Antigentests eignen sich vor allem, um besonders Ansteckende herauszufinden. Foto:
imago images/HMB-Media

Impfen und testen, testen, testen – so sieht die gegenwärtige Formel zur Corona-Pandemiebewältigung aus. Dabei wird unter anderem auf Antigen-Schnelltests gesetzt. Doch wie wirksam sind diese überhaupt? Zu dieser Frage hat das Cochrane-Netzwerk jetzt eine systematische Übersichtsarbeit veröffentlicht. Sie kommt zu dem Ergebnis, „dass Antigen-Schnelltests bei Menschen mit Symptomen besser geeignet sind, Fälle von Covid-19 korrekt zu identifizieren, als bei symptomlosen Personen“, wie es in der Mitteilung zur Studie heißt. Das Cochrane-Netzwerk ist ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten, das sich an den Grundsätzen der evidenzbasierten Medizin orientiert.

Lesen Sie auch: Bürgermeister Müller erklärt: So geht es in Berlin mit den Corona-Regeln weiter >>

Die 22 Cochrane-Autoren werteten insgesamt 64 Studien aus, um die Genauigkeit von Schnelltests mit dem anerkannten PCR-Standard-Labortest zu vergleichen. Es ist die Fortführung einer bereits im August 2020 veröffentlichten Analyse. Es geht sowohl um Antigentests als auch um Molekular-Tests. Bei beiden Tests werden Proben aus Nase oder Rachen verwendet. Antigentests identifizierten Proteine des Virus, schreiben die Autoren. Sie würden ähnlich wie Schwangerschaftstests in Einweg-Plastikkassetten geliefert und brächten Ergebnisse innerhalb von 30 Minuten. Molekular-Tests wiesen das genetische Material des Virus nach und verwendeten Desktop-Analysegeräte oder kleine Handgeräte, deren Ergebnisse in der Regel innerhalb von 30 Minuten bis zwei Stunden vorliegen.

Probe-Schnelltests von geschultem Personal durchgeführt

Die meisten der 64 Studien stammen aus Europa und den USA. Mehr als die Hälfte der untersuchten Proben stammen von Bürgern, die unter anderen in Testzentren, Notaufnahmen oder im Rahmen der Ermittlung von Kontaktpersonen getestet wurden. Sie wurden also in der Regel von geschultem Personal durchgeführt.

Insgesamt 48 Studien berichten der Publikation zufolge über 58 Auswertungen von Antigentests. Die Ergebnisse zeigen den Autoren zufolge, dass Antigentests vor allem dazu geeignet sind, eine Sars-CoV-2-Infektion bei Personen mit Symptomen zu identifizieren. Hier lag die Trefferquote in den Studien durchschnittlich bei 72 Prozent – wobei die Schätzungen dieser sogenannten Sensitivität zwischen den Studien erheblich variierte. Am besten schnitten diese Tests in der ersten Woche nach Beginn der Symptome ab. Hier identifizierten sie 78 Prozent der Personen mit Covid-19. Bei Menschen ohne Symptome erkannten die Antigentests im Durchschnitt 58 Prozent der Infizierten richtig.

Lesen Sie auch: Weniger sicher oder Weg aus dem Lockdown - sind Schnelltests wirklich die Rettung? >>

Es gab allerdings Unterschiede in der Menge der untersuchten Proben. So wurden 15.530 Proben von 4410 Probanden mit Symptomen ausgewertet, aber nur 1581 Proben von 295 asymptomatischen Fällen. Auch bezieht sich die am 24. März 2021 publizierte Cochrane-Metastudie auf Studien und Publikationen bis zum 16. November 2020. Neueste Ergebnisse konnten also nicht bewertet werden.

Virusmenge ist drei bis fünf Tage nach Beginn der Krankheit am höchsten

Wie eine im Fachblatt Lancet veröffentlichte Meta-Studie von Forschern der University of St. Andrews in Schottland ergab, erreicht bei Sars-CoV-2 die Virusmenge drei bis fünf Tage nach Beginn der Krankheit in den oberen Atem­wegen ihren Gipfel – was die Ergebnisse der Cochrane-Studie zu bestätigen scheint, dass die Antigentests in der ersten Woche am besten abschneiden. Ab dem neunten Tag nach Krankheitsbeginn wurden keine lebensfähigen Viren mehr in den oberen Atemwegen nachgewiesen. Insgesamt kamen die Forscher zu dem Schluss, dass die Dauer des lebensfähigen Virus relativ kurzlebig ist. Ob dies bei den neuen Varianten des Virus anders ist, konnte die im November 2020 erschienene Lancet-Studie noch nicht sagen.

