Wussten Sie es?

Wer hat Hitzefrei erfunden? Die überraschende Story aus dem Osten

Hitzefrei gehört für viele Schüler zum Sommer dazu. Doch die Regel hat eine lange Geschichte – und entstand überraschend im heutigen Osten.

Author - Florian Thalmann
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Wenn Schüler sich heute über Hitzefrei freuen dürfen, dann liegt das vor allem an Karl Wilhelm Clauß. Der Dresdner Schuldirektor hat das Hitzefrei erfunden.
Wenn Schüler sich heute über Hitzefrei freuen dürfen, dann liegt das vor allem an Karl Wilhelm Clauß. Der Dresdner Schuldirektor hat das Hitzefrei erfunden.Illustration: Berliner KURIER

Vor Deutschland liegen die ersten richtig heftigen Tage des Sommers. Temperaturen, die an der 40-Grad-Marke kratzen, vielerorts tropische Nächte, in denen die Werte kaum mehr unter 30 Grad fallen. Während die einen leiden und ächzen, können Deutschlands Schüler zumindest etwas Hoffnung haben – und zwar auf hitzefrei! Nur: Wo kommt das eigentlich her? Die Antwort dürfte viele überraschen: Hitzefrei wurde tatsächlich im Osten erfunden! Wir erzählen die Geschichte dahinter.

Schulleiter aus Dresden führte das erste Hitzefrei ein

Hitzefrei wurde im Osten erfunden? Wer das noch nicht wusste, kann jetzt was lernen. Denn tatsächlich wurde das vorzeitige Beenden des Schultages aufgrund von hohen Temperaturen im heutigen Osten erstmals umgesetzt – wenn auch lange vor der Zeit, in der es überhaupt Ost und West gab.

Karl Wilhelm Clauß war es, der seinen Schülern erstmals hitzefrei gab. Er war Schulleiter in Dresden und zweifelte den Sinn von Unterricht an, wenn sich wegen der Temperaturen sowieso keiner konzentrieren kann.

Im August 1863 erteilte er seinen Schülern zum ersten Mal Hitzefrei. Seine Begründung: „Lässt sich voraussehen, daß bei einer solchen Temperatur der geistige Gewinn, den die Schüler mit nach Hause nehmen, gleich Null ist, so verdienen da die Rücksichten auf das physische Wohlbefinden der Kinder um so größere Beachtung.“

Heißt kurz und knapp: Bei Hitze kann man nicht nachhaltig lernen – das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler ist an solchen Tagen wichtiger als der Unterricht.

Kinder freuen sich, wenn es in der Schule hitzefrei gibt. Wussten Sie, dass die Regel für den Sommer im Osten erfunden wurde?
Kinder freuen sich, wenn es in der Schule hitzefrei gibt. Wussten Sie, dass die Regel für den Sommer im Osten erfunden wurde?Horst Rudel/imago

Das erste Hitzefrei löste damals eine echte Welle aus, sogar in der Zeitung wurde berichtet. Kein Witz: Die „Dresdner Nachrichten“ schrieben, man habe mit großer Befriedigung vernommen, „dass in der Schulanstalt des Herrn Direktor Clauß der Unterricht gestern Nachmittag in Anbetracht der Hitze von 25 Grad geschlossen worden ist.“

Was Clauß schuf, setzte sich später durch: In der DDR-Zeit galt als einheitliche Regelung, dass die Schule in der Mittagszeit beendet wird, wenn die Temperaturen am Vormittag um 10 Uhr bei 25 Grad im Schatten liegen.

Wer war der Mann, der uns das Hitzefrei schenkte?

Aber: Wer war der Schulleiter überhaupt, der das Hitzefrei erfand und damit noch heute regelmäßig bei Schülern und Schülerinnen in ganz Deutschland für Jubel sorgt? Karl Wilhelm Clauß wurde 1829 in Dresden-Loschwitz geboren, wurde nach seiner eigenen schulischen Ausbildung erst Lehrer und machte sich danach als Schuldirektor einen Namen. 1860 übernahm er als Direktor das „Gebhardtsche Institut“, in Dresden die erste „Schulanstalt für Kinder gebildeter Stände“.

Weil sich bei der Hitze sowieso niemand konzentrieren kann, erfand ein Dresdner Schulleiter das Hitzefrei.
Weil sich bei der Hitze sowieso niemand konzentrieren kann, erfand ein Dresdner Schulleiter das Hitzefrei.Petra Schneider/imago

Auch wirkte er an der 1861 gegründeten Dresdner Gewerbeschule mit, weil er erkannte, dass die Ausbildung junger Handwerker wichtig für die Gesellschaft ist. Als der Dresdner Gewerbeverein sie später auflösen wollte, übernahm Karl Wilhelm Clauß die Schule und machte sie zur Privatschule machte und bis zu seinem Tod leitete.

Der Schuldirektor wurde auf dem Alten Friedrichstädter Friedhof beigesetzt. Sein Dasein wirkte nach: Die nach seinem Tod gegründete Karl-Wilhelm-Clauß-Stiftung kümmerte sich um Schulgeldbeihilfen für Schüler aus ärmeren Verhältnissen.

Hitzefrei ist heute Sache der Schulleiter

Vor allem für Deutschlands Schüler wirkt Karl Wilhelm Clauß noch heute nach: Sie können sich vielleicht auch in der kommenden Wärmeperiode über den einen oder anderen Hitzefrei-Nachmittag freuen. Eine einheitliche Regelung gibt es heute nicht mehr – Bildung ist Ländersache, deshalb wird individuell entschieden. In Berlin und Brandenburg obliegt die Entscheidung, ob die Schülerinnen und Schüler bei extremen Temperaturen nach Hause geschickt werden, etwa den Schulleitungen.

Wussten Sie, dass Hitzefrei im Osten erfunden wurde? Und wie finden Sie es, wenn Schüler bei den Temperaturen früher nach Hause gehen dürfen? Schicken Sie uns Ihre Meinung per Mail an wirvonhier@berlinerverlag.com. Wir freuen uns über Ihre Zuschriften!