Der angekündigte Wintersturm für Berlin und Brandenburg blieb aus. Und kaum war klar: Es passiert nichts, standen sie wieder bereit – jene, die es selbstverständlich vorher schon besser gewusst haben. „Völlig übertrieben“, heißt es jetzt. „War doch klar.“
Diese nachträgliche Gewissheit ist bequem. Sie kostet nichts, sie tut nicht weh und sie ist immer erfolgreich. Denn hinterher weiß man es eben besser. Vorher weiß man es nicht. Genau das ist der Punkt.
Warnen heißt nicht irren
In Wetterlagen, die kippen können, ist Vorsicht kein Alarmismus, sondern Verantwortung. Wenn Schnee, Regen, Tauwetter und Frost sich abwechseln, reichen Kleinigkeiten – ein Grad mehr, ein paar Stunden früher – und aus „harmlos“ wird gefährlich. Dann geht es nicht um Recht behalten, sondern um Sicherheit.
Deshalb ist es klüger, rechtzeitig über Alternativen nachzudenken, als später nach Schuldigen zu suchen. Wer erst reagiert, wenn die Katastrophe eingetreten ist, hat bereits verloren – organisatorisch wie politisch.

Früher war mehr Glatteis
Natürlich kommt jetzt das große Früher. Früher hat kein Hahn nach Wetterwarnungen gekräht. Wir sind immer zur Schule gegangen. Wenn Bus, Bahn oder Straßenbahn nicht fuhren, dann eben zu Fuß. Oder mit dem Fahrrad. Oder, in der verklärten Erinnerung, mit Skiern.
Das stimmt alles. Und es stimmt gleichzeitig nicht mehr.
Wir leben nicht mehr „früher“
Denn wir haben die Kinder von heute nicht so erzogen wie uns selbst. Wir hätten das tun können – haben es aber nicht. Und genau das ist der Punkt, wo jeder gern bei sich selbst schauen kann. Stattdessen haben wir eine Gesellschaft geschaffen, die auf Verlässlichkeit, Betreuungsketten und reibungslos funktionierende Abläufe angewiesen ist. Schule, Kita, Arbeit, Pflege – alles greift ineinander.
Wenn morgens das System rutscht, rutscht alles. Das ist keine Schwäche der Kinder, sondern eine Realität, für die wir Erwachsenen verantwortlich sind.
Vorsorge schlägt Rechthaberei
Gerade deshalb ist es aus heutiger Sicht richtig, bei einer möglichen Extremwetterlage nicht zu meckern, sondern Alternativen zu suchen: Homeoffice statt Stau. Späterer Schulbeginn statt Eisbahn. Distanzunterricht statt Unfallstatistik.
Dass der Wintersturm am Ende ausblieb, ist kein Beweis für Panikmache. Es ist schlicht Glück. Und Glück ist keine Strategie.Man darf über Warnungen diskutieren. Man darf sie kritisieren. Aber dieses reflexhafte „Hab ich doch gesagt!“ hilft niemandem. Klüger wäre es, sich zu merken: Vorsorge ist kein Fehler, nur weil nichts passiert. Manchmal ist das Beste, was passieren kann, genau das – dass nichts passiert.


