Vor Deutschland liegen die ersten richtig heftigen Tage des Sommers. Temperaturen, die an der 40-Grad-Marke kratzen, vielerorts tropische Nächte, in denen die Werte kaum mehr unter 30 Grad fallen. Während die einen leiden und ächzen, können Deutschlands Schüler zumindest etwas Hoffnung haben – und zwar auf hitzefrei! Nur: Wo kommt das eigentlich her? Die Antwort dürfte viele überraschen: Hitzefrei wurde tatsächlich im Osten erfunden! Wir erzählen die Geschichte dahinter.
Schulleiter aus Dresden führte das erste Hitzefrei ein
Hitzefrei wurde im Osten erfunden? Wer das noch nicht wusste, kann jetzt was lernen. Denn tatsächlich wurde das vorzeitige Beenden des Schultages aufgrund von hohen Temperaturen im heutigen Osten erstmals umgesetzt – wenn auch lange vor der Zeit, in der es überhaupt Ost und West gab.
Karl Wilhelm Clauß war es, der seinen Schülern erstmals hitzefrei gab. Er war Schulleiter in Dresden und zweifelte den Sinn von Unterricht an, wenn sich wegen der Temperaturen sowieso keiner konzentrieren kann.
Im August 1863 erteilte er seinen Schülern zum ersten Mal Hitzefrei. Seine Begründung: „Lässt sich voraussehen, daß bei einer solchen Temperatur der geistige Gewinn, den die Schüler mit nach Hause nehmen, gleich Null ist, so verdienen da die Rücksichten auf das physische Wohlbefinden der Kinder um so größere Beachtung.“
Heißt kurz und knapp: Bei Hitze kann man nicht nachhaltig lernen – das Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler ist an solchen Tagen wichtiger als der Unterricht.

Das erste Hitzefrei löste damals eine echte Welle aus, sogar in der Zeitung wurde berichtet. Kein Witz: Die „Dresdner Nachrichten“ schrieben, man habe mit großer Befriedigung vernommen, „dass in der Schulanstalt des Herrn Direktor Clauß der Unterricht gestern Nachmittag in Anbetracht der Hitze von 25 Grad geschlossen worden ist.“
Was Clauß schuf, setzte sich später durch: In der DDR-Zeit galt als einheitliche Regelung, dass die Schule in der Mittagszeit beendet wird, wenn die Temperaturen am Vormittag um 10 Uhr bei 25 Grad im Schatten liegen.
Wer war der Mann, der uns das Hitzefrei schenkte?
Aber: Wer war der Schulleiter überhaupt, der das Hitzefrei erfand und damit noch heute regelmäßig bei Schülern und Schülerinnen in ganz Deutschland für Jubel sorgt? Karl Wilhelm Clauß wurde 1829 in Dresden-Loschwitz geboren, wurde nach seiner eigenen schulischen Ausbildung erst Lehrer und machte sich danach als Schuldirektor einen Namen. 1860 übernahm er als Direktor das „Gebhardtsche Institut“, in Dresden die erste „Schulanstalt für Kinder gebildeter Stände“.

Auch wirkte er an der 1861 gegründeten Dresdner Gewerbeschule mit, weil er erkannte, dass die Ausbildung junger Handwerker wichtig für die Gesellschaft ist. Als der Dresdner Gewerbeverein sie später auflösen wollte, übernahm Karl Wilhelm Clauß die Schule und machte sie zur Privatschule machte und bis zu seinem Tod leitete.
Der Schuldirektor wurde auf dem Alten Friedrichstädter Friedhof beigesetzt. Sein Dasein wirkte nach: Die nach seinem Tod gegründete Karl-Wilhelm-Clauß-Stiftung kümmerte sich um Schulgeldbeihilfen für Schüler aus ärmeren Verhältnissen.
Hitzefrei ist heute Sache der Schulleiter
Vor allem für Deutschlands Schüler wirkt Karl Wilhelm Clauß noch heute nach: Sie können sich vielleicht auch in der kommenden Wärmeperiode über den einen oder anderen Hitzefrei-Nachmittag freuen. Eine einheitliche Regelung gibt es heute nicht mehr – Bildung ist Ländersache, deshalb wird individuell entschieden. In Berlin und Brandenburg obliegt die Entscheidung, ob die Schülerinnen und Schüler bei extremen Temperaturen nach Hause geschickt werden, etwa den Schulleitungen.


