Norbert Witte auf dem Zentralen Festplatz. Noch bis Sonntag läuft hier der große „Herbst-Rummel“. Foto: Gerd Engelsmann

Die Achterbahn-Wagen brettern über die bunten Schienen. Die Steigung hinauf, den Berg hinab, rein in die Kurve. Eine wilde Fahrt durch das Ungetüm aus Stahl, 25 Meter hoch, 980 Meter Schienen. Manche der Passagiere in den Wagen klammern sich an den Haltestangen fest, andere reißen die Arme in die Luft, wenn es in die nächste Kurve geht. Manche Dinge ändern sich nicht. Andere schon: Früher, als sich die Stadt noch interessierte für Rummelfeste und Vergnügen, als Schausteller noch nicht aus Existenzangst auf die Straße gehen mussten, stand die Achterbahn mit dem Namen „8-erbahn“ im Kulturpark im Plänterwald. Heute heißt das Fahrgeschäft „Rock & Roller Coaster“, parkt beim Herbst-Rummel auf dem Zentralen Festplatz.

In Sichtweite steht ein Riesenrad für Kinder. Winzig sieht es aus im Vergleich zur Achterbahn. David gegen Goliath. Früher, das steht fest, wäre Norbert Witte Goliath gewesen, doch heute gehört ihm, seiner Familie, nicht die große Achterbahn, sondern das kleine Riesenrad. Außerdem eine Bude, die einen Mäuse-Zirkus beherbergt – unzählige Nager turnen in einem Terrarium durch Spielzeug-Kulissen. „Aber wissen Sie: Eigentlich bin ich ja Rentner, darum kümmert sich meine Frau“, sagt er. Gerade sei er 65 geworden. Und irgendwann müsse Schluss sein.

Norbert Witte. Einst war er der König der Schausteller. Er kümmerte sich nach der Wende um den Kulturpark, öffnete ihn als „Spreepark“ neu. Unzählige Menschen sausten in seinen Fahrgeschäften durch schöne Sommertage. Wittes Geschichte gehört heute zu den Legenden, die jeder Berliner kennt. Die erfolgreichen Jahre. Die Insolvenz. Die angebliche Flucht nach Peru. Der Koks-Schmuggel im Fahrgeschäft „Fliegender Teppich“. Sein Sohn Marcel im Knast bei Lima, er selbst in der JVA in Berlin. Der Spreepark bankrott und eine Ruine. Die Ehe zerbrochen, die Familie kaputt. „Aber es wird Zeit, dass die Vergangenheit ruht“, sagt Witte. „Bringt ja alles nichts. Es waren aufregende Jahre. Nur das Ende war eben nicht so schön.“

Norbert Witte mit den Schwanen-Booten seiner Kanalfahrt im Spreepark im Jahr 2009. Damals war der Park bereits geschlossen - doch Witte träumte noch von einem Neuanfang. Foto: imago stock&people

Er sitzt vor einem Getränkestand an der Westseite des Rummels. Trinkt Kaffee aus einem Pappbecher, zündet sich eine Zigarette an. Witte, braune Lederjacke, Bartstoppeln, die Augen hellwach, eine Locke seiner grauen Haare fällt ihm in die Stirn, genau wie auf Bildern von früher. Gegenüber der Mäusezirkus. Vor dem Eingang steht eine große Roboter-Maus, ihr linkes Auge klappt schwerfällig auf und zu – ein bisschen so, als würde sie zwinkern. Der einstige Rummel-König gibt nicht mehr oft Interviews. Auch, weil er abgeschlossen hat mit der eigenen Geschichte.

Norbert Witte kommt auch heute vom Spreepark nicht los

Abgeschlossen? Los kommt er vom Spreepark nicht. „Jeder, der etwas hört, kommt zu mir und sagt: Norbert, hast du schon gesehen, was sie da machen?“ Witte hat die Berichterstattung der vergangenen Wochen verfolgt. Den Vorstoß, den Spreepark für Karussells zu öffnen, um den Betreibern der Fahrgeschäfte nach der Corona-Pause das Arbeiten zu ermöglichen. Dass dann, als sogar eine Petition dafür gestartet werden sollte, plötzlich die Bauarbeiten im Park begannen. Witte versteht das. „Es wäre schwierig gewesen, das zu vermitteln. Der Senat hat schließlich ein Konzept für den Park – und damit werden sich gute Leute auseinandergesetzt haben.“ Wer Karussells hinstellt, wecke Begehrlichkeiten – und dann könne es schwierig werden, wenn man die Geschäfte wieder wegnehmen muss. „Das versteht dann keiner mehr“, sagt Witte.

