Tierischer Rüpel

Rabauken-Robbe rammt Autos, schrottet Zäune – und wird trotzdem von allen geliebt

Eine Tonne schwer, ständig in Schwierigkeiten und trotzdem ein Publikumsliebling. Doch die Begeisterung seiner Fans könnte See-Elefant „Neil the Seal“ zum Verhängnis werden.

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Ein tonnenschwerer Rabauke, der von allen geliebt wird. Der junge See-Elefant „Neil the Seal“ in Tasmanien.
Ein tonnenschwerer Rabauke, der von allen geliebt wird. Der junge See-Elefant „Neil the Seal“ in Tasmanien.Sam Volker/Sam Volker Photography/AP/dpa

Er rammt Autos, drückt Zäune um, schiebt Verkehrspoller durch die Gegend, legt den Verkehr lahm und schläft am liebsten mitten auf der Straße: In Tasmanien ist der fünf Jahre alte See-Elefant „Neil the Seal“ eine Berühmtheit. Millionen Fans verfolgen seine Auftritte in den sozialen Netzwerken und begeistern sich für den tonnenschweren Rabauken. Doch die Liebe der Menschen könnte für das Tier zum lebensbedrohlichen Problem werden.

Tonnenschwere Robbe in den Flegeljahren

Kein Poller ist vor der Rabauken-Robbe Neil sicher. Doch das hat wohl einen traurigen Grund.
Kein Poller ist vor der Rabauken-Robbe Neil sicher. Doch das hat wohl einen traurigen Grund.NEIL THE SEAL/TIKTOK

„Neil the Seal“ steckt mitten in den Flegeljahren. Der tierische Rabauke taucht regelmäßig in Küstenorten nahe Hobart auf, walzt Absperrungen nieder und macht es sich an Orten bequem, die für Wildtiere eher ungewöhnlich sind. Videos zeigen, wie er hölzerne Zäune umdrückt, auf Straßen döst oder mit seiner gewaltigen Masse Verkehrsinseln und Poller niederwalzt.

„Er ist nicht gerade der Schnellste, aber wenn er gegen ein Auto läuft oder seine Schnauze auf der Motorhaube ablegt, ist das für das Fahrzeug nicht ideal“, erzählt Rod Macdonald, Bürgermeister der Region, der britischen Zeitung „Guardian“. Trotzdem genießt „Neil the Seal“ Kultstatus - oder wie die tasmanische Senatorin Jacqui Lambie sagt: „Er ist der einzige Typ in Tasmanien, der den Verkehr lahmlegen und alle ignorieren kann – und trotzdem von allen geliebt wird.“

See-Elefanten sind die größte Robbenart der Welt. Ausgewachsene Männchen können mehrere Tonnen wiegen. Neil bringt mit seinen fünf Jahren bereits rund eine Tonne auf die Waage.
See-Elefanten sind die größte Robbenart der Welt. Ausgewachsene Männchen können mehrere Tonnen wiegen. Neil bringt mit seinen fünf Jahren bereits rund eine Tonne auf die Waage.Sam Volker/Sam Volker Photography/AP/dpa

Neil ist allerdings nicht nur wegen seiner Eskapaden außergewöhnlich. Seine gesamte Lebensgeschichte gilt unter Fachleuten als Besonderheit. Der See-Elefant wurde im Oktober 2020 auf Tasmanien geboren. Das ist ungewöhnlich, denn Südliche See-Elefanten bringen ihren Nachwuchs normalerweise weit entfernt auf subantarktischen Inseln wie Macquarie Island oder Heard Island zur Welt.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich Neils Mutter einst von ihrer Kolonie getrennt hatte und auf Tasmanien strandete. Weil Neil dort geboren wurde, betrachtet er die Region bis heute als seine Heimat. See-Elefanten kehren instinktiv immer wieder an ihren Geburtsort zurück. Mehrmals im Jahr kommt Neil deshalb aus dem Meer an Land, um sich auszuruhen oder sein Fell zu wechseln.

