Klimawandel

Waldvision 2065: Berlins Plan zur Rettung der grünen Lunge der Hauptstadt

Berlins Wälder stehen vor enormen Herausforderungen. Jetzt plant die Umweltverwaltung mit der „Waldvision 2065“ und verstärkter Jagd einen neuen Weg.

Author - Sebastian Krause
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Berlin will mit dem Projekt „Waldvision 2065“ seine Wälder komplett umbauen und für mehr Nachhaltigkeit sorgen.
Berlin will mit dem Projekt „Waldvision 2065“ seine Wälder komplett umbauen und für mehr Nachhaltigkeit sorgen.Metodi Popow/imago

Berlins Wälder ächzen unter Klimastress – ob im Grunewald, im Spandauer Forst oder rund um den Müggelsee. Ein trockener März hat in Brandenburg bereits für erste kleine Waldbrände gesorgt, umgestürzte Bäume und reichlich Totholz im Tegeler Forst erinnern noch immer an den verheerenden Sturm im vergangenen Sommer.

Wälder sind die grüne Lunge von Berlin

„Nichts tun ist keine Option“, sagt Umweltstaatssekretär Andreas Kraus RBB24. Denn die Forsten sind die grüne Lunge der Stadt, sichern Trinkwasser und sind Erholungsraum für Millionen Großstädter.

Vor zwei Jahren wird Mischwald-Programm gestoppt

In der Forstwissenschaft ist unstrittig: Mischwälder mit unterschiedlichen Laub- und Nadelhölzern sind ökologisch wertvoller und widerstandsfähiger als Kiefer-Monokulturen. Berlin setzte deshalb lange auf einen „Umbau“ des Waldes – bis die damalige Umweltsenatorin Manja Schreiner (CDU) vor zwei Jahren überraschend das Mischwald-Programm stoppte.

Seitdem wurde in Forst- und Umweltverwaltung gerechnet, verglichen, evaluiert. Herausgekommen ist die „Waldvision 2065“, ein Plan über mehrere Jahrzehnte.

Berlins ehemalige Umweltsenatorin Manja Schreiner stoppte überraschend das Mischwald-Programm.
Berlins ehemalige Umweltsenatorin Manja Schreiner stoppte überraschend das Mischwald-Programm.snapshot/imago

Wald in Berlin soll natürlich verjüngt werden

Umweltstaatssekretär Kraus beschreibt den Wandel so: „Wir wollen natürliche Verjüngung. Das heißt: Der Wald wird sich selber verjüngen. Wir unterstützen ihn bei diesem Prozess.“ Schluss also mit großflächigen Rodungen und anschließender Aufforstung hinter Zäunen – eine Praxis, die viele Erholungssuchende ohnehin kritisch sahen.

Künftig soll es behutsamer zugehen: Fällungen nur noch punktuell. Der stellvertretende Leiter der Forsten, Felix Weisbrich, spricht von „gezielten Eingriffen“, um „Licht zu schaffen für nachwachsende Triebe“.

Wir wollen natürliche Verjüngung. Das heißt: Der Wald wird sich selber verjüngen. Wir unterstützen ihn bei diesem Prozess.

Andreas Kraus, Umweltstaatssekretär

Ausweitung der Jagd auf Rehe und Wildschweine

Den Rest sollen Eichelhäher, Eichhörnchen und andere Wildtiere übernehmen, die Baumsamen verteilen, fallenlassen oder vergessen. Angst um ihre Jobs haben die Förster deshalb nicht. Hochkompetentes Personal werde weiter gebraucht, betont Weisbrich, um die Waldentwicklung zu begleiten und dort einzugreifen, wo es nötig ist.

Dazu zählt auch eine Ausweitung der Jagd auf Rehe und Wildschweine – denn in Berlins Wäldern fehlen natürliche Fressfeinde wie der Luchs. „Das heißt aber auch, dass wir den Jagddruck erhöhen müssen“, sagt Umweltstaatssekretär Kraus. Junge, ungeschützte Triebe sollen schließlich nicht weggefressen werden. Ohne intensivere Jagd sei die natürliche Verjüngung quasi unmöglich.

Abschussquote muss deutlich erhöht werden

Die personelle Basis dafür steht: Von 280 Beschäftigten in den Revieren verfügen 60 über Jagdbefähigung und -berechtigung, dazu kommen mehr als 100 private Jäger mit Erlaubnis. Wie stark die Abschüsse steigen müssen, ist schwer exakt zu bemessen. „Wir wissen, dass es deutlich mehr sein muss“, so der stellvertretende Leiter der Forsten.

Aktuell werden beim Rehwild rund drei Tiere pro Jahr und 100 Hektar geschossen. Erfahrungen aus Revieren mit natürlicher Waldverjüngung deuten darauf hin, dass die Quote mindestens doppelt so hoch liegen muss. Dass dieses neue Vorgehen Fragen und Kritik auslösen kann, ist den Forsten bewusst.

Berliner befürworten das Projekt „Waldvision 2065“

Parallel zur „Waldvision 2065“ hat die Verwaltung 2.006 Berlinerinnen und Berliner online befragt, wie wichtig ihnen Wälder und deren Schutz sind. Das Ergebnis: 81 Prozent unterstützen den Umbau hin zu Mischwäldern, 54 Prozent befürworten zudem, den Verbiss junger Bäume durch Jagd zu verhindern.

Rückenwind kommt auch von Umweltverbänden: Der Bund für Umwelt und Naturschutz (Bund) begrüßt die angestrebte natürliche Verjüngung des Waldes – dazu gehöre auch eine Reduzierung von Wild auf ein „erträgliches Maß“. Klar ist: Die grüne Lunge der Hauptstadt soll künftig aus eigener Kraft stärker durchatmen – mit Hilfe kluger Eingriffe, wachsamer Förster und einer Jagd, die den Wald von morgen schützt.

Wie ist Ihre Meinung dazu? Bitte schreiben Sie uns: leser-bk@berlinerverlag.com