Norbert Witte, der Rummel-König: Szene aus dem Film Achterbahn, der das Leben der Familie Witte nachzeichnete. Foto: dpa

Stattdessen wird ein Park für Kunst und Kultur geschaffen. Die Rummel-Träume von einst: geplatzt. Witte sieht das entspannt, sagt er. „Es ist doch toll, dass man beim Senat überhaupt erkannt hat, dass der Spreepark eine wichtige, historische Kulturstätte ist, wo sich Generationen von Menschen getroffen haben. Und dass die zuständigen Leute nun etwas dafür tun und diese Stätte erhalten.“ Ein Freizeitpark an jenem Ort sei unter den aktuellen Bedingungen unmöglich. „Und es bringt nichts, sich an etwas festzuklammern, was nicht geht. Dass das Gelände erhalten wird, ist gut. Schlecht ist, dass ich meine Kohle verloren habe. Aber das ist eine andere Geschichte.“

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Der Spreepark ist mit Witte seit den Jahren nach der Wende verknüpft. Der heute 65-Jährige wurde 1955 geboren. Sein Vater stand mit Buden und Geschäften schon vorher auf dem alten Rummelplatz im Treptower Park. In Kriegszeiten floh er von dort, siedelte in die Nähe von Köln über. „Dann passierte das Dusseligste, was wir Deutschen geschafft haben: Die Mauer wurde gebaut“, sagt Witte. „Man kann froh sein, dass das Ding wieder weggeflogen ist.“ Dadurch kam er nach Berlin zurück. Der Kulturpark, der einzige Vergnügungspark der DDR, wurde abgewickelt. „Ich hatte die Möglichkeit, dort weiterzumachen, wo meine Eltern aufgehört hatten“, sagt er. „Ich wollte an die 100-Jährige Tradition des Rummels im Treptower Park anschließen.“

Das Riesenrad steht noch heute im Park, soll Anfang des Jahres abgebaut und saniert werden. Foto: Berliner KURIER/Gerd Engelsmann

Die Spreepark GmbH erhielt den Zuschlag für die Übernahme des Geländes, Eigentümern war Norbert Wittes Frau Pia. Doch nach außen wurde Norbert Witte das Gesicht des Spreeparks. Der Spreepark-Chef. Der Karussell-König. „Es waren tolle Jahre“, sagt er. „Und die Leute sagen noch heute: Norbert, das war schön, wie du das gemacht hast.“ Immer neue Fahrgeschäfte baute er, rückblickend reiht sich Anekdote an Anekdote. Stolz erzählt er von der Wasserbahn, die noch heute steht und steht und dabei immer mehr verfällt. Sie hätte – wenn man es genau nimmt – niemals stehen dürfen. Denn er war auch: Norbert Witte, der Macher.

Die große Wasserbahn baute Witte schwarz in den Park

„Fünf Jahre lang haben wir keine Baugenehmigung bekommen für eine Wasserbahn im Freizeitpark“, sagt er – und plötzlich lässt sich in seiner Stimme etwas Empörung entdecken. „Also habe ich sie schwarz eingebaut. Hat 50 Mille Strafe gekostet. Aber wir hatten das Ding gekauft und die Leute wollten es haben. Auch das ist historisch.“ Sogar Bäume wurden gefällt, um das Vorhaben zu realisieren. Eine Frau vom Amt habe damals behauptet, sie könne mit den Bäumen sprechen. „Ich sagte: Ich habe die Bäume gefragt. Sie sagten: Norbert, du bist ein geiler Typ, du darfst das.“ Wittes Augen leuchten wie die eines kleinen Jungen.

Doch mit den Jahren kamen immer weniger Besucher in den Park. Zum Ende der Saison 2001 folgte die Insolvenz. Warum? Vielleicht lag es daran, dass der Plänterwald rings um den Park zum Landschaftsschutzgebiet erklärt wurde, dass viele Parkplätze wegfielen. „Und heute ist es ja so, dass die Leute am liebsten mit ihren Autos direkt in die Achterbahn fahren würden“, sagt Witte.

