Architekt Philipp Dittrich (53) gehört zu der Bürgerinitiative Jahnsportpark, die gegen den Abriss des Stadions kämpft. Foto: Otto

„Widerstand ist zwecklos!“ Der markante Schlachtruf der außerirdischen Borg aus „Star Trek“ scheint auch für das Große Stadion im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark zu gelten. Sein Abriss ist laut der Behörde von Sportsenator Andreas Geisel (SPD) beschlossene Sache. Ein Neubau soll her, koste es, was es, wolle. Doch dagegen regt sich Widerstand. Die Pankower Bürgerinitiative Jahnsportpark, die von 200  Berlinern unterstützt wird, kämpft um das alte Stadion. Einer der Mitbegründer ist Philipp Dittrich (53).

Der KURIER trifft  ihn vor dem Stadion. Dittrich kennt das Areal genau. Er wohnt in der Nähe, spielt im Sportpark oft auf der Tennisanlage. Vom Beruf ist Dittrich Architekt. Er zeigt auf die Haupttribüne, auf der zu DDR-Zeiten oft Stasi- und Dynamo-Klubchef Erich Mielke saß und von dort Sicht auf den Westen Berlins hatte. „Dieses Gebäude aus Stahl und Beton wurde erst vor 33 Jahren errichtet. Muss man das jetzt schon abreißen?“, fragt Dittrich.

Aus baulicher Sicht hätte der Tribünensockel dringenden Erneuerungsbedarf, schon um das Gebäude etwa für Rollstuhlfahrer nutzbar zu machen. Aber deshalb müsse man nicht das ganze Stadion dem Erdboden gleichmachen, um ein neues für 120 Millionen Euro darauf zu setzen.

Blick auf die 1987 fertiggestellte Haupttribüne des Jahnstadions. Es ist ein Zeugnis, wie sich die DDR-Staatsmacht im Jahn-Sportpark präsentierte, und sollte daher erhalten bleiben. Foto: Otto

4000 Unterschriften gegen den Abriss

So sieht es die Bürgerinitiative, die sich im Februar gründete und mit einer Petition gegen den Abriss kämpft. „Über 4000 Unterschriften haben wir, 5000 sind unser Ziel“, sagt Dittrich. Im August will die Initiative sie Sportsenator Geisel überreichen, um zu zeigen, dass nicht alle Berliner den Senatsabrissplan gutheißen. „Statt neu zu bauen, muss die Sanierung des Stadions Priorität haben. Man sollte möglichst viel erhalten, was geht.“

Aus mehreren und vor allem historischen Gründen: „Das heutige Stadion, das in mehreren Etappen entstand, ist eng mit der Berliner Nachkriegsgeschichte verbunden“, sagt Dittrich. „Es wurde 1951 inmitten eines Hügels errichtet, der zuvor aus abgeladenen Kriegstrümmern entstanden war.“

Zusammen mit dem Mauerpark sei die Arena ein wichtiges Zeitdokument der Teilung der Stadt. „Das kann man sich kaum vorstellen: Da saßen Menschen im Stadion, und etwa drei Meter hinter ihnen verlief die erste Sperre der Mauer zum Westteil der Stadt“, sagt Dittrich. Die Hinterlandmauer ist immer noch da, steht unter Denkmalschutz. Nur das Stadion nicht, das laut Landesdenkmalamt auch nach einer Prüfung nicht schutzwürdig ist.

Dittrich sieht das anders: Allein die Haupttribüne sei architektonisch wertvoll, die von einer tschechischen Firma aus Anlass der 750-Jahrfeier Berlins 1987 gebaut wurde. Der Bau aus Glas, Stahl und Beton, „er zeigt, wie sich im Jahn-Sportpark die DDR-Staatsmacht präsentierte“. Die wuchtige Rampe, die als Zufahrt für Mielke diente, oder der gesonderte Eingang, dessen Gittertür an ein Gartentor erinnert: Dies alles wäre mit dem Abriss für immer verloren.

Abriss-Gegner haben diese Foto-Montage, die Senator Andreas Geisel zeigt, an einen Bauzaun vor dem Jahn-Sportpark geklebt. Foto: Otto

Es käme noch zu einem größeren Verlust, sollten die Bagger Anfang 2021 anrollen, so wie es die Sportverwaltung plant. „Es würde ein Berliner Wahrzeichen verschwinden“, sagt Dittrich. „Und das ist das Jahnstadion. Schon von weitem sind die großen, markanten Flutlichtmasten in der Stadt zu sehen, sind wie ein Wegweiser zum Jahn-Sportpark. Und so einsturzgefährdet, wie seit 2014 in der Machbarkeitsstudie des Senats berichtet wird, können sie offenbar nicht sein. Die Masten stehen noch immer.“

Die lange Mängelliste, die die Gutachter in die Machbarkeitsstudie schrieben, sei kein Grund für einen Stadion-Neubau, so Dittrich. „Brennbare Sitzschalen, fehlende Barrierefreiheit, das alles kann erneuert und korrigiert werden. Dass sogar ein Blitzschutz im Stadion fehlt, den man übrigens auch nachträglich anbringen kann, wage ich zu bezweifeln. Ich glaube nicht, dass man damals Stasi-Chef Mielke der Gefahr eines Blitzschlages ausgesetzt hat.“

Dass die Sportverwaltung sich für Berlins drittgrößte Sportanlage ein überdachtes Stadion wünscht, sei ebenfalls kein Problem. „Man kann auch die alte Anlage überdachen.“

Auch der neue Grund der Behörde für den Neubau, wonach unter der neuen Tribüne Elektro-, Wärme- und Wasserversorgungsanlagen für den gesamten Sportpark installiert werden sollen, sei laut Dittrich gar nicht notwendig. „Die benachbarte Max-Schmeling-Halle ist laut senatseigener Studie bereits für die Mitversorgung des Jahn-Sportparks technisch vorgerüstet“, sagt er.

Dittrich macht deutlich: Die Bürgerinitiative steht hinter dem Senatsplan, den Jahn-Sportpark zu einer modernen Sportstätte umzubauen, die auch dem Behindertensport dienen soll. „Wir wehren uns aber gegen den Komplettabriss des Stadions",  sagt Dittrich. Der Senat sollte aktuell nochmals eine Sanierung der Arena prüfen. „Das Stadion abzureißen, obwohl es noch nicht einmal Pläne für den Neubau gibt, darf nicht das Ziel sein.“

2018 fand im Jahnstadion die EM der Leichtathleten im Behindertensport statt. Dafür wurde die Arena im Vorfeld sogar saniert. Foto: dpa