Vegane Ernährung

Grillen ohne Fleisch: Berlins einzige vegane Fleischerei zeigt wie es geht

WM-Zeit ist Grillzeit, in der einzigen veganen Fleischerei Berlins gibt es bei Simon Basaglia alles, was Tierfreunde lieben. Nur keinen Tofu.

Author - Stefanie Hildebrandt
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Simon Basaglia ist Chef in der Veganen Fleischerei in der  Kastanienallee.
Simon Basaglia ist Chef in der Veganen Fleischerei in der Kastanienallee.Stephanie Steinkopf/Ostkreuz

In der veganen Fleischerei in der Kastanienallee in Berlin Prenzlauer Berg kommt nichts Tierisches in die Theke, auch wenn es ansonsten so zugeht wie beim Edel-Metzger. Pünktlich zum Beginn der Grillsaison haben wir Chef Simon Basaglia (49) getroffen, um mit ihm über Geschmack und vegane Ernährung zu sprechen.

Namen so nah am Fleisch dran wie möglich

Auf den Schildchen im weiß gefliesten Verkaufsraum steht in Schönschrift, was es in der veganen Fleischerei alles gibt: „Kein Roastbeef“, „Keine Lyoner“, „Keine BBQ-Rippchen“, „Keine Bolognese“.

Keine Bratwurst, kein Kebap. Nur pflanzliche Produkte kommen in der veganen Fleischerei  in die Theke.
Keine Bratwurst, kein Kebap. Nur pflanzliche Produkte kommen in der veganen Fleischerei in die Theke.Stephanie Steinkopf/Ostkreuz

Es gibt veganen Bratkartoffelsalat, Heringssalat auf Auberginen-Basis, eingelegte Peperoni mit veganer Frischkäsecreme, Brie ohne Milch und sogar einen veganen Hartkäse. „Den kannst du reiben wie Parmesan“, sagt Simon, Freunde aus Italien stellen den Käse auf Basis von Mandeln und Ackerbohnen her. Tofu allerdings sucht man vergeblich.

Zwei Mal in der Woche frisches Mett - aus Reiswaffeln

Stattdessen finden sich alle anderen pflanzlichen Proteine, die sich zur Herstellung von veganen Fleisch- und Wurstwaren eignen. Zwei Mal in der Woche machen sie in der veganen Fleischerei sogar „Kein Mett“ auf der Grundlage von Reiswaffeln.

Mittags gibt es in der Veganen Fleischerei auch ein Imbissangebot.
Mittags gibt es in der Veganen Fleischerei auch ein Imbissangebot.Stephanie Steinkopf/Ostkreuz

90 Prozent der Produkte, die in den Vitrinen liegen, werden in Dresden hergestellt. Hier haben die Gründer der Kette vor drei Jahren angefangen, ihr tierfreundliches Geschmacksimperium aufzubauen. Mittlerweile gibt es acht Franchise-Nehmer, Simon war nach der ersten Filiale in München der Zweite, der das Wagnis einging. 

Berlin sei ein vergleichsweise schwerer Markt, sagt er. Nicht weil das Interesse fehle, sondern weil es in der Stadt so viele vegane Angebote gebe. Allein innerhalb des S-Bahn-Rings sollen es 800 Geschäfte sein, die vegane Produkte im Angebot haben. Doch die vegane Fleischerei ist die einzige Adresse mit einer Frischetheke, nur hier kann man vegane Wiener und Co. lose kaufen.

Haben vegane Produkte viele Zusatzstoffe

Dem Klischee, dass vegane Wurst-Ersatzprodukte besonders viele Zusatzstoffe enthalten, widerspricht Simon Basaglia  daher auch energisch. „Wir kommen komplett ohne Zusatzstoffe, ohne Geschmacksverstärker aus. Wir verwenden fast keine Konservierungsstoffe, nur Zitronensäure, und Branntweinessig.“ Die Etiketten auf herkömmlicher veganer Supermarkt-Ware sind dagegen oft voller Zutaten. Die Entwickler neuer Produkte stecken bis zu drei Monate Arbeit in die Rezepte.

Simon Basaglia ernährt sich seit mehr als vier Jahren komplett vegan. Er fühle sich fitter als je zuvor, sagt der 49-Jährige.
Simon Basaglia ernährt sich seit mehr als vier Jahren komplett vegan. Er fühle sich fitter als je zuvor, sagt der 49-Jährige.Stephanie Steinkopf/Ostkreuz

Fangen wir grundsätzlich an: Warum heißt der Laden „Vegane Fleischerei“, obwohl doch hier Tiere Freunde statt Futter sind? Die Frage streift auch die Debatte, die die EU kürzlich aufwarf. Ein Aufschrei und Spott folgte, nachdem man EU-weit regeln wollte, was man noch Fleisch nennen darf und was nicht.  Ein Aus für Begriffe wie Veggie-Wurst und Veggie-Schnitzel stand im Raum: „Zeit- und Geldverschwendung!", nennt Simon Basaglia die Debatte.  Was den Namen seines Ladens betrifft: „Laden mit veganen Grillprodukten klingt einfach nicht.“

Vegan ist gut für Tiere und Menschen

Vielmehr geht es ihm mit seinen Fleisch-Pflanzen „um Geschmack und um den Einfluss, den wir Menschen haben“, sagt Simon Basaglia. Die veganen Produkte seien kein Ersatz für irgendetwas, sie seien eine Option. Eine Option, bei der Geschmack genauso zähle wie der Einfluss, den eine Ernährung ohne tierische Produkte auf die Umwelt habe. 