Nicht nur Erkrankte mit Symptomen, sondern auch asymptomatische Infizierte können das Virus in großen Mengen über die Atemwege ausscheiden. „In den unteren Atemwegen wird die maximale Replikation erst in der zweiten Woche erreicht“, schrieb das Ärzteblatt zu der Studie. „Dies erklärt den hohen Anteil von asymptomatischen oder präsymptomatischen Personen, die das Virus ausscheiden und damit andere Menschen anstecken können.“

Lesen Sie auch:  Berliner Apotheken wollen schrittweise kostenlose Corona-Schnelltests anbieten >>

Das Robert Koch-Institut (RKI) schreibt, dass sich „ein relevanter Anteil von Personen bei infektiösen Personen innerhalb von ein bis zwei Tagen vor deren Symptombeginn“ ansteckt. Wie groß dieser Anteil sei, könne nicht genau gesagt werden. Große Bedeutung misst das RKI aber den Übertragungen durch infektiöse Personen zu, die bereits Krankheitszeichen entwickelt haben – was wiederum auch die Ergebnisse der Cochrane-Studie bestätigen würde.

Fazit: Menschen mit Symptomen – auch leichter Art – sollten überhaupt keine anderen Menschen treffen, sondern sich in Quarantäne begeben. Asymptomatische Übertragungen – das heißt von Infizierten, die überhaupt keine Symptome bekommen – spielen laut RKI vermutlich „eine untergeordnete Rolle“.

Die Cochrane-Metastudie untersuchte, wie zuverlässig verschiedene Antigen-Schnelltests sind, die auf dem Markt angeboten werden. Denn der Prozentsatz der erkannten Infektionen variiere auch zwischen den verschiedenen Marken von Tests, so die Autoren. Und sie hänge auch davon ab, ob die Anleitungen der Hersteller zur Verwendung der Tests befolgt wurden. „Bei Personen mit Covid-19-Symptomen reichte die korrekte Identifizierung über die verschiedenen Testmarken hinweg von 34 Prozent (Coris Bioconcept Assay) über 58 Prozent (Innova Assay) bis hin zu 88 Prozent (SD Biosensor Standard Q Assay) der infizierten Personen“, schreiben die Cochrane-Autoren.

Tests nützen vor allem etwas, wenn bereits Verdacht auf Covid-19 besteht

Sie verweisen auch auf die Leistungsstandards, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für solche Tests festgelegt hat. Diesen zufolge müsse ein Test mindestens 80 Prozent der Menschen mit einer Infektion korrekt identifizieren und eine Infektion bei 97 Prozent der nicht Infizierten korrekt ausschließen. Bei Letzterem – der sogenannten Spezifität – schnitten die Antigentests recht gut ab. So konnten sie eine Infektion bei 99,5 Prozent der nicht infizierten Personen mit Covid-19-ähnlichen Symptomen korrekt ausschließen. Bei nicht Infizierten ohne Symptome waren es 98,9 Prozent. Also es gibt auch hier eine gewisse Anzahl falsch-positiv Getesteter.

Lesen Sie auch: Gratis-Schnelltests! KURIER besuchte das erste Testzentrum in Lichtenberg >>

Beim korrekten Nachweis einer Infektion aber erreiche nur ein kleiner Teil der kommerziell erhältlichen Tests die minimalen Leistungsstandards der WHO, sagt Jon Deeks, Professor für Biostatistik an der University of Birmingham und Co-Autor der Cochrane-Studie. Die Publikation nennt zwei der leistungsstärkeren Tests: Abbott Panbio und SD Biosensor Standard Q. Diese Tests hätten bei Personen mit Symptomen 75 bis 88 Prozent der Covid-19-Fälle korrekt identifiziert. Bei Personen ohne Symptome seien es 49 bis 69 Prozent.

Wende man die Daten auf eine Gruppe von 1000 Menschen mit Symptomen an, von denen 50 tatsächlich Covid-19 hätten, dann würde man mit den genannten Schnelltests 40 korrekt als Infizierte erkennen, so die Cochrane-Autoren. Zwischen sechs und zwölf Fälle würden übersehen. Zwischen fünf und neun der positiven Testergebnisse stellten sich bei einer Überprüfung als falsch positiv heraus.

