Iris Brand ist Mit-Gründerin der Initiative #Die Nächste und setzt sich entschieden gegen Gewalt an Frauen ein. Sie weiß, wovon sie spricht. Als Betroffene kennt sie die Realität hinter den Zahlen. Der Fall Ulmen-Fernandes zeigt nun in aller Deutlichkeit, welche neuen Dimensionen das Thema erreicht hat. Im einem Gastbeitrag für den Berliner KURIER schreibt sie, warum Wegsehen keine Option mehr ist.
Der nächste Fall ist kein Zufall
Gewalt gegen Frauen ist kein Randphänomen. Sie ist Teil unserer gesellschaftlichen Realität. Der Fall Collien Fernandes macht das gerade sichtbar – in einer Form, die verstört, weil sie so entgrenzt ist: digital vermittelt, intim, über Jahre hinweg.
Dass sie darüber spricht, ist alles andere als selbstverständlich. Es erfordert Mut – auch, weil Betroffenen noch immer häufig geraten wird, abzuwägen, still zu bleiben oder die Folgen eines öffentlichen Sprechens zu bedenken. Und doch folgt auch dieser Fall einem Muster, das erschreckend vertraut ist.

Gewalt beginnt selten mit dem, was wir eindeutig als solche erkennen. Sie entwickelt sich früher, in Kontrolle, in Grenzüberschreitungen, in Demütigung und in einem schrittweisen Verschieben dessen, was noch akzeptabel erscheint. Oft bleibt sie lange ohne Konsequenzen.
Von vielen Männern kommt in der Debatte wenig
In Deutschland sprechen wir gern über Einzelfälle, über „Skandale“, die kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugen. Die Daten zeichnen ein anderes Bild. Das Bundeskriminalamt erfasst jährlich über 170.000 Fälle von Partnerschaftsgewalt, rund 80 Prozent der Betroffenen sind Frauen.
Und selbst diese Zahl bildet nur einen Bruchteil der Realität ab. Viele Betroffene wenden sich nicht an die Polizei. Je nach Form der Gewalt wird nur ein sehr kleiner Anteil angezeigt, bei digitaler Gewalt sind es oft nur wenige Prozent.
Das, was sichtbar wird, ist deshalb nicht die Ausnahme, sondern ein Ausschnitt. Zwischen dem, was geschieht, und dem, was wir wahrnehmen, klafft eine erhebliche Lücke. In dieser Lücke bewegen sich Täter mit einer hohen Wahrscheinlichkeit, ohne ernsthafte Konsequenzen befürchten zu müssen.
Der Fall Collien Fernandes ist ein Moment, in dem sich diese Unsichtbarkeit kurz auflöst. Für einen Augenblick wird sichtbar, was sonst im Privaten, im Digitalen oder im scheinbar Banalen bleibt.

Gleichzeitig zeigt sich ein weiteres Muster. Es sind überwiegend Frauen, die sprechen, die benennen, die Öffentlichkeit herstellen. Von vielen Männern kommt wenig, oder die Debatte wird schnell abstrahiert.
Der Hinweis, dass es sich nicht um „alle Männer“ handelt, ist richtig, führt aber nicht weiter. Entscheidend ist, warum Grenzüberschreitungen im Alltag so oft ohne Widerspruch bleiben und warum Verhaltensweisen toleriert werden, die genau jene Strukturen stabilisieren, in denen Gewalt entstehen kann.
Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum
Normen entstehen im sozialen Umfeld. Verhalten wird dort eingeordnet, bestätigt oder hinterfragt. Wenn dieser Widerspruch ausbleibt, verschieben sich Grenzen. Gewalt entsteht nicht im luftleeren Raum, sondern in Kontexten, in denen sie möglich wird, ohne unmittelbare Folgen zu haben. Und sie entsteht nicht fern von uns, sondern in unserem Alltag, in unserem Umfeld, unter Menschen, die wir kennen.




