiv!

Unterdessen dreht sich in mir das Gefühlschaos: Warum ausgerechnet wir? Haben wir nicht alles getan, um uns und andere zu schützen? Wir haben uns zu jedem Zeitpunkt penibel genau an die Regeln gehalten, dafür sogar das Unverständnis unserer Familie ertragen. Wir haben die Einschulung im allerkleinsten Rahmen gefeiert. Ich habe weit mehr als 300 Masken genäht – für Freunde, Familie, den guten Zweck, die Kita, die Schule, für uns. Und ausgerechnet wir bekommen dieses Drecksvirus. Ausgerechnet wir?

Zu diesem Zeitpunkt habe ich meinen Mann in der gemeinsamen Wohnung isoliert. Trotzdem fangen meine Tochter und ich fast zeitgleich mit dem positiven Testergebnis an zu husten. Nicht doll. Nicht viel. Das bilden wir uns alles nur ein, denke ich. Am Donnerstag bekomme auch ich Fieber. Meinem Mann geht es inzwischen wieder gut, wir isolieren ihn trotzdem weiter und informieren das Gesundheitsamt. Die kommen am Freitag, um Abstriche bei meiner Tochter und mir zu machen – nach einer langen Diskussion und auch nur, weil Ruby zuvor noch in der Schule war. Das Ergebnis wird wohl dauern, sagt man uns gleich.

41,5 Grad Fieber und kein Schlaf

Was alle Freunde fragen: Riechst du noch? Kannst du schmecken? Das kann ich zu diesem Zeitpunkt beides noch. Es nervt, weil mich alle beruhigen wollen, es sei bestimmt nur eine Erkältung – wenn ich doch schmecken und riechen könne.

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Am Samstagmorgen glüht meine Tochter. 41,5 Grad Fieber. Zum Glück habe ich mich im Herbst mit Fiebermitteln eingedeckt. Ich stopfe Medikamente in sie hinein, mache Wadenwickel. Mein eigenes Fieber ist vergessen in dem Moment. Wir bekommen die Temperatur des kleinen Körpers kaum unter die 40-Grad-Marke. Anruf beim Gesundheitsamt: Was sollen wir tun? Das müssen sie mal googeln, lautet die Antwort. Ansonsten den Notarzt rufen, aber der würde das Kind dann mitnehmen – ohne Eltern natürlich.

Ich bleibe zwei Nächte lang wach. Am Montag hat meine Tochter das Schlimmste überstanden. Unsere Testergebnisse stehen immer noch aus. Mein Mann ist fit. Wir heben unsere interne Isolation auf. Die Testergebnisse sind sowieso nur noch Formsache. Mein Fieber bleibt konstant bei 39 Grad, ich habe höllische Muskelschmerzen, vor allem in den Beinen. Nach diesem anstrengenden Wochenende komme ich kaum noch aus dem Bett.

Gesundheitsamt ist total überfordert

Dienstag bringt ein Anruf die Gewissheit, auch meine Tochter und ich sind Covid-19-infiziert. Ich schicke eine Mail an die Schule, die schickt eine Info an die Eltern der Mitschüler mit der ersten Entscheidung des Gesundheitsamtes: Die Klasse muss nicht in Quarantäne. Diese Entscheidung wird am Donnerstag rückgängig gemacht und die Kinder bleiben doch zu Hause.

Unterdessen bekommen wir mal wieder Post vom Gesundheitsamt, die Quarantänezeit wird verkürzt. Ein Schreiben später wird sie verlängert. Jetzt liegen drei offizielle Schreiben nebeneinander – alle haben unterschiedliche Enddaten für die Quarantäne. Und ich habe immer noch Fieber.

Die Sprechstundenhilfe meiner Hausärztin weigert sich, mich krankzuschreiben. Muss sie aber eigentlich. Am liebsten würde mein Mann persönlich hingehen. Das geht natürlich nicht. Auch das Gesundheitsamt hilft mir in meiner Verzweiflung natürlich nicht. Was sollen sie auch machen – in diesem Fall.

