Es ist eine tragische, aber zugleich legendäre Geschichte: Vor genau 60 Jahren kam es zu dem Flugzeugabsturz im Stößensee. Ein Rückblick, wie der schwere Unfall damals genau abgelaufen ist – und wie etliche Berliner Leben von zwei Sowjets gerettet wurden.
Ein Drama am Berliner Himmel
Am 6. April 1966 hebt am Flugplatz Finow bei Eberswalde eine nagelneue Jak‑28P ab – ein sowjetischer Abfangjäger, gebaut für Überschallflüge. Doch nur wenige Minuten später – die Maschine befindet sich gerade über dem Berliner Westend im Steigflug – geschieht das Unfassbare: Beide Triebwerke fallen gleichzeitig aus.
Der Jet ist nur rund 4.000 Meter hoch, viel zu niedrig und zu langsam, um ohne Schub stabil zu bleiben. Den Piloten bleibt kaum Zeit. Ein Umkehren nach Finow erscheint aussichtslos – die pfeilförmigen Flügel der Jak‑28P sind für Geschwindigkeit optimiert, nicht für einen kilometerweiten Gleitflug mit tonnenschwerem Gewicht.

Eigentlich gäbe es nur eine Option: den Schleudersitz betätigen und retten, was zu retten ist. Doch Hauptmann Boris Wladimirowitsch Kapustin und sein Navigator Oberleutnant Juri Nikolajewitsch Janow entscheiden anders. Sie bleiben im Cockpit sitzen – und kämpfen darum, die taumelnde Maschine weg von dicht bewohnten Straßen und Häusern zu bringen. Eine Entscheidung, die sie das Leben kosten wird.
Die letzten Sekunden: Ein Absturz, der Berlin erschüttert
Die Piloten steuern den havarierten Jet über die Wohngebiete entlang der Heerstraße. Augenzeugen berichten später, wie das Flugzeug schließlich über der Havel ins Trudeln gerät, steil abkippt und mit einem gewaltigen Knall im Stößensee aufschlägt. Kapustin und Janow kommen sofort ums Leben – aber niemand am Boden wird verletzt.
Nur Stunden später spricht Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt von einer Heldentat: „Dies bedeutete den Verzicht auf die eigene Rettung.“ Und weiter: „Wir können davon ausgehen, dass die beiden die Gefahr eines Absturzes in dichtbesiedelte Wohngebiete erkannt und deshalb […] die Maschine in den Stößensee gesteuert haben.“

Bis heute bleibt unklar, ob eine formelle Absprache mit der sowjetischen Bodenstation existierte. Überliefert sind lediglich die wahrscheinlich letzten Worte Kapustins: „Wohin, Juri?“ – und unmittelbar vor dem Aufprall: „Ruhig, ruhig, ruhig.“ Ob es weitere Funksprüche gab, könnte nur das Zentralarchiv des russischen Verteidigungsministeriums klären. Doch große Teile der sowjetischen Unterlagen aus dem Kalten Krieg sind bis heute unter Verschluss.
Geheimaktionen im Stößensee: Ein Spionage-Geschenk für den Westen
Sicher ist hingegen, was die Westmächte im Stößensee fanden: Die Jak‑28P war ein sogenannter Perechwatschik, ein Abfangjäger mit hochmodernem Orjol‑D‑Radar in der Nase, damals das fortschrittlichste sowjetische System. Der Stößensee lag im britischen Sektor, weshalb sowjetischen Spezialisten der Zugang verwehrt wurde.
Noch bevor das Wrack offiziell geborgen wurde, zogen britische Militärtaucher Radar und Triebwerke heimlich aus dem Wasser, brachten sie nach Farnborough, untersuchten sie – und versenkten die Technik anschließend wieder im See. Ein Spionage‑Glücksfall für den Westen, ein politisches Desaster für Moskau.

Ironischerweise war die Jak‑28P überhaupt nur in Finow gelandet, weil sie bereits zuvor technische Probleme hatte. Normalerweise dienten sowjetische Überflüge über West‑Berlin als Machtdemonstrationen. Regelmäßig durchbrachen Jets die Schallmauer und erschreckten die Bevölkerung. Doch diesmal war alles anders. Die Katastrophe blieb aus, nur weil zwei Piloten im entscheidenden Moment auf ihre Rettung verzichteten.
Ein Wunder zwischen Havelchaussee und Pichelswerder
In den Tagen nach dem Absturz berichtet der Sender Freies Berlin ausführlich über das Unglück. Ein Anwohner beschwert sich im Fernsehen: „Wenn die Alliierten das immer weiter mit ansehen […] sollten sie wirklich bald mal was machen dagegen.“ Tatsächlich war die Lage angespannt: Nur wenige Jahre nach dem Panzer‑Konflikt am Checkpoint Charlie hätte ein Absturz in ein Wohngebiet eine internationale Krise auslösen können.