Unter symptomfreien Personen sei der Anteil der Infizierten wahrscheinlich erheblich niedriger als unter Menschen mit Symptomen, schreiben die Autoren. Nehme man zum Beispiel eine Gruppe von 10.000 Menschen ohne Symptome, von denen 50 Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert seien, ergäben sich bei diesen Tests folgende „Treffer“: Zwischen 24 und 35 Personen würden korrekt als Virus-Träger identifiziert, zwischen 15 und 26 Fälle würden übersehen – also bis zur Hälfte der Infizierten. Zugleich müsste man mit 90 bis 189 falsch positiven Ergebnisse rechnen.

„Unsere Übersichtsarbeit zeigt, dass einige Antigentests nützlich sein können, wenn bei Menschen mit Symptomen ein Verdacht auf Covid-19 besteht“, fasst die Erstautorin Jacqueline Dinnes von der University of Birmingham zusammen. „Diese Tests scheinen bei Menschen, die keine Symptome von Covid-19 haben, nicht so gut zu funktionieren.“ Alle Antigentests übersähen einige Personen mit einer Infektion. Daher sei es wichtig, Personen, die ein negatives Testergebnis erhalten, klarzumachen, dass sie trotzdem infiziert sein können. Auch gebe es einige neue Hinweise darauf, dass die Genauigkeit des Tests davon beeinflusst wird, wer ihn durchführt, schreiben die Cochrane-Autoren. „Künftige Studien sollten den Zusammenhang zwischen der Erfahrung der Person, die den Test durchführt, und der Empfindlichkeit des Tests untersuchen.“

Empfindlichkeit in der Praxis geringer, als von den Herstellern angegeben

Am 17. Februar 2020 einigte sich die EU auf eine Liste von insgesamt 16 Antigen-Schnelltests. Mit dabei sind auch die von Cochrane als besonders leistungsfähig erwähnten. Laut EU-Angaben erfüllen alle Tests die Mindestanforderungen. Diese lägen sogar bei 90 Prozent Sensitivität und 97 Prozent Spezifität. Doch bereits ein Positionspapier vom Januar wies darauf hin, dass die Empfindlichkeit der Antigen-Schnelltests in der Praxis zum Teil erheblich geringer sei als von den Herstellern angegeben.

„So lag die diagnostische Sensitivität bei asymptomatischen und symptomatischen Patienten und Mitarbeitern in Krankenhäusern der Maximalversorgung im Bereich von 45,4 Prozent bis 71,7 Prozent“, schrieben Autoren des Netzwerks B-FAST im Nationalen Forschungsnetzwerks der Universitätsmedizin zu Covid-19. Das RKI habe berichtet, dass ein in Deutschland häufig verwendeter Antigen-Schnelltest nur 39 Prozent der asymptomatisch Infizierten in der Notaufnahme eines Großklinikums erkannt habe.

Mitunter gibt es die Auffassung, massenhaft eingesetzte Antigentests könnten bei Schülern und Personal in Schulen sowie bei Krankenhaus- und Pflegeheimpersonal relativ zuverlässig die Infizierten herausfinden, auch wenn sie keine Symptome haben. Dazu sagt der Cochrane-Co-Autor Jon Deeks: „Wir haben keine Daten oder Studien gefunden, die die Genauigkeit dieser Tests bewerten, wenn sie beim wiederholten Screening von Personen ohne bekannte Exposition gegenüber Sars-CoV-2 eingesetzt werden. Solche Test-Strategien können sich bisher nicht auf ‚Real World‘-Evidenz aus der Praxis stützen.“

Die Autoren des Netzwerks B-FAST schätzten die Eignung der Tests so ein: „Sars-CoV-2-Antigen-Schnelltests können bei korrekter Abstrich-Entnahme und Testdurchführung hochinfektiöse Personen rasch identifizieren.“ Dies betrifft auch die zu Hause eingesetzten Selbsttests. Testen sollten sich vor allem jene, die Symptome haben. Wer andere besuchen und vorher eine Infektion ausschließen will, sollte bedenken, dass der Test nur eine Momentaufnahme ist und das Testergebnis auch falsch sein kann.

Das Wichtigste ist die Feststellung, dass man besonders infektiöse Personen mit relativ hoher Sicherheit mit solchen Tests herausfinden kann – wenn man den Test richtig durchführt. Die Trefferquote ist besonders hoch unter Leuten, die bereits Symptome haben und nun abklären wollen, ob es sich wirklich um Covid-19 handelt.