Was Präsident Werner Gegenbauer (l.) und Carsten Schmidt, Vorsitzender der Geschäftsführung, derzeit sportlich geboten bekommen, sorgt nicht gerade für gute Stimmung. Foto: Imago/Koch

Hertha BSC, so scheint mir, lebt derzeit in zwei sehr unterschiedlichen Welten, die im Moment nicht zusammenpassen. Einerseits in der tristen Realität, die knallharter Abstiegskampf für die teuerste blau-weiße Mannschaft aller Zeiten bedeutet, und andererseits auch in einer Welt mit Visionen und kühnen Zukunftsplänen.

Die hat der starke Mann des Klubs, der seit dem 1. Dezember fungierende neue Vorsitzende der Geschäftsführung Carsten Schmidt, 60, unlängst öffentlich gemacht. In einem doppelseitigen Interview in Horizont, Fachzeitschrift für Marketing, Werbung und Medien, gab der ehemalige Sky-Chef interessante Einblicke in ein Strategiepapier, das unter dem schönen Namen „Operation Goldelse“ firmiert. Darin wird skizziert, wie sich Hertha in den kommenden fünf Jahren sportlich und wirtschaftlich ins obere Drittel der Tabelle vorarbeiten will und die Stadt Berlin als Klub deutschlandweit, aber in Zukunft auch international repräsentierten soll.

Lesen Sie auch: Zu harmlos! Dardai knöpft sich Stürmer vor

Das erinnert mich ein wenig ans Jahr 2000, als Hertha etwas großspurig den Antrag stellte, in die G14, den exklusiven Zirkel der besten europäischen Klubs, aufgenommen zu werden. Damals ergab sich dieser Wunsch allerdings in einer Zeit sportlichen Erfolgs, als das Team in der Champions League spielte. Jetzt steht man fast ganz am Ende der Bundesligatabelle.

Die Goldelse glänzt momentan nicht Richtung Hertha

Man muss das jüngste Interview, das übrigens einer meiner ehemaligen Chefredakteure führte, im Kontext mit den Maßnahmen sehen, die CEO Schmidt bereits intern eingeleitet hat. Sämtliche Abläufe aller Abteilungen werden auf den Prüfstand gestellt, die Mitarbeiter befragt, eine Art „Inventur“ durchgeführt, um neue Ideen zu bekommen und das innovative Potenzial aller Herthaner besser auszuschöpfen. Das ist eine positive Geschichte, denn endlich gibt es wieder Visionen, die mit den enormen wirtschaftlichen Möglichkeiten durch den Investor Lars Windhorst auch keine Utopie bleiben müssen. Mit den immer gleichen defensiven Zielsetzungen – zumindest den zögerlich öffentlich geäußerten – durch den ehemaligen Manager Michael Preetz („Wir wollen besser abschneiden als im Vorjahr“), die meist weiter Mittelfeld und Mittelmaß bedeuteten, konnte man sich nicht mehr anfreunden. Das „Graue Maus“-Image schien eine feste Größe zu sein und kollidierte immer stärker mit den Ansprüchen und Vorstellungen des Investors.

Lesen Sie auch: Darum spielt Herthas Marton Dardai (19) schon so abgezockt

Das soll es künftig nicht mehr geben. Dennoch: Die „Goldelse“ glänzt im Moment nicht Richtung Hertha, Vision und Realität klaffen unglaublich weit auseinander. Die Mannschaft hat nur eines ihrer letzten elf Spiele gewinnen können. Sie liegt zum ersten Mal in dieser verkorksten Spielzeit auf dem gefährlichen Relegationsrang. Viel schlimmer geht es nicht mehr. Pal Dardai (nachträglich herzlichen Glückwunsch zum 45. Geburtstag!) hat seit seinem Amtsantritt am 19. Spieltag das total verunsicherte Team stabilisiert, die negative Stimmung ins Positive gedreht, aber die dringend notwendigen Punkte blieben bislang aus. Der Ungar steckt in der bislang kompliziertesten Phase seiner Trainerlaufbahn.

Die Kritiker stehen schon bereit

Dem gegenüber steht die „Operation Goldelse“, über deren Inhalt Carsten Schmidt anlässlich seiner ersten 100 Tage im Amt Auskunft gab. Der Zeitpunkt scheint unpassend zu sein. Sollte es tatsächlich zum Super-GAU kommen, der unbedingt verhindert werden muss, würden die groß angedachten Planspiele arg ins Stocken geraten und die Kritiker werden nur einen Satz aus dem Interview genüsslich zitieren, wohl wissend, dass die Worte ab Sommer 2021 gelten: „Wir wollen die größte Aufholjagd, die der deutsche und vielleicht der internationale Fußball je erlebt hat, einleiten und zum Erfolg führen.“

Die „Goldelse“, die Göttin Victoria auf der Siegessäule, könnte sich bei einem Abstieg auf ihrem Sockel umdrehen und plötzlich Richtung Osten schauen. Dort ist der erfolgreiche 1. FC Union zu Hause.