Das legendäre Drachenmaul der Achterbahn Spreeblitz ist heute ein beliebtes Fotomotiv - auch für Einbrecher. Foto: dpa/Fabian Sommer

Was folgte, ist eine Berliner Legende. Witte verschiffte sechs Attraktionen nach Peru, um einen Neuanfang mit einem „Lunapark“ zu wagen. Doch auch dort blieb der Erfolg aus. In der Not ließ er sich auf einen Deal ein, über den er heute nicht mehr sprechen will. Was passierte, nennt er „die Sache“, „die Straftat“, manchmal den „Scheiß“. In einem Mast des Fahrgeschäftes „Fliegender Teppich“ sollten 2003 rund 167 Kilogramm Kokain nach Deutschland geschmuggelt werden, das Geld sollte den Spreepark retten. Wie das Geschäft zustande kam? Witte lächelt. „Die Scheiße will ich jetzt nicht erzählen.“

Mit allen Mitteln habe er versucht, das Unternehmen zu sichern. „Ich wollte es mit aller Gewalt aufrecht erhalten. Ich wollte nicht akzeptieren, dass wir verlieren.“ Vielleicht habe er, sagt er, das Ende nicht kommen sehen. Auch wenn er versucht habe, immer beide Seiten zu betrachten. Es kam, wie es kommen musste: Witte und sein Sohn Marcel wurden verhaftet. Marcel in Peru, Witte, inzwischen herzkrank, in Berlin. Sieben Jahre Haft, viereinhalb saß er ab. „Ich hatte mein Urteil angenommen“, sagt er heute. Mit anderen habe er sich im Gefängnis nicht zusammengetan. „Ich bin meinen Weg gegangen, nichts anderes hat die Justiz von mir erwartet.“

Selbst im Gefängnis blieb Norbert Witte eine Legende

Doch auch hier, hinter Gittern, blieb Norbert Witte die Legende. „Ich war ja nun bekannt in Berlin. Und im Spreepark waren alle. Einer von der Justiz sagte: Von dir kriege ich noch eine Hose, die habe ich mir damals an der Rutsche kaputt gemacht.“ Witte lächelt. „Alle sagten: Wir konntest du damals einfach abhauen? Wir wussten gar nicht, wohin wir mit unseren Kindern sollten. Klar: Viele fanden das schön, was wir gemacht haben. Aber vielleicht gab es an den Schalthebeln eben auch Leute, die das nicht schön fanden.“

Norbert Witte kam 2008 frei, sein Sohn Marcel kehrte 2016, nach 13 Jahren Haft in Peru, nach Deutschland zurück. Die Familie: Zerbrochen am dunkelsten Kapitel der Spreepark-Geschichte. Doch das Blatt hat sich gewendet, erzählt Witte. „Wir haben Frieden.“ Die Situation war für keinen in der Familie einfach. „Ich lernte meine Enkelkinder gar nicht richtig kennen. Aber was ist das wichtigste, das wir haben? Die Gesundheit und die Familie.“ Er habe sich mit seinem Sohn getroffen, sich ausgesprochen. „Ich war immer derjenige, der was falsch gemacht hat. Und ich habe andere mit reingezogen. Das kann ich gar nicht wieder gut machen. Als Vater ist man für seine Kinder verantwortlich. Und ich habe das getan, was ein Vater niemals tun darf: Meinen Sohn in eine kriminelle Sache verwickelt. Ich habe ihm seine Jugend und das Älterwerden versaut.“

Witte mit der ehemaligen Parkbahn im Spreepark. Foto: imago stock & people

Es sei bemerkenswert, dass der die Zeit im Gefängnis in Peru überlebte. „Ich wäre tot gewesen“, sagt Witte. Die Frage, die bleibt, sei: „Wie konnte das passieren?“ Witte beantwortet sie selbst. „Ich wollte nur den Park retten, dafür brauchte ich die Kohle.“ Heute bewundere er seinen Sohn, weil er die Kraft aufbrachte, all die Jahre zu überstehen. „Ich bin froh, dass er mich in den Arm genommen hat.“

Norbert Witte hat seinen Frieden gefunden. Mit der Familie, dem Park, mit sich selbst. Es ist Abend geworden auf dem Rummel, die Sonne lässt das große Riesenrad auf der anderen Seite des Festplatzes leuchten. Wittes Riesenrad ist heute kleiner. Aber was soll das auch? Seine neue Frau – die Ehe mit Pia zerbrach im Trubel um den Spreepark – kümmert sich um die Geschäfte, er ist nur noch da. Hier ein Kaffee, dort ein Gespräch. Er winkt jedem, er kennt jeden. Als ein Besucher den falschen Eingang in den Mäusezirkus nimmt, springt Witte auf und läuft ihm nach. Erst gestern habe der Regen Schaden an der lackierten Fassade des Geschäftes hinterlassen, sagt er. Dem Laien fällt es kaum auf. „Aber mir.“

