Mitten in aufgeheizten Debatten über Sozialstaat, Demokratiekrise und einen möglichen AfD-Sieg im Osten meldet sich eine Frau zurück, die für viele bis heute das Gesicht des radikalen DDR-Umbruchs ist: Birgit Breuel (88, CDU). Die frühere Chefin der Treuhandanstalt wirbt in einem neuen Buch für Optimismus und erklärt, was sie heute zur Arbeit der Treuhand in Ostdeutschland denkt.
Machte die Treuhand Ostdeutschland platt?
Breuel blickt auf ein langes Leben durch die deutsche Geschichte zurück und zählt die großen Erfolgserzählungen auf: demokratischer Neubeginn nach 1945, Wirtschaftswunder, friedliche Revolution, Einheit. Auch die aktuelle Krise sei zu schaffen, wenn sich das Land auf Tugenden wie Selbstvertrauen, Zusammenhalt und soziale Marktwirtschaft besinne. „Wir müssen uns nur wieder Dinge zutrauen, einander vertrauen, das Gute unterstellen und entdecken“, schreibt sie. Doch ausgerechnet die eigene politische Hinterlassenschaft der CDU-Politikerin steht bis heute für viele Ostdeutsche für das Gegenteil: Vertrauensverlust, Jobverlust, gebrochene Lebensläufe.

Treuhand steht für die Zerschlagung einer Volkswirtschaft
Kaum ein Kapitel der Nachwendezeit ist so umstritten wie die Arbeit der Treuhand. Breuel übernahm die Behörde 1991, nachdem ihr Vorgänger Detlev Karsten Rohwedder von der Rote Armee Fraktion ermordet worden war. Ihre Mission war die volkseigenen Betriebe der DDR so schnell wie möglich privatisieren. Für die einen war es ein notwendiger Kahlschlag, für die anderen die Zerschlagung einer ganzen Volkswirtschaft.
Kritik hagelte es quer durch alle Parteien. Es wurden zu viele Betriebe dichtgemacht, zu viele an westdeutsche Investoren verkauft, zu wenig Rücksicht auf die Menschen vor Ort genommen, lautete der Vorwurf. Millionen verloren ihre Arbeit, ganze Regionen ihre industrielle Basis. Bis heute gilt die Treuhand vielen als Symbol einer Übernahme, die als feindlich empfunden wurde.

Breuel weist Kritik an Treuhand zurück
Breuel weist diese Kritik zurück. „Zu Enttäuschungen in den neuen Bundesländern nach der ersten Euphorie hat aus meiner Sicht vor allem der Irrtum über die tatsächliche Wirtschaftslage geführt“, erklärte sie der Deutsche Presse-Agentur. „Hinzu kam der Verlust sozialer Einbettung während der Umbruchjahre.“ Das habe die Treuhand nicht auffangen können. Für sie bleibt der Kurs von damals alternativlos: „Die noch von Detlev Rohwedder vor seiner Ermordung formulierten Leitsätze für unsere Arbeit waren: schnell privatisieren, entschlossen sanieren, behutsam stilllegen.“
Die Bilanz ist nüchtern und für viele bitter! Nach Zahlen der Bundesstiftung Aufarbeitung wurden bis 1994 rund 12.500 Unternehmen privatisiert, 3700 Betriebe geschlossen. Ein industrieller Aderlass, dessen Folgen strukturschwache Regionen bis heute spüren.



