Kann ein fulminanter Auftritt, zudem ein Auswärtssieg, eine Situation deutlich verändern? Diese Frage stellte sich, nachdem Hertha BSC am Sonntagnachmittag mit 5:2 souverän bei Fortuna Düsseldorf gewann und sich so selbstbewusst zeigte, wie lange nicht zuvor. 4500 mit an den Rhein gereiste Berliner Fans feierten ihr Team. Fünf Treffer konnten sie lange nicht bejubeln. Der Makel an dieser schönen Geschichte aber ist: Der Erfolg kommt sieben Spieltage vor Saisonschluss zu 99 Prozent zu spät, um noch einmal ernsthaft ganz oben in der Tabelle angreifen zu können.
Reese dreht auf: Kapitän im absoluten Topform-Modus
Zugegeben, große Erwartungen an das Team von Cheftrainer Stefan Leitl hatte ich nicht vor dem Duell in Düsseldorf. Doch vor allem in der ersten Halbzeit spielte die Mannschaft wie ein Aufstiegsaspirant – selbstbewusst, blitzschnell, hochkonzentriert und brutal effektiv. Es gab wunderschöne Tore zu sehen und einen überragenden Kapitän Fabian Reese. Mir schien, der Angreifer wollte all seinen Frust über den bisherigen Saisonverlauf endlich abschütteln. Das ist ihm mit zwei Treffern und einem Assist glänzend gelungen. Seine Bilanz im blau-weißen Trikot ist überragend: 9 Tore/14 Assists (2023/24), 11 Tore/1 Assist (2024/25) und bislang 9 Tore/11 Assists in der laufenden Spielzeit. Im Moment ist er der beste Scorer der Liga. Reese, das ist Fakt, will seinen Traum, mit Hertha in der Ersten Liga zu spielen, noch nicht endgültig begraben.

Nach dem Duell in Düsseldorf – die Mannschaft holte in den zurückliegenden vier Spielen zehn Punkte – fragen sich viele im Hertha-Kosmos, was dieser Sieg noch bewirken kann?
Warum Hertha immer wieder an sich selbst scheitert
Die Ausgangslage in der Tabelle hat sich freilich nicht verändert. Noch immer beträgt der Abstand auf Relegationsrang drei stattliche sieben Punkte. Ob die Hertha noch einmal oben anklopfen kann, liegt nicht allein in ihrer Hand. Die „großen Fünf“, die vor den Berlinern platzierten Teams, geben sich kaum eine Blöße, spielen allesamt viel konstanter, als die im Saisonverlauf so wankelmütige Truppe von Stefan Leitl.

Das oft unbegreifliche Auf und Ab in den Leistungen betraf auch Unterschiedsspieler Fabian Reese, dessen Dominanz oft nicht mehr so groß war wie zuvor in der Vergangenheit erlebt. Die teils furiose Vorstellung in Düsseldorf bis zum Halbzeitpfiff war jedenfalls ein Statement an die Konkurrenz. Das Team hat gezeigt, wozu es fähig ist. Fest steht aber auch, dass Leistner, Seguin oder Schuler die Berliner Fans in dieser Saison immer wieder gequält haben. Sie weckten ständig Hoffnungen, die schnell wieder in heftige Enttäuschungen umschlugen.
Nur ein Wunder hilft: Der letzte Funken Aufstiegshoffnung
Obwohl man bei Hertha die Zielsetzungen seit dem bitteren Gang in Liga zwei stets steigerte – von „nicht gegen den Abstieg spielen“ (der damalige Präsident Kay Bernstein im Juli 2023) über „wir wollen oben mitspielen“ (Sportdirektor Benjamin Weber im Sommer 2024) bis „wir wollen jetzt aufsteigen“ (Präsident Fabian Drescher im Sommer 2025) –, ist die bittere Wahrheit, dass die Mannschaft in den zurückliegenden drei Spielzeiten bislang nie über Rang sechs in der Tabelle hinauskam. Das bedeutet nichts anderes als Mittelmaß.
Zweimal, unter Trainer Pal Dardai und zuletzt unter Stefan Leitl, wurde dabei die Anfangsphase der jeweiligen Saison komplett vermasselt und die Mannschaft musste mit dieser schweren Hypothek der Konkurrenz hinterherlaufen. Dardai hatte im Juli 2023 allerdings zu Beginn nur einen Torso zur Verfügung statt einer konkurrenzfähigen Mannschaft. Im Sommer 2025 aber kam das Team dann nicht mit der Favoritenrolle klar, war mental nicht auf der Höhe.
Bei Hertha heißt es nun, mal wolle das Maximale herausholen. Das Wort „Aufstieg“ ist seit der 2:5-Klatsche am 22. Februar beim SC Paderborn tabu.




