Es ist ein Anblick, der fassungslos macht: Als Royal Caribbeans Kreuzfahrtriese „Ovation of the Seas“ am 19. Juni in den Hafen von Seward in Alaska einläuft, hängt vorn auf dem Bug ein toter Wal. Es handelt sich um eine rund 18 Meter lange Finnwal-Kuh und sie war trächtig.
Obduktion deutet auf Schiffskollision hin
Die Crew deckte den Kadaver zunächst mit einer Plane ab, um ihn vor den Blicken der Passagiere zu schützen. Noch am selben Abend wurde das Tier in eine geschützte Lagune bei Lowell Point gebracht, rund fünf Kilometer südlich des Kreuzfahrtterminals, wo Fachleute des Alaska SeaLife Center und der US-Meeresbehörde NOAA eine Obduktion durchführten.
Die vorläufigen Ergebnisse: Das Tier war trächtig und wies stumpfe Gewalteinwirkung an Wirbelsäule, Rippen und Kiefer auf – Verletzungen, die zu einer Schiffskollision passen. Ansonsten sei der Wal gesund gewesen und erst kurz zuvor gestorben. Die offizielle Todesursache steht aber noch nicht fest: Weitere Untersuchungen können Monate dauern.
Für die Naturschutzorganisation Center for Biological Diversity ist der Fall ein Skandal. „Ich bin wütend, dass dieses riesige Kreuzfahrtschiff einen bedrohten Wal so grausam getötet hat", erklärte Cooper Freeman, Alaska-Direktor der Organisation. Der Tod dieser Wal-Mutter und ihres ungeborenen Kalbs werfe die gesamte Population zurück. In einem Brief fordert die Organisation Royal Caribbean auf, die Schiffe in bekannten Wal-Gebieten freiwillig auf zehn Knoten – also etwa 18 km/h – zu drosseln. Das senke das Risiko tödlicher Zusammenstöße und gebe Tieren mehr Zeit zum Ausweichen.

Der Druck ist nicht unbegründet: Finnwale sind in den USA als bedrohte Art geschützt; sie zu töten ist selbst aus Versehen verboten. Nach den Nordatlantischen Glattwalen gelten sie laut NOAA als die wohl anfälligste Art für Schiffskollisionen.
So erschütternd das Bild ist – ein Einzelfall ist es nicht. Bereits 2016 lief mit der „Zaandam" der Reederei Holland America fast an derselben Stelle ein Kreuzfahrtschiff mit einem Finnwal auf dem Bug in Seward ein. Damals wurde die Reederei nicht belangt, weil das Schiff mit empfohlenem Tempo und besetztem Ausguck unterwegs war. Allerdings ist die „Ovation of the Seas“ mehr als doppelt so groß wie die damalige „Zaandam". Auch in New York lief 2024 ein Kreuzfahrtschiff mit einem Wal auf dem Bug ein.


