Jeder Mensch hat wohl eine Vorstellung, was nach dem Tod mit dem eigenen Körper passieren soll. Manche möchten verbrannt werden, andere wünschen sich eine Erdbestattung – und wer einen Bezug zum Meer hat, träumt womöglich von einer Seebestattung. Doch das, was der Deutschen Hannelore Schmatz passierte, ist wirklich gruselig. Ihr Körper wurde nach ihrem Tod zu einem Wegweiser – und diente anderen Menschen als Orientierungspunkt. Warum? Sie war die erste Frau auf dem Mount Everest – und starb beim Abstieg. Das ist ihre Geschichte.
Über 300 Menschen starben am Mount Everest
Mehr als 300 Menschen sind seit der Erstbesteigung des Mount Everest bereits beim Versuch, den Gipfel zu bezwingen, umgekommen – im Durchschnitt sterben an dem 8848 Meter hohen Berg jedes Jahr vier bis fünf Bergsteiger. Am 29. Mai 1953 waren Edmund Hillary und Tenzing Norgay die ersten Kletterer, die es bis zum Gipfel schaffen – erst mehr als 20 Jahre später machte sich auch Hannelore Schmatz auf den Weg.
Sie war eine Bergsteigerin, geboren in Regensburg – und war mit ihrem Mann unterwegs, dem Bergsteiger Gerhard Schmatz. Im Herbst 1979 machten sich die beiden auf den Weg und nahmen an einer Expedition zum Gipfel des Berges teil. Gerhard Schmatz war mit einem Alter von 50 Jahren zu dem Zeitpunkt der älteste Mensch, der je auf dem Mount Everest gestanden hatte – und Hannelore Schmatz war die erste Frau.

Gerhard Schmatz erreichte am 1. Oktober 1979 zuerst den Gipfel. Nach großem Jubel und Umarmungen ging es eine Stunde später wieder an den Abstieg. In einem Lager unterhalb des Gipfels wartete Hannelore Schmatz mit einer anderen Gruppe. Aufgrund der schlechten Schnee- und Eisverhältnisse riet ihr Mann dazu, nicht auf den Gipfel zu steigen.
„Hannelore ist etwas ungehalten und sagt, wir sollten ihr doch nicht den Elan nehmen“, schrieb Gerhard Schmatz in einem Beitrag über die Reise. Weil die Frau von guter Kondition war, brach sie am nächsten Morgen mit Begleiter und Sherpa auf.
Die letzten Worte von Hannelore waren „water, water“
Doch als Hannelore Schmatz den Gipfel erreicht hatte, verschlechterte sich das Wetter. Beim Abstieg mussten die Bergsteiger dann in der Todeszone übernachten. Einem der Kletterer ging der Sauerstoff aus, er starb am nächsten Morgen. Hannelore Schmatz und der Sherpa machten sich an den Abstieg. „Auf einer Höhe von ca. 8.300 m hat sich dann Hannelore hingesetzt und ist mit den Worten ,water, water‘ gestorben.“ Die beschriebene Todesursache war Erschöpfung.
Das Problem: Tote können vom Mount Everest nicht einfach geborgen werden – denn jeder, der sich auf eine solche Rettungsaktion begibt, riskiert sein eigenes Leben. Im Jahr 1984 wurde etwa ein Versuch unternommen, die Leiche von Hannelore Schmatz vom ewigen Berg zu holen. Die nepalesische Grenzpolizei wagte die Expedition – und sowohl der zuständige Polizeiinspektor als auch der Sherpa kamen dabei ums Leben. Wie viele Tote am Everest blieb also auch Hannelore Schmatz dort, wo sie starb.
Leiche saß an Rucksack gelehnt, die Haare wehten im Wind
Und wurde zu einer gruseligen Landmarke, einem Wegweiser: Am Aufstieg vom Südsattel in Richtung Gipfel saß ihre Leiche, gelehnt an ihren Rucksack, ihre braunen Haare sollen dort im Wind geweht haben. In einem Artikel einer dänischen Bergsteigerin über ihre Tour auf den Everest zitiert sie den Bergsteiger und Expeditionsleiter Arne Næss, der die Leiche von Schmatz entdeckte.

„Es ist nicht mehr weit. Ich kann dem unheilvollen Wächter nicht entkommen“, sagte er über seine eigene Tour. „Etwa 100 Meter oberhalb von Lager IV sitzt sie an ihren Rucksack gelehnt, als würde sie nur eine kurze Pause machen. Eine Frau mit weit geöffneten Augen und Haaren, die bei jeder Windböe wehen.“ Besonders gruselig: Er beschrieb, dass es sich so anfühlte, als würde Hannelore Schmatz ihm mit ihren Augen folgen – wahrscheinlich eine optische Täuschung oder eine Halluzination aufgrund der großen Höhe auf dem Berg. „Ihre Anwesenheit erinnert mich daran, dass wir nur zu den Bedingungen des Berges hier sind.“
Leiche von Hannelore Schmatz wurde zum Wegweiser
Jahrzehnte saß Hannelore Schmatz dort, wurde zum Wegweiser für alle, die auf den Gipfel wollten – Hunderte Bergsteiger mussten an ihr vorbei. Geborgen wurde ihre Leiche nie. Starke Winde sollen die sterblichen Überreste der Frau erst Ende der 90er-Jahre eine Flanke hinabgeweht haben. Das Ende einer der gruseligen Geschichten des Mount Everest.