Die weltweiten Ressourcen sind begrenzt, der tägliche Tierfleischkonsum beschleunigt den Klimawandel und mittelfristig muss die Menschheit ihre Ernährungsgewohnheiten anpassen, will sie langfristig überleben. 

Bis er 17, 18 Jahre alt war, habe er kaum Lebensmittel aus dem Supermarkt gegessen, erzählt Basaglia weiter. Seine Großmutter baute an und kochte selber, was der Garten hergab. Es gab Fleisch, Eier, Parmesan. Natürlich. Seit etwa vier Jahren ernährt sich Simon komplett vegan und er vermisst nichts. Lediglich etwas Vitamin B12 nimmt er in Tablettenform als Ergänzung. Simon ist nicht allein: EU-weit hat sich der Verzehr pflanzenbasierter Fleischersatzprodukte im Vergleich zu 2011 glatt verfünffacht.

Essen ist Liebe

Zunächst war es nur ein Versuch, „einfach mal ausprobieren, wie es schmeckt – und es schmeckte richtig gut!“ Auch der Gedanke an das Tierleid war immer da, so Basaglia weiter. In seiner Heimat befindet sich bei Verona eine der größten Massentierhaltungen von Schweinen in Europa mit über 50 000 Tieren.

„Geschmack ist mir wichtig und ich fühle meine Gefühle, Punkt.“ Mehr muss zur Motivation des veganen Fleischers nicht gesagt werden. Vielleicht das noch: „Alle Menschen, die etwas mit Essen zu tun haben, sollten es mit Liebe und Gefühl angehen. Essen ist Liebe“, so Simon Basaglia.

Wer kauft beim veganen Fleischer ein

Über seine Kunden weiß Basaglia, dass sie eher weiblich sind und zwischen 15 und 35 Jahren alt. Es seien aber auch schon ältere Damen dagewesen, die nicht bemerkt hätten, dass es sich nicht um eine herkömmliche Fleischerei handelt. Sie hätten dann probiert und etwas für den Enkel mitgenommen. „Und sie kamen wieder“, so Basaglia. Besonders gut gehen übrigens typisch deutsche Fleischprodukte wie Leberkäse und Bratwurst. 

Kunden aus der ganzen Stadt nehmen dafür weite Wege auf sich, längst sind nicht alle komplette Veganer. Und Sportler stehen Schlange, für sie ist der Proteingehalt der Produkte wichtig. Stolze 130 gibt es in der veganen Fleischerei.

Fisch aus Pilzproteinen aus dem 3D -Drucker

Salami aus Seitan, einem Weizenprotein. Bratwurst aus Erbsen. Steak mit verschiedenen Marinaden aus Soja. Fisch aus Mykoproteinen, die aus dem 3D-Drucker in Fischform kommen. Bratwurst, Leberwurst,  Rippchen, ein komplettes Grillbuffet könnte man hier vegan zusammenstellen.

Freunde, nicht Futter. Auch ohne tierische Produkte kann man lecker grillen. Wenn es gut läuft, plant Simon, sein Geschäft mit  veganen Foodtrucks für Märkte zu erweitern.
Freunde, nicht Futter. Auch ohne tierische Produkte kann man lecker grillen. Wenn es gut läuft, plant Simon, sein Geschäft mit veganen Foodtrucks für Märkte zu erweitern.Stephanie Steinkopf/Ostkreuz

Für die Mittagspause gibt es auch eine warme Theke. Mit, mittlerweile traue er sich das zu sagen, den besten veganen Panini-Sandwiches der Stadt, so Basaglia. Nach Emilys Pastrami-Panini (11,80 Euro) etwa oder Juicy Meat in a Bun (9 Euro) lecken sich die Kunden die Finger. Mit einem Paprika-Steak im Brötchen habe man den typischen Grillgeschmack konserviert. Es gibt aber auch klassisch veganen Leberkäse im Brötchen oder Currywurst. 

Dass die Produkte teurer sind als im Supermarkt ist verständlich, wenn man das Angebot wie eine handwerkliche Feinkost-Fleischerei betrachtet.

Für Simon stellt sich am Ende nur die Frage, warum er nicht schon früher auf eine vegane Ernährung umgestiegen  ist, er fühlt sich fitter denn je. „Ich verstehe aber, dass es für viele schwierig ist, sich vorzustellen, dass ein Leben ohne tierische Produkte sehr zufrieden machen kann“, sagt er.

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