Der Täter, der in Leipzig in eine Menschenmenge gerast ist und zwei Personen getötet hat, war wieder ein Mann. Genau so wie bei den Terroranschlägen in Magdeburg und in Berlin. Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke war 20 Jahre lang in der Männerforschung an den Universitäten Köln und Münster tätig. Im KURIER-Interview gibt er Einblicke in die Psyche von männlichen Gewalttätern.
Warum sind es immer Männer?
Solche Taten wie in Leipzig werden auffallend oft von männlichen Tätern verübt. Wie erklärt sich der Experte dieses Phänomen? „Wir können die Männerforschung in einem Satz zusammenfassen. Der Mann ist sexuell und sozial ein Idiot“, betont Dr. Lüdke.
„Die Welt hat eine unheilbare Krankheit. Das ist der Mann. Das ist Menschheitsgeschichte: nicht nur die bekloppten Trumps, Putins, Erdoğans. Die Männer sind das Problem“, stellt er klar. Aber woran liegt das? „Zum Teil ist es eine genetische Komponente. Männer sind von Natur aus aggressiver. Die Frauen bringen das Leben auf die Welt. Das Leben wird von den Männern beschützt.“

Weiter erklärt Dr. Lüdke: „Dann gibt es entwicklungspsychologische Themen, die eine Rolle spielen. Jungs und Männer haben es schwerer, ihre eigene Identität zu entwickeln. Das ist ein großes Problem.“
Was ist der Grund dafür? „In der Kita haben sie 95 Prozent Erzieherinnen. In der Grundschule 90 Prozent Lehrerinnen. Bei den weiterführenden Schulen 70 Prozent Lehrerinnen. Jungs fehlen männliche Vaterfiguren, Modelle, an denen sie sich orientieren können“, so Dr. Lüdke. „Jungs haben es schwerer, ihre eigenen Grenzen zu finden. Die eigene Identität zu entwickeln.“
Wieso ticken Gewalttäter, wie sie ticken?
Doch wann wird aus einem Jungen mit Identitätsproblemen ein gewalttätiger Mann? Was geht in diesen Menschen vor? Dr. Lüdke antwortet mit einer Gegenfrage, die nur glückliche, unproblematische Menschen mit „Ja“ beantworten können: „Fühlst du dich geliebt?“
„Wenn man diese Frage mit ‚Ja‘ beantwortet, kann nichts passieren im Leben. Wenn ich weiß, es gibt mindestens einen Menschen auf dieser Welt, der mich bedingungslos liebt. ‚Ich werde es nicht schaffen, dass dieser Mensch mich nicht mehr liebt.‘ Das ist die stärkste Kraft, die uns im Leben hält“, beteuert der Psychotherapeut.

„Aber es gibt Kinder, Jungs, die diese Erfahrung nicht gemacht haben. Die wurden nicht bedingungslos geliebt. Sie entwickeln ein Programm: ‚Wenn ich nicht bedingungslos geliebt werde, will ich wenigstens gehasst werden.‘“ Und das erreichen sie mit schockierenden Taten wie in Leipzig, Magdeburg und Berlin.
Warum immer das Auto als Gewaltinstrument?
In Leipzig hat der Täter wieder ein Auto genutzt, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Wieso sehen wir bei Gewalttaten in den vergangenen Jahren vermehrt dieses „Instrument“? „Es ist einfach eine leichte Verfügbarkeit. Jeder kann sich sehr schnell ein Auto besorgen“, erklärt Dr. Lüdke. „Das ist einfacher, als die Bestandteile zusammen zu bestellen bei Amazon, um eine Bombe zu bauen. Weil dann sehr schnell der Staatsschutz da ist.“

„Zuletzt gab es ja auch einige willkürliche Messerangriffe in Fußgängerzonen oder im Zug. Auch hier greifen die Täter inzwischen lieber zur leichtesten Waffe“, ergänzt der Experte. „Das ist das, was sich im Terrorismus oder bei den Anschlägen verändert hat: Es sind nicht mehr die großen Anschläge im Stadion, das Flugzeug, das in ein Gebäude kracht.