Aufwachsen auf dem Rummel: „Ist doch auch ein schönes Leben“

Er genießt das Dasein zwischen den Buden. „Ist doch auch ein schönes Leben“, sagt er. „Es war immer toll, mit Karussells aufzuwachsen. Als ich ein junger Mann war auf dem Autoscooter, kamen die Frauen und fragten: Können wir was machen? Das ist ja nicht doof.“ Und Schausteller ist er geblieben, auch ohne eigenen Park – und auch wenn er nicht mehr im Kassenhäuschen sitzt. Witte ist auf Berlins Rummelplätzen zu Hause. Einmal Karussell-König, immer Karussell-König. Auch deshalb regt ihn vieles auf. Etwa, dass bisher nicht mehr Plätze für die Buden-Betreiber gefunden wurden, die während der Corona-Zeit nicht arbeiten konnten. „Warum wird nicht einfach das Tempelhofer Feld zur Verfügung gestellt?“, fragt er. Eine riesige, freie Fläche, unendliche Weiten, Platz genug für Abstand und Hygiene, der Boden Beton. „Damit können Sie mich ruhig zitieren.“ Auch im nächsten Jahr werde Corona nicht vorbei sein. Und auch dann werde man den Platz brauchen, um überleben zu können.

Noch verfallen die ehemaligen Attraktionen, doch die Grün Berlin GmbH will aus dem Gelände einen Kunst- und Kulturpark machen. Foto: Berliner KURIER/Gerd Engelsmann

Glück wünscht er allen, die sich um den Spreepark bemühen. Der Grün Berlin GmbH, deren Konzept er gut findet. Den Menschen, die hier einen Neustart wagen. Er wiederholt es wie ein Mantra. Nur manchmal sagt er plötzlich, dass er natürlich gern seinen Park zu Ende gebaut hätte. „Wenn ich 35 wäre, würde ich vermutlich noch mit dem Kopf gegen die Wand rennen.“ Aber man werde ja älter. Der Spreepark habe auch gezeigt, dass ein solcher Freizeitpark eigentlich eher aufs platte Land gehört. „Es war nicht umsetzbar und es gab nach mir niemanden, der den Plan unter den dortigen Bedingungen umsetzen wollte.“ Er selbst ist gescheitert – und nach ihm hat es keiner riskiert. „Sonst hätte man sagen können: Der Witte war ein bisschen doof.“ Mit dem Wissen von heute hätte er den Park nicht übernommen. „Da wäre ich ja bescheuert.“

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Ein bisschen pragmatisch sieht er den Neustart allerdings auch. Früher erzählte er oft, er wolle sich mit dem Spreepark ein Denkmal setzen. Und ist es nicht so, dass ein paar der Dinge, die Witte schuf, erhalten bleiben? Die Achterbahn „Spreeblitz“ mit dem inzwischen legendären Drachen-Maul, fester Anlaufpunkt für alle Park-Einbrecher, wird zum begehbaren Pfad, die Wildwasserbahn ebenso, auch andere Überbleibsel aus glücklichen Zeiten sollen Bestand haben. Vielleicht das Rundkino, der Kanal der alten Schwanenfahrt, die Parkbahn, das Tassen-Karussell, das noch gelb, orange und blau leuchtet. Ein Farbklecks zwischen all den Schrotthaufen und verfallenen Gebäuden, die ihre besten Zeiten hinter sich haben. „Meine Planer haben gesagt: Norbert, die errichten dir ein Denkmal.“ Seine Augen verraten: Es ist nach seinem Geschmack.

Was aber, wenn man die Zeit zurückdrehen könnte? Wenn er, Norbert Witte, heute in den Spreepark gehen könnte, und alles wäre so wie damals, als er hier noch der Karussell-König war? Womit, Herr Witte, würden Sie zuerst fahren? Kurz schaut er Richtung Himmel, dann antwortet er – und scheint das „fahren“ überhört zu haben. „Ich würde noch eine Wasserbahn bauen.“