Der traurige Grund für das Verhalten von „Neil the Seal“

Genau das macht seine Geschichte aber auch traurig: Anders als andere junge See-Elefanten wächst Neil weitgehend ohne Artgenossen auf. Normalerweise verbringen die Tiere ihre Zeit in großen Kolonien. Dort lernen junge Männchen spielerisch zu kämpfen, Rangordnungen auszutesten und soziale Verhaltensweisen einzuüben. Neil hat dafür keine Partner. 

„Mangels Rivalen muss er sein Kampf- und Sozialverhalten an unbelebten Objekten erproben“, erklärte der Meeresbiologe Clive McMahon vom Sydney Institute of Marine Science dem „Guardian“. Deshalb müssen Poller, Verkehrskegel, Zäune oder geparkte Autos als eine Art Sparringspartner herhalten. Was für Menschen wie Zerstörungswut aussieht, ist aus Sicht der Experten weitgehend normales Verhalten.

McMahon und andere Forscher vermuten zudem, dass Neil unter seiner Isolation leidet. See-Elefanten sind an Land deutlich sozialer, als viele Menschen vermuten. Sie schlafen oft eng beieinander in Gruppen. Wenn Neil sich nachts an Zäune oder andere Strukturen drückt, könnte das ein Versuch sein, die körperliche Nähe einer Kolonie zu ersetzen, die ihm fehlt.

Experten vermuten, dass „Neil the Seal“ unter seiner Isolation leidet. Dass er unter anderem Poller beschädigt, liegt wohl daran, dass er keine Artgenossen hat, mit denen er seine Kräfte messen kann.
Experten vermuten, dass „Neil the Seal“ unter seiner Isolation leidet. Dass er unter anderem Poller beschädigt, liegt wohl daran, dass er keine Artgenossen hat, mit denen er seine Kräfte messen kann.Sam Volker/Sam Volker Photography/AP/dpa

Sorglose Fans kommen der Robbe viel zu nahe

Inzwischen bereitet weniger Neil selbst Sorgen als vielmehr die Begeisterung, die er auslöst. Die Naturschutzbehörden berichten von immer mehr Schaulustigen, die ihm für Fotos und Videos gefährlich nahe kommen. Einige Menschen hätten sogar Kleinkinder neben dem schlafenden See-Elefanten positioniert, um Bilder für soziale Netzwerke zu machen.

Der Wildtierexperte Kris Carlyon von Tasmaniens Umweltbehörde warnt deshalb eindringlich davor, Neil „zu Tode zu lieben“ („love Neil to death“). Gegenüber dem „Guardian“ betonte er, dass der See-Elefant zwar friedlich wirken könne, tatsächlich aber ein großes Raubtier aus dem Meer sei. Mit seinem Gewicht von rund 1000 Kilogramm könne er Menschen schwer verletzen.

Droht „Neal the Seal“ die Einschläferung?

Die Behörden verweisen auf internationale Beispiele, bei denen große Wildtiere letztlich eingeschläfert wurden, nachdem sie aufgrund riskanten Verhaltens von Menschen als Sicherheitsrisiko eingestuft worden waren. Derzeit sei eine Tötung Neils zwar nicht geplant. Carlyon warnte jedoch, dass sich die Situation ändern könne, falls es zu schweren Zwischenfällen komme.

Deshalb fordern Tierfreunde inzwischen zusätzliche Schutzmaßnahmen. Tausende Menschen haben eine Petition unterzeichnet, die sichere Ruhezonen für Neil sowie Geldstrafen für Personen verlangt, die den vorgeschriebenen Abstand missachten.

Die Naturschutzbehörde appelliert an Besucher, mindestens 20 Meter Abstand zu halten, Hunde fernzuhalten und das Tier weder zu füttern noch anzufassen.