Kennt sich in England und im Wembley-Stadion bestens aus: DFB-Bambino Jamal Musiala.  dpa

Wenn die deutsche Mannschaft sich am Dienstag gegen 15.45 Uhr Ortszeit dem Wembley-Stadion mit seinem 133 Meter hohen Bogen nähert, dürften einige Herzen höherschlagen. Vor allem die der Spieler, die die berühmte Arena noch nicht von innen kennen. Den Jüngste im DFB-Kader betrifft das nicht. Er ist ein alter Wembley-Hase. Jamal Musiala, im Februar 18 geworden, hat den Fußballtempel schon vor sieben Jahren erobert.

In einem kurzen Film ist ein schmächtiger Bubi im Einlagespiel des League-II-Play-off-Finales zu beobachten, der sich beim 7:1-Sieg der Corpus Christi Primary School gegen die Hamilton Primary School wie eine Schlange um die Kontrahenten windet und vier Tore schießt.

Lesen Sie auch: Im Auftrag ihrer Jogistät: Spione, die von der Insel kamen >>

Jünger als Jamal Musiala war bisher niemand

Musialas Mutter ist Deutsche mit polnischen Wurzeln, sein Vater stammt aus Nigeria. Geboren ist er in Stuttgart, aufgewachsen größtenteils in England, nachdem seine Mutter in Southampton ein Stipendium bekam. Inzwischen spielt das fein geschliffene Juwel beim FC Bayern. Und für Deutschland. Keiner im Land, der bei einem Turnier zum Einsatz kam, war je jünger als er. Für Bundestrainer Jogi Löw hat sich die Mühe gelohnt, das Toptalent in einem langen Gespräch zu gewinnen. Ohne Musiala wäre das DFB-Team bei dieser EM wohl gar nicht mehr dabei.

Im entscheidenden Spiel gegen Ungarn brauchte der Bursche nur zwei Minuten nach seiner Einwechslung, um unverschämt frech Einfluss zu nehmen. Mit einer geschmeidigen Bewegung (sein fließendes Bewegungsmuster erinnert an das des großen Zinedine Zidane) ließ er links gleich drei Gegenspieler ins Leere laufen, spielte dann erstaunlich überlegt in den Strafraum zu Leon Goretzka. Sekunden später machte der dann das erlösende 2:2.

AFP
Jamal Musiala und Bayern-Kollege Thomas Müller (r.) hatten bei der DFB-Autogrammstunde sichtlich Spaß.

Die Mitspieler fanden längst einen Spitznamen: „Bambi“ – nach einem Vorschlag von Leroy Sané. Weil Musiala so scheu, so geschmeidig wie ein Rehkitz ist und weil er so treu aus großen Augen schaut. Thomas Müller hat „Bambi“ sogleich zu „Bambino“ umgedeutet. Musiala ist das Kind im deutschen Team. Serge Gnabry klingt wie ein großer Bruder, wenn er sagt: „Er ist ein lieber, süßer Kerl.“ Goretzka verordnet Musiala Liegestütze nach verlorenen Tischtennismatches. Der Junge mit den dünnen Armen und Beinen soll Muskeln aufbauen.

Lesen Sie auch: Tokio statt Trainingslager: Max Kruses Traum könnte dem 1. FC Union wehtun >>

Jamal Musiala und sein englischer Akzent 

Sein Akzent ist unverkennbar englisch – mit bayerischem Einschlag. Die Entscheidung für Deutschland war keine einfache. Musiala hatte jahrelang für Englands U-Mannschaften gespielt, unter anderem mit Dortmunds Jude Bellingham, den er zu seinen Freunden zählt. Das Achtelfinale heute gegen England in Wembley (18 Uhr, ARD) könnte besonderer nicht sein für den Jungen, der in London aufwuchs. „Das wird cool“, sagt er. Die Engländer hätten eine „sehr gute Squad.“ Auch die Wortwahl zeigt seine Wanderschaft zwischen den Welten.

Als er mit sieben Jahren auf die britische Insel kommt, versteht er kaum ein Wort – und hat gelernt: „Fußball ist die Sprache, die in England sehr gut gesprochen wird. Es spielt dann keine Rolle, ob man die Wörter der anderen ganz versteht.“

Der große FC Chelsea entdeckt bald den kleinen Jungen und nimmt ihn 2011 in seine Jugendabteilung auf. Acht Jahre ist er da alt und er bleibt, bis er 16 ist. Ein Glücksfall, weil man in England in dieser Zeit das Spiel fördert, das Musiala so stark macht: das Intuitive, die Bolzplatzmentalität. „In England wird in der Ausbildung viel Wert auf Technik und ein gutes Eins-gegen-eins gelegt. Und darauf, frei zu spielen“, weiß er. „Das hat mein Spiel schon sehr geprägt.“

Na dann, Jamal, pack das heute gegen England wieder alles aus!

Lesen Sie auch: England tönt: Rache für Elfer-Pechvogel Southgate >>