Bürokratie versagt

Warum mehr als 7600 Flüchtlinge abtauchen konnten

Wie tausende Geflüchtete aus dem System verschwinden – und niemand genau weiß, wohin. Welche Bundesländer besonders betroffen sind.

Author - Stefan Henseke
Teilen
Viele der in den Ankunftszentren registrierten Flüchtlinge verschwinden wieder. Wie viele es in Berlin sind, weiß keiner.
Viele der in den Ankunftszentren registrierten Flüchtlinge verschwinden wieder. Wie viele es in Berlin sind, weiß keiner.Christophe Gateau/dpa

Vor einer Woche wurde gemeldet, dass in den Aufnahmeeinrichtungen von Rheinland-Pfalz 923 Flüchtlinge als vermisst gelten. Jetzt kommt raus, dass das Problem noch viel größer ist: Deutschlandweit sind 7624 Flüchtlinge spurlos verschwunden – und die Bundesländer Berlin, Bayern und Sachsen melden nicht mal Zahlen.

Mehr als 7600 Flüchtlinge sind verschwunden

Deutschlandweit sind sogar 7624 Flüchtlinge nicht da, wo sie sein sollten, berichtet die Bild-Zeitung. Die größte Zahl an verschwundenen Asylbewerbern melden Hessen (1763), Baden-Württemberg (1641) und Brandenburg (1401).

Verschwindet ein Flüchtling, gilt er nach zwei bis drei Tagen als vermisst, als „abgängig“ – die Behörden melden sie aus den System ab, nach sieben Tagen gibt es auch kein Geld mehr.

Aber wo sind die Flüchtlinge? Da versagt in Deutschland die sonst so genaue Bürokratie. Denn es gibt zwischen Ländern und Kommunen keine einheitliche Weitergabe der Daten zu abgetauchten Asylbewerbern.

Immerhin: In vielen Bundesländern werden die Betreffenden biometrisch erfasst. „Sollten sie andernorts vorstellig werden, zum Beispiel mit einem Asylantrag, würden sie zurückverwiesen werden“, erklärt eine Sprecherin vom Innenministerium Sachsen-Anhalts gegenüber Bild.

Die Organisierte Kriminalität wirbt Asylbewerber an

Viele Flüchtlinge lassen sich von ihrer Familie helfen, suchen Hilfe und Nähe von Landsleuten. So hat sich in Hamburg eine große Gemeinschaft an Afghanen etabliert, berichtet die Berliner Morgenpost. Das ziehe andere Afghanen an, auch wenn diese gar keine Aufenthaltsgenehmigung für die Hansestadt haben.

Viele tauchen in Großstädten wie Berlin und im Ruhrgebiet unter, manch Flüchtling zieht in andere Länder weiter. Aber auch die Organisierte Kriminalität wirbt Asylbewerber an, manche geraten in die Fänge von Menschenhändlern.

Aber die deutschen Behörden verlieren die Kontrolle. In Rheinland-Pfalz sollen sogar rund zehn Prozent aller aufgenommenen Flüchtlinge wieder aus den System verschwunden sein. Wie viel es in Berlin sind? Keiner weiß es! Denn in der Hauptstadt, aber auch in Bayern und Sachsen, werden die Untergetauchten nicht mal erfasst.