Unfassbare Nähe im Gerichtssaal

Psychologe analysiert Fabians Vater: Warum liebt er die mutmaßliche Mörderin?

Unfassbare Nähe trotz Mordverdachts: Warum der Vater zur Angeklagten hält – ein Experte erklärt die psychologischen Gründe.

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Die 30-jährige Angeklagte im Fall Fabian in Rostock hält sich im Gericht einen Ordner vors Gesicht. Sie wird verdächtigt, den kleinen Fabian aus Güstrow getötet zu haben.
Die 30-jährige Angeklagte im Fall Fabian in Rostock hält sich im Gericht einen Ordner vors Gesicht. Sie wird verdächtigt, den kleinen Fabian aus Güstrow getötet zu haben.Helmut Reuter/dpa

Diese Aussage vor Gericht überraschte! Im Mordprozess um den kleinen Fabian gab der Vater am Dienstag zu, dass er wieder an der Seite der Angeklagten steht: „Wir sind wieder ein Paar.“ Er fügte an: „Das hat sich im Gefängnis im Januar ergeben.“

Vater besucht Angeklagte alle zwei Wochen im Gefängnis

Deutlich machte er auch seine Haltung gegenüber der Angeklagten: „Ich stehe offen und ehrlich hinter ihr.“ Nach eigenen Angaben besuche er sie alle zwei Wochen im Gefängnis.

Wie kann so etwas sein? Der Vater liebt die Frau, die womöglich seinen Sohn umgebracht hat? Für Psychotherapeut Dr. Christian Lüdke ist das Verhalten alles andere als überraschend: „Das wirkt auf Außenstehende oft völlig unbegreiflich, ist aber psychologisch erklärbar: In extremen Belastungssituationen kann es zu ganz massiven Abwehrmechanismen kommen, vor allem zu Verdrängung und emotionaler Spaltung. Der Vater steht vor einem kaum aushaltbaren inneren Konflikt. Entweder er akzeptiert, dass seine Partnerin sein Kind getötet hat, oder er hält an der Beziehung fest und blendet diese Realität aus.“

Christian Lüdke ist Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und Erwachsene
Christian Lüdke ist Psychotherapeut für Kinder, Jugendliche und ErwachseneZVG

Lüdke ergänzt: „Manche Menschen entscheiden sich unbewusst für den zweiten Weg, weil die Wahrheit psychisch zu zerstörerisch wäre. Hinzu kommt: Bindung kann stärker sein als die Realität, gerade in toxischen oder emotional hoch aufgeladenen Beziehungen.“

Verhalten ist Zeichen psychischer Überforderung

Während der Verhandlung wandte sich der Vater sogar direkt an die Angeklagte und sagte: „Ich glaube dir.“ Lüdke: „Das Verhalten wirkt irritierend, ist aber oft Ausdruck einer völligen psychischen Überforderung und einer inneren Desorganisation. Hierbei können mehrere Mechanismen gleichzeitig wirken. Man spricht von einer sogenannten Trauma-Bindung – also trotz oder gerade wegen extremer Ereignisse bleibt eine emotionale Abhängigkeit bestehen.“

Die Leiche des kleinen Fabian wurde am 16. Oktober 2025 an einem Tümpel bei Klein Upahl entdeckt, etwa 15 Kilometer entfernt von seinem Zuhause in Güstrow.
Die Leiche des kleinen Fabian wurde am 16. Oktober 2025 an einem Tümpel bei Klein Upahl entdeckt, etwa 15 Kilometer entfernt von seinem Zuhause in Güstrow.Bernd Wüstneck/dpa

Lüdke fährt fort: „Dann gibt es das Phänomen der sogenannten kognitiven Dissonanz: Der Mensch versucht, widersprüchliche Realitäten passend zu machen. Es gibt eine Form von Realitätsabwehr. Flirten oder Nähe herstellen kann ein Versuch sein, die Situation ‚normal‘ wirken zu lassen, und ist selbst eine Form von Selbstberuhigung. Nähe zu Angeklagten reduziert kurzfristig Angst, Schuld und Kontrollverlust.“

Bleibt die Frage, ob das Verhalten von Fabians Vaters Einfluss auf das Urteil haben könnte. Lüdke glaubt das nicht: „Auf gar keinen Fall. Gerichte entscheiden auf der Basis von Beweisen, Gutachten und Fakten – nicht auf der Grundlage von emotionalen Dynamiken. Indirekt kann das Verhalten aber eine Rolle spielen: Es kann die Glaubwürdigkeit des Vaters beeinflussen, es kann die Gesamtwürdigung seiner Aussagen beeinflussen, und es kann bei Sachverständigen Fragen zur emotionalen Stabilität oder Wahrnehmung aufwerfen.“

Wie ist Ihre Meinung zum Thema? Wie beurteilen Sie das Verhalten des Vaters? Bitte schreiben Sie uns:leser-bk@berlinerverlag.com