Rekord bei Strafverfahren

Überforderte Justiz lässt gefährliche Kriminelle laufen

Erstmals sind mehr als eine Million Strafverfahren offen. Tatverdächtige kommen wegen versäumter Fristen frei.

Author - Stefan Doerr
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Prozessakten stapeln sich. Der Richterbund ist besorgt über die wachsende Zahl unerledigter Fälle.
Prozessakten stapeln sich. Der Richterbund ist besorgt über die wachsende Zahl unerledigter Fälle.Holger Hollemann/dpa

Die deutsche Justiz arbeitet am Anschlag – und kommt kaum noch hinterher. Der Deutsche Richterbund warnt angesichts neuer Rekordzahlen bei unerledigten Strafverfahren vor einer dramatischen Entwicklung mit fatalen Folgen für unsere Sicherheit.

Bundesweit fehlen 2000 Richter

„Im Jahr 2025 haben wir im dritten Jahr in Folge rund 5,5 Millionen neue Strafverfahren bei den Staatsanwaltschaften gehabt. Erstmals hat die Zahl der offenen Fälle zum Jahresende 2025 die Marke von einer Million überschritten“, sagte der Bundesgeschäftsführer des Richterbunds, Sven Rebehn, der Rheinischen Post.

Zum Vergleich: „Ende 2020 waren es noch rund 700.000 offene Verfahren. Das entspricht einer Steigerung von annähernd 50 Prozent in fünf Jahren“, rechnete Rebehn vor. Jahr für Jahr wachse der Aktenberg weiter an. Ohne zusätzliches Personal sei dieser nicht mehr abzutragen. Bundesweit fehlten nach Angaben des Richterbunds 2000 Staatsanwälte und Strafrichter.

Sven Rebehn vom Deutschen Richterbund schildert die dramatische Lage der Justiz.
Sven Rebehn vom Deutschen Richterbund schildert die dramatische Lage der Justiz.Deutscher Richterbund

Die Folgen sind brisant. Weil Verfahren zu lange dauern, müssen Beschuldigte aus der Untersuchungshaft entlassen werden. „2025 sind bundesweit 50 dringend Tatverdächtige aus der Untersuchungshaft entlassen worden, weil die Verfahren zu lange gedauert haben. In diesen Fällen geht es in der Regel um den Vorwurf eines Verbrechens, also zum Beispiel um Tötungsdelikte, Vergewaltigungen oder schwere Körperverletzungen“, erläuterte der Richterbund-Geschäftsführer.

Asylverfahren setzen Gerichte unter Druck

Neben der Strafjustiz geraten auch die Verwaltungsgerichte zunehmend unter Druck. Hintergrund sind stark steigende Klagezahlen gegen Asylbescheide. „Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge arbeitet die Fälle inzwischen deutlich schneller ab und die Ablehnungsquote steigt. Das wird dann juristisch angegriffen und es landet bei den Gerichten“, sagte der Chef des Richterbunds.

„Wir haben in den vergangenen drei Jahren mehr als eine Verdopplung der Verfahrenseingänge in Asylsachen gesehen. 2022 waren es noch rund 62.000 Klagen, im vergangenen Jahr mehr als 140.000 Verfahren.“

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