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Während wir uns weiter mit den Formalien rumschlagen, erfahren wir, dass der Vater eines Freundes im Koma liegt: ebenfalls mit Covid-19. Die Lage ist ernst, sehr ernst! Corona gibt es nicht? Am liebsten würde ich allen Leugnern ins Gesicht spucken – russisches Roulette –, vielleicht stecken sie sich gar nicht an oder erkranken nur leicht (wie mein Mann), mittelschwer (wie ich), vielleicht schaffen sie es aber auch auf die Intensivstation, dann können sie sich ein Bild davon machen, was es da alles so nicht gibt. Licht am Ende des Tunnels zum Beispiel. Aber Corona, Corona ist da, ist präsent.

Todesangst und atypischer Verlauf

Zu meinem Fieber kommt nach zehn Tagen auch noch Atemnot. Ruhelos sitze ich auf meiner Bettkante. Wenn ich liege, bekomme ich noch schlechter Luft. Auf dem Bauch liegend ist es etwas besser. Mein Herz rast. Ich versuche, langsam und tief einzuatmen. So tief es eben gerade geht. Ich bleibe wieder eine ganze Nacht wach: Wenn ich jetzt die Augen schließe – denke ich -, wache ich vielleicht nie wieder auf. Rufe ich den Notarzt? Oder wenigstens den ärztlichen Bereitschaftsdienst?

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Ich ringe mit mir. Die nehmen mich mit. Und dann? Dann sehe ich meine Tochter vierzehn Tage nicht. Vermutlich reagiere ich völlig über. Auch mein Mann spielt meine Panik runter. Ich lese viel in dieser Nacht, Geschichten wie diese, die ich hier an dieser Stelle mit Ihnen teile. Mal von schlimmen Verläufen, mal von weniger schlimmen. In manchen erkenne ich mich wieder, in anderen nicht.

Nach fünfzehn Tagen ist das Fieber endlich weg. Am Montag vor Weihnachten darf ich zum Arzt. Die Lunge streikt immer noch. Um ein CT und weitere Untersuchungen zu veranlassen, macht die Ärztin – eigentlich der Form halber – einen weiteren Corona-Abstrich. Der muss negativ sein, um andere Arztpraxen aufzusuchen. Ist er aber nicht. Das erfahre ich am Abend vor Heiligabend. Die Ärztin klingt am Telefon bedrückt. Es sei sehr atypisch, so lange nach einem ersten positiven Test immer noch Covid-Viren in so hoher Konzentration in sich zu haben. Heiligabend sitze ich zu Hause allein. Mein Mann und meine Tochter gehen zu meinen Großeltern. Sollen doch wenigsten die vier ein schönes Fest haben.

Long-Covid: Völlige Erschöpfung, Belastbarkeit nahe null

Nach den Feiertagen bekomme ich den nächsten Abstrich. Der ist endlich negativ. Ich mache einen Termin beim CT und beim Kardiologen – beide Ergebnisse geben Grund zur Beruhigung. Der Lungenfunktionstest fällt nach wie vor schlecht aus. Asthmasprays sollen Linderung verschaffen. Die Ärztin rät zu einer Reha. Ich bin dagegen, kann mir eine wochenlange Trennung von meiner Tochter noch immer nicht vorstellen.

Nach den Ferien muss ich mich wohl oder übel wieder aus dem Bett quälen. Das Homeschooling kostet alle Kraft, die ich zu diesem Zeitpunkt habe. Wir schleppen uns bis zu den Winterferien Ende Januar.

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Ich bin k. o., einfach nur absolut erschöpft. Jede noch so kleine Belastung bringt mich völlig außer Atem. Immer wieder habe ich diesen Druck auf der Lunge, als ob mir jemand die Brust abschnürt. Ich bin ein Schatten meiner selbst. Normalerweise bin ich die, die von allen bewundert wird, wie viele Dinge ich gleichzeitig und gewissenhaft schaffe. Wie viel ich mir zumute und scheinbar nie aus der Ruhe zu bringen bin. Jetzt kann ich nicht einmal einkaufen gehen. Geschweige denn mehr.

Der Appell der Ärzte wird lauter: „Beantragen Sie eine Reha!“ Der Familienrat tagt: „Ich schaff das schon“ – sagt meine Tochter, als ich ihr erzähle, dass wir dann für mindestens drei Wochen getrennt sein würden. Sie schafft das also, sie mit ihren gerade einmal sechs Jahren. Dann muss ich es auch schaffen. Schließlich geht es auch nicht nur um mich, sondern vor allem auch um sie. Was nutzt es ihr, wenn Mama zwar körperlich anwesend ist, aber eben doch nicht für sie da sein kann?

Die Long-Covid-Reha verschafft endlich Besserung

Ich stelle den Antrag. Insgeheim hoffe ich leise, dass er abgelehnt wird. Nach drei Wochen bekomme ich den Bescheid, dass die Reha genehmigt ist und mit dem Hinweis auf Dringlichkeit an die Klinik weitergeleitet wurde. Das ist an einem Donnerstag.

Am Montag bekomme ich den Anruf von der Klinik: Am Mittwoch soll ich anreisen. Ich fülle hektisch die gefühlt 200 Formulare aus, packe meine Koffer, buche Fahrkarten. Es geht nach Föhr an der Nordsee.

Sieht albern aus, hilft aber: Tägliche Atemübungen machen nach der Corona-Infektion die Lunge wieder fit. Foto: Berliner KURIER/Dajana Rubert

Alle beneiden mich: Toll, Urlaub – und das mitten in der Pandemie. Wie Urlaub fühlt es sich für mich wirklich nicht an, auch wenn die Klinik direkt am Meer liegt. Ich habe unbändige Kopfschmerzen – eine ganze Woche lang. Meine Neurologin sagt später: So ist es eben, wenn man sich wirklich den Kopf zerbricht. Mehr als ein Sprichwort. Ich klammerte mit den Gedanken an meiner Familie.

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Aber die Behandlungen in der Reha tun mir gut. Jeden Tag gehe ich zur Atemtherapie direkt am Strand. So dicht, dass man schauen muss, ob Ebbe oder Flut ist, um nicht nach 20 Minuten knöcheltief im Wasser zu stehen. Dazu gibt es Physiotherapie, Gespräche, Ausdauer- und Riechtraining. Ja, das mit dem coronatypischen nicht Riechen und Schmecken können kam dann noch. Riechen kann ich bis heute nichts, da hat auch das Training wenig dran geändert. Nerven seien zerstört, vermutet der Reha-Arzt.

In Vorträgen wird erklärt, was Corona mit dem Körper wirklich anrichtet, warum die Folgen so unterschiedlich sind. Der Körper habe in einem gewaltigen Krieg gekämpft, an vielen Fronten. Und mein Körper hat sich wacker geschlagen, das merke ich. Ich kann stolz auf ihn sein. Nun braucht er Zeit, um Wunden zu heilen.

Impf-Diskussion in der Long-Covid-Reha: Hoffentlich müsst ihr nicht fühlen, was ihr nicht hören wollt!

Es gibt Mitpatienten, die wegen anderer Krankheiten da sind. Sie hören meine Geschichte oder die von anderen Covid-Patienten und schrecken auf. So nah dran an Corona waren die meisten noch nie. Zum Glück! Und doch ist das Thema Impfen für sie wie ein rotes Tuch. Sie alle haben teils schwerste Vorerkrankungen. Aber impfen lassen? Nein, danke. Und dann noch mit dem Astrazeneca-Wirkstoff? Bloß nicht! Da hat man ja – vielleicht – einen bis zwei Tage Fieber. Ich kann nicht anders, als in mich reinzulachen. Es ist ein ungläubiges Lachen: Hoffentlich müssen sie nicht irgendwann mal fühlen, was sie nicht hören wollen.

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Nach drei Wochen Reha merke ich: Ich bin wieder belastbarer, zumindest körperlich ist das deutlich zu spüren. Zur Reha gefahren zu sein, war in meiner Situation das Beste, was ich hätte machen können.

Seit zwei Wochen mache ich eine Wiedereingliederung in den Job und merke, dass die Konzentration doch noch deutlich zu wünschen übrig lässt. Drei Sachen gleichzeitig zu tun, ist noch immer nicht wieder drin. Aber ist das überhaupt nötig? Es ist, als hätte mir jemand die Autobahn meines Lebens von jetzt auf gleich voll gesperrt und die einzige Umleitung führt durch eine 30er-Zone.

Natürlich hoffe ich, dass auch diese Baustelle irgendwann ein Ende findet. Das kann noch dauern, meinen die Ärzte. So gut, wie sie es nach dem bisherigen Datenstand eben einschätzen können. Zum Long-Covid-Syndrom, das liegt in der Natur der Sache, gibt es noch nicht ausreichend Erfahrungen.

Eins weiß ich aber jetzt schon sicher. So wie mein Leben bis Ende November 2020 lief, wird es nach Corona nie wieder